Titel: Der Mann, der zu viel wusste

Chesterton, Gilbert Keith Der Mann, der zu viel wusste

Originaltitel: The Man Who Knew Too Much (1922)
Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann

Mit den Erzählungen: 1. Das Gesicht in der Schießscheibe 2. Der Prinz, der sich unsichtbar machen konnte 3. Die Seele eines Schülers 4. Der bodenlose Brunnen 5. Das Loch in der Mauer 6. Der Tick des Anglers 7. Der Narr der Familie 8. Die Rache der Statue

Warum rast der Parlamentsabgeordnete Sir Humphrey Turnbull ungebremst über einen Abhang in den Tod? Was hat der Premierminister mit dem rätselhaften Ableben eines Zeitungsmagnaten zu tun? Horne Fisher ist scheinbar zufällig immer zur Stelle, wenn einflussreiche Persönlichkeiten in kompromittierende Situationen geraten. Gilbert Keith Chesterton erzählt mit feinstem britischem Humor von brisanten Mordfällen unter Aristokraten.

Horne Fisher ist der Mann, der zu viel weiß über die dunklen Geheimnisse und illegalen Machenschaften der Upperclass. Im Unterschied zu seinem berühmten Kollegen, dem freundlichen und rechtschaffenen Pater Brown, ist er ein kühler Kopf, ein Zyniker mit besten Verbindungen in Regierungskreise. Von seinen ungeheuerlichen Entdeckungen lässt er sich niemals aus der Ruhe bringen – auch nicht, wenn sie zum Wohle des Landes vertuscht werden. Geriete doch das britische Empire in Gefahr, wenn ans Licht käme, wie sich seine Vertreter aufführen.

Die acht Kriminalgeschichten spannen einen Bogen vom noblen Landsitz Torwood Park, wo ein ominöser "Unfall" Horne Fishers Kombinationsgabe erstmals auf die Probe stellt, bis zum einem spektakulären Finale an der Felsküste von Kent.

Mit einem Nachwort von Elmar Schenkel.

Autor: Chesterton, Gilbert Keith
Titel: Der Mann, der zu viel wusste
Jahr: 2011-06
Seiten: 351 | Hardcover
Verlag: Manesse
ISBN: 978-3-7175-2228-7
Preis: 19.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"... Und wenn einer, der gerade dabei ist, sich hochzuarbeiten, als junger Mann in den niederen Regionen der Justiz, die sowieso ziemlich anrüchig sind, mal einen Fehlgriff getan hat, findet sich bestimmt ein alter Vampir, den er deswegen sein Leben lang am Hals hat."
"Guatemaltekische Golcondas, nicht?", sagte Fisher mitfühlend.
Harker schauderte. "Mir scheint, dass Sie alles wissen. Wie der Allmächtige", sagte er.
"Ich weiß zu viel", erwiderte Horne Fisher. "Und immer das Falsche."
(Gilbert Keith Chesterton: Der Tick des Anglers. In: Ders.: Der Mann, der zu viel wusste, S. 221.)

Der Erzählband "Der Mann, der zu viel wusste" in der Neuübersetzung von Renate Orth-Guttmann präsentiert sich auf den ersten Blick nur als eine Sammlung von verschiedenen, unzusammenhängenden Kriminalgeschichten mit wiederkehrenden Figuren. Im Verlauf der Geschichten um den Helden Horne Fisher und seinem Freund Harald March stellt sich jedoch bald heraus, dass sich durchaus ein richtiger roter Faden durch die insgesamt acht Storys zieht, allzumal hier aus wechselnder Perspektive vom Leben bis zum Tod des englischen Aristokraten Horne Fisher berichtet wird. So könnte man den Erzählband überdies als Episodenroman betrachten.

Nun wirken beinahe alle Kriminalgeschichten Chestertons wie Maskenspiele oder Rätselsuchbilder. Im Genre des Rätselkrimis war der Schriftsteller zweifellos ein höchst ironischer Meister. Der Hauptteil der Handlung besteht bei Chesterton meist aus Befragungen und erläuternden Gesprächen. Nicht selten werden diese Dialoge durch überraschende Wendungen wie eine plötzliche Flucht oder einem heftigen Gewaltausbruch garniert, welche aber neben der Herleitung und Auflösung des Kriminalfalls bereits die wenigen wirklichen Spannungsmomente bilden.
Und offenbar geht auch hier Horne Fisher, der Held aus "Der Mann, der zu viel wusste" wie Father Brown in aller Ruhe und Kaltschnäuzigkeit an seine detektivische Arbeit. Dabei erscheint Fisher gleichwohl ein Gegenmodell zu Brown, weil er – was aus der Handlung aller Erzählungen durch sein Verhalten schon bald abzusehen ist – selbst zum Mörder bzw. Täter wird. Dem hingegen Father Brown in irgendeinem seiner Fälle selbst als Mörder auch nur anzunehmen: Das war, wäre und ist undenkbar!
Alldieweil lässt Chesterton seinen Protagonisten in diesem Episodenroman über die genaue Figuren- und Charakterzeichnung gewohnt besondere Aufmerksamkeit angedeihen, - selbst wenn sie unter Umständen schon mausetot sind:

"Er war eindeutig tot. Blut floss aus einer tödlichen Wunde am Hinterkopf. Das der Sonne zugewandte Gesicht war aber unverletzt und seltsam fesselnd. Es war eins jener fremden Gesichter, die so unverkennbar sind, dass sie einem bekannt vorkommen. Wir haben irgendwie das Gefühl, dass wir sie kennen sollten, auch wenn das nicht der Fall ist. Es war ein großflächiges, kantiges Gesicht mit ausgeprägtem Unterkiefer, fast wie bei einem hochentwickelten Affen, der breite Mund war fest geschlossen und bildete einen geraden Strich. Die Nase war klein, die Nasenlöcher waren weit geöffnet, als schnappten sie nach Luft. Am auffallendsten aber war, dass die eine Augenbraue viel höher stand als die andere. March dachte bei sich, dass er noch nie so ein lebendiges Gesicht wie jenes tote gesehen hatte, und die brutale Energie dieser Züge wirkte angesichts der grauen Haare, die sie wie ein Heiligenschein umstanden, umso befremdlicher."
(Gilbert Keith Chesterton: Das Gesicht in der Schiessscheibe. In: Ders.: Der Mann, der zu viel wusste, S. 11 f.)

Chestertons Kriminalgeschichten zeichnen sich nun weniger durch ihre äußere Spannung (Action, Gewalt, kritische Lovestorys oder Cliffhanger) aus als durch ihre "innere Spannung", also seine ausgeprägte Charakter- und Figurenzeichnung, ihre wohlüberlegte Sprache und Stilistik sowie durch ihre Fixierung als Rätselerzählung. Manche Sätze hebt Chesterton dabei allerdings oft in den Rang von Aphorismen:

"Verlassen Sie sich darauf: Das Beste im Menschen erkennt man erst, wenn man das Schlimmste von ihm weiß. [Hinweis: Hervorhebungen durch d. Red.] Man ist mit diesen wunderlichen menschlichen Seelen noch nicht fertig, wenn man weiß, dass sie der Welt als unmögliche, makellose Wachsfiguren präsentiert wurden, die nie einer Frau nachgesehen haben oder die nicht wussten, was Bestechungsgelder sind. Selbst in einem Palast kann man ein anständiges Leben führen, ja selbst in einem Parlament kann man, wenn man sich gelegentlich ein wenig anstrengt, ein anständiges Leben führen. Ich sage Ihnen, dass für diese reichen Narren und Gauner eins ebenso gilt wie für den ärmsten Straßenräuber und Taschendieb: dass nur Gott weiß, wie gut sie versucht haben zu sein. Gott allein weiß, was das Gewissen überleben kann oder wie jemand, der seine Ehre verloren hat, trotzdem versuchen wird, seine Seele zu retten."
(G. K. Chesterton: Das Gesicht in der Schiessscheibe. In: Ders.: Der Mann, der zu viel wusste, S. 288)

Da offenbart sich nebenbei recht deutlich die Gottesgläubigkeit und der Katholizismus des vielseitigen Schriftstellers und Sozialkritikers Chesterton. Das weist mitunter auf seine stark moralische Denkweise hin, die in fast allen seinen Romanen und Erzählungen zum Ausdruck kommt. Nun mag man nichts gegen ehrliche Überzeugungen und ihren erzählerischen Ausdruck haben, aber in der Kriminalliteratur wirken solche ideologischen Ansätze doch immer auch ein wenig anstößig bzw. unappetitlich, - ob nun eine Krimiautorin wie z.B. Patricia Cornwell sich für die Todesstrafe ausspricht und das in ihren fiktionalen Serienkillerromanen (!) auch explizit kundtut, oder ob ein Autor wie der spätgewordene Katholizist Chesterton sein erzählerisches Werk zur moralischen Erbauung stilisiert und ausdrücklich seine ambivalenten Thesen als Kultur- und Sozialkritiker darin einfließen lässt.

Der Literaturwissenschaftler und Krimikritiker Thomas Wörtche befasste sich vor einiger Zeit mit dem Thema "Sherlock Holmes. Heute?" (vgl. Alligatorpapiere No. 2/2010, S. 42-45) und fragte danach, welche Relevanz Arthur Conan Doyle mit seiner berühmten Detektivfigur noch aufzuweisen hat. Eine ähnliche Frage stellte ich mich mir nun bei dieser Gelegenheit auch zu G.K. Chesterton und seinen Detektivgeschichten, die sich ja bei weitem nicht nur auf die Father-Brown-Storys beschränkten, auf jenen "bescheidenen, unauffälligen und kleinen Pater Brown", der ein "Priester, ein Sohn der katholischen Kirche" ist und in seinen Ermittlungen "kommt, sieht, schweigt und siegt" (Kurt Tucholsky). Sondern darüber hinaus auf ein gesellschaftspolitische Engagement, das sich in vielerlei Ausform(ulier)ungen in seinen Romanen, Essays, Pamphleten und öffentlichen Debatten deutlich niederschlug ...

Aber noch einmal im Detail zurück zum "Mann, der zuviel wusste":
Horne Fisher (Achtung: sprechender Name!) ist ein Mann, der oft im Trüben fischte, aber letztlich ist er doch auch jener "Mann, der zu viel wusste". Er ist überdies ein tragischer Held, wie bereits schon durch unser Anfangszitat angedeutet wurde. Seine Geschichten enden unter dem Strich ebenfalls jeweils auf ihre Weise tragisch, so komisch - oder besser: höchst ironisch - manche Aufklärung dabei auch wirken mag.
Horne Fisher stammt aus einer reichen, einflussreichen Aristokratenfamilie, vieler derer Mitglieder es bis in die höchsten Regierungsämter geschafft haben. Der Episodenroman beschreibt darauf aufbauend in acht kurzen Erzählungen (übrigens keine länger als 50 Seiten oder mehr als im Empfindungsbereich einer kleinen Novelle) Fishers Leben als Lebemann, der seine zeitgenössische Gesellschaft kritisch bis ins innerste durchblickt. Er ist zwar selbstreflektiert "der Narr der Familie" (vgl. die gleichnamige Erzählung, S. 229-278), weil er nichts Vorzeigbares geleistet hat und sich bis dahin weder vom Geld noch von der Macht hat korrumpieren lassen; der seltsame Anti-Held dieses Episodenromans verzweifelt allerdings von Fall zu Fall bzw. Schritt für Schritt an dieser, seiner sehr fragwürdigen Gesellschaft, dem Zustand seines britischen Empires, welches sich seiner Meinung nach vor allem mit seinen imperialistischen Anwandlungen langsam und systematisch zugrunde richtet.

Als Detektiv steht Fisher übrigens relativ hilf- und machtlos da. Zwar löst er seine Fälle mit viel Scharfsinn und mit einem genialen Blick auf das Kleine wie auf das große Ganze, aber es kommt nach seinen freischwebenden Ermittlungen eben nur selten zur Bestrafung des Täters. Das entweder, weil obwohl die Zusammenhänge und die Indizienkette zwar eindeutig sind, der Täter aus bestimmten Gründen (gesellschaftlicher Rang etc. pp.) auf der Grundlage dieser Ermittlungen nie von einem öffentlichen Gericht abgeurteilt würde (vgl. "Das Gesicht in der Zielscheibe", S. 5-44) - - - oder weil der Schaden einer Bestrafung viel größer wäre als ihr Nutzen (wie in der Erzählung "Der Tick des Anglers", S. 191-228).

Freund und Gehilfe von Horne Fisher ist Harold March, ein "aufstrebender Journalist und Sozialkritiker", sozusagen sein persönlicher „Dr. Watson“, womit der scharfsinnige Detektiv übrigens auch insgesamt einen zynischen Antagonismus zu Arthur Conan Doyles klassischem Detektiv Sherlock Holmes darstellt. (Denn Fisher "löst" seine Fälle trotz allem Scharfsinn i.d.R. nicht, und die Katharsis, die Bestrafung des Bösen oder gar die Ergründung des wirklichen Charakters des Bösen bleibt weitgehend aus. Und da hilft ihm auch kein Harold March.) Fisher lehrt seinen Freund March aber nicht nur den scharfen Blick auf logische Zusammenhänge, sondern den Blick auf eine durch und durch korrumpierte Welt mit ihren Verbrechen neuer Qualität.

Methodologisch bringt Horne Fisher damit mehrerlei zum Ausdruck: Die Aufklärung eines komplizierten Verbrechens leidet danach vor allem mehr als nur dialektisch a) an der falschen Auffassung der "raffinierten Wirkungen des Erwartungsgemäßen und des Offenkundigen" („Der Prinz, der sich unsichtbar machen konnte“ S. 45-84); b) den per se falschen Denkvoraussetzungen und Prämissen oder c) an dem wörtlich zu nehmenden "Aberglauben", der mit Gerüchten und Mythen jegliche rationale Auffassung der Dinge zerredet und zerstreut.
Chestertons anderer, legendärer Held und "Aufklärer" Father Brown hätte das an ganz anderer Stelle auf Deutsch wohl so formuliert:

"Ich habe das schon oft in unserer Zeit beobachtet. Man findet es in allen möglichen Zeitungsgerüchten und Schlagworten der Unterhaltung – man erkennt es an, weil es Entscheidung ist und nicht Gesetz. Die Leute lassen sich das und jenes vormachen, ohne es zu prüfen. Es schwemmt den alten Rationalismus und Skeptizismus herein wie die See – und sein Name ist Aberglaube (...)
Als erste Folge davon, daß ihr nicht an Gott glaubt, verliert ihr euren gesunden Menschenverstand und sieht die Dinge nicht mehr wie sie sind. Man mag reden, wovon man will – wenn man nur sagt, dass da sehr viel dahintersteckt, streckt es sich immer weiter, wie eine Fernsicht im Fiebertraum. Dann ist der Hund ein Omen, die Katze ein Rätsel und ein Schwein ein Glücksbringer ..."
(Zitiert nach: G.K. Chesterton, Das Hundeorakel. In: Ders., Pater Brown und der Fehler in der Maschine. Diogenes Verlag: Zürich 1980, S. 267.)

Gegen all diese Anfechtungen zur Wahrheit und Gerechtigkeit profitiere man jedoch insgesamt von einem unvoreingenommen (fast philosophischen) Blick für das Allgemeine und das Besondere. Chesterton findet so in diesen hier vorliegenden wie all seinen anderen Erzählungen immer wieder nicht nur den Weg vom winzigen Detail zum großen Ganzen, sondern überdies zu seiner ureigenen (Erzähl)Moral. – Chestertons Held Fisher erklärt sich selbst und seine Denkmethoden dann folgerichtig noch einmal deutlich in der letzten Erzählung des Bandes:

"Ehe wir weiterreden (...) sollen Sie eins wissen. Sie und ich haben in der Vergangenheit zusammen etliche Rätsel gelöst. Da ist es nicht mehr als recht und billig, wenn Sie die Lösung auch dieses Rätsels erfahren. Doch wenn ich mich mit dem Tod meines Onkels befasse, muss ich von einer anderen Seite her anfangen als bei unseren früheren Detektivgeschichten. Ich will Ihnen, wenn es Sie interessiert, gern die einzelnen Schritte meiner Deduktion erklären, allerdings bin ich nicht dadurch der Wahrheit auf die Spur gekommen. Zuerst sollen sie die Wahrheit selbst erfahren, die ich von Anfang an kannte. Den anderen Fällen habe ich mich von außen genähert, diesmal war ich mittendrin, war selbst Kern und Mittelpunkt des Geschehens."
(Gilbert Keith Chesterton: Die Rache der Statue. In: Ders.: Der Mann, der zu viel wusste, S. 279-318.)

In diesem Fall führt Chesterton übrigens auf bitter-ironische Weise jegliche ermittlerische Induktion und Deduktion ad absurdum, weil jeder Beteiligte von Anfang an von falschen Ausgangsvoraussetzungen ausgegangen ist. (Ein Apercu, was übrigens z.B. jegliches Philosophieseminar zum Thema Platon befruchten könnte!)
Seine Kriminalgeschichten sind dem verkappten Aufklärer Chesterton alles in allem offenbar Mittel zum Zweck: Nicht einfach nur Mord, Totschlag, Diebstahl oder Betrug spielen bei ihm und hier plötzlich nunmehr eine Rolle, sondern der überaus kritische Gesamtzustand eines Gemeinwesens bzw. seiner Denkweisen. (Bei Chesterton hier im Zeitkontext - 1922 nach der irischen "Abspaltung", die 1.-Weltkriegs-Nachperiode und nicht zuletzt die Hinwendung des Autors zum Katholizismus - das Gefühl einer von Bürgerkrieg und feindlichen Fremdeinflüssen bedrohten englischen Nation.)
Es fällt damit mitunter besonders deutlich auf, als wie moralbehaftet sich Chestertons Erzählungen herausstellen. Setzte man bei den Storys über den kirchlichen Prediger und religiösen Ermittler Brown das noch wohlmeinend und billigend voraus, so stellt dies bei Fisher derweil mit einer vehement vorgetragenen Sozial- und Gesellschaftstheorie ein beinahe irritierendes Hintergrundmuster dar. Chesterton setzt in seinen acht Erzählungen vielfach mehr oder weniger offen zu gesellschaftspolitischen Botschaften an, das dann aber vor allem und radikal in seiner letzten Erzählung dieses Bandes, dem höchst sarkastischen, aber gleichwohl etwas überdramatisierten und fatalistischen Stück "Die Rache der Statue".

In welchen hintergründigen Kontext ist "Der Mann, der zu viel wusste" also eingebettet? - Der Streit um eine gerechte Verteilung von Gütern und Kapital hat nicht nur die englische, britische oder Commonwealth-Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts mit ihrem grassierenden Imperialismus nachhaltig geprägt. In Großbritannien kamen dabei u.a. die Publizisten und engen Freunde Gilbert K. Chesterton und Bernard Shaw, zwei der bekanntesten und angesehensten Schriftsteller ihrer Zeit, in dieser Frage zu recht unterschiedlichen Ergebnissen:
Shaw plädierte "sozialistisch" für eine staatliche Umverteilung aller produzierten Waren, Chesterton dagegen suchte quasi einen katholisch "korporatistischen" Mittelweg zwischen kapitalistischer Großindustrie und Sozialismus und plädierte für einen möglichst breit gestreuten Besitz von Land und "Produktionsmitteln" in privater Hand. Damit und mit seinem stellenweise garstig fremdenfeindlichen Nationalismus kam Chesterton in gefährliche Nähe zum damals aufblühenden Faschismus und zum Antisemitismus *, der sich auf perfide Weise ähnlicher Ideologiefragmente bediente. - Was Chesterton dabei aber vor einem plumpen Verdacht ausnimmt, schlicht ein "Reaktionär" zu sein, das zeigt u.a. die öffentliche Diskussion, die er und Shaw 1928 führten und die noch im gleichen Jahr auch in gedruckter Form erschien:

In ihrer vehementen Debatte legten die beiden Kontrahenten Shaw und Chesterton ihre kontroversen Sichtweisen dar. Manches daran mag daran mittlerweile überholt erscheinen, das Protokoll dieser "Podiumsdiskussion" bleibt aber dennoch ein bemerkenswertes Zeugnis eines tief verwurzelten Humanismus’, einem ernstgemeinten Kampf um soziale Gerechtigkeit und nicht zuletzt einer lebendigen und aufrichtigen Diskussionskultur. Dabei steht die Debatte der beiden wider einer sinnlos wiederkäuenden und dumpfsinnigen Talkshow-Kultur, wie wir sie heute tagtäglich in den zahlreichen, durchaus wohlplatzierten und mithin wohlkalkulierten Promotionshows zu erleiden haben. Die tatsächliche Möglichkeit einer `fruchtbaren Diskussion´ scheint darüber übrigens inzwischen fast vollständig in Vergessenheit geraten zu sein.**

Derweil findet man in Chestertons Werk immer wieder solche hintergründigen Denkmomente, luzide Gedanken und beinahe schon kulturanthropologische Beobachtungen wie die folgende:

"Den Unterlagen hatte er entnommen, dass Prior’s Park wohl ursprünglich Prior’s Farm gewesen war, als das Gehöft eines örtlichen Landwirts, aber wegen der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen hielt es schwer, der Geschichte aufgrund von Überlieferungen auf die Spur zu kommen. Wären noch ein paar Bauern dagewesen, wäre ihm vermutlich irgendwo etwas von einem wenn auch noch so vagen Mr Prior zu Ohren gekommen. Aber die modernen Nomaden in der Gestalt von Angestellten und Handwerkern, die ständig ihr Heim von einem Vorort in den anderen oder ihre Kinder von einer Schule in die andere verlegten, hatten zwangsläufig keine gemeinsame Tradition. Sie lebten in jener Geschichtsvergessenheit, die überall mit einer Ausweitung der Bildung einhergeht."
(Gilbert Keith Chesterton: Das Loch in der Mauer. In: Ders.: Der Mann, der zu viel wusste, S. 155.)

Beinahe schon "hermeneutisch" wirken im Übrigen viele über die Erzählungen verstreute Sätze wie:

"Der intelligente Mensch unserer Tage akzeptiert nichts bedenkenlos, ist aber bereit, allem zu glauben, was ein Bedenkenträger sagt."
(Gilbert Keith Chesterton: Das Loch in der Mauer. In: Ders.: Der Mann, der zu viel wusste, S. 185.)

Gilbert K. Chesterton hinterlässt trotz seiner erzählerischen Kraft und seiner intellektuellen Urgewalt bis heute einen insgesamt sehr ambivalenten Eindruck, weil man mit einigen fragwürdigen Versatzstücken seines Werks wie die seines britischen Nationalismus’, des sektiererischen Katholizimus’ und des ansatzweisen Rassismus’ (mit viel deutlicherem Antisemitismus’) einen sehr bedrückenden und mithin schalen Beigeschmack davon bekommt, weshalb und worüber sich unsere Altvorderen, deren noch bis in Chestertons Zeitgenossenschaft reichenden Generation gerade am meist friedlichen Aussterben ist, gewalttätig die Köpfe eingeschlagen haben ... – Wie zitierten den Autor, der vor lauter –Ismen wohl manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen konnte, dazu schon eingangs:

"Er war eindeutig tot. Blut floss aus einer tödlichen Wunde am Hinterkopf. Das der Sonne zugewandte Gesicht war aber unverletzt und seltsam fesselnd. Es war eins jener fremden Gesichter, die so unverkennbar sind, dass sie einem bekannt vorkommen."

Das Gesicht eines Jahrhunderts?

Fazit: Elmar Schenkel hat in seinem interessanten, sehr sachbezogenen und insgesamt recht adäquaten Nachwort den vorliegenden Erzählungen respektive dem Episodenroman einige aufschlussreiche Hintergründe beiseite gestellt und das Werk als Episodenroman verständlich eingeordnet. Eine "werkkritische" Neuausgabe mit entsprechender Kommentierung sähe derweil wohl doch noch ganz anders aus. Zudem hätte man sich im Einzelnen zudem eine etwas genauere Betrachtung darüber gewünscht, was eine Neuübersetzung – unabhängig von der hier vorliegenden Qualität – überhaupt leisten kann oder muss.
Der Rezensent wird nun ehrlich gesagt die moralischen Ambivalenzen von Chestertons vielseitigem Werk nicht los, so dass bei ihm auch nach dieser Lektüre zwar deutliche Anerkennung, aber wohl kaum eine dauerhafte Freundschaft zu dem Autoren und seinem Werk erwachsen wird.
Allgemein betrachtet gestalten sich die Schriften Chestertons als durchaus lesenswert und sind überdies nach wie vor von literarischem oder literaturgeschichtlichem Interesse. Ob nun unbedingt "Der Mann, der zu viel wusste" mit seiner vielschichtigen Ambivalenz in eine "Bibliothek der Weltliteratur" gehört, das kann man, möchte man vielleicht auch durchaus, aber muss man dennoch nicht zwingend bezweifeln. Worüber die wirklich schöne und bemühte editorische Gesamtleistung des Manesse Verlags natürlich nicht insgesamt in Frage gestellt werden soll.

Anmerkungen:

* Beides vor allem in: Gilbert Keith Chesterton: Der bodenlose Brunnen. In: Ders.: Der Mann, der zu viel wusste, S. 113-144.)
** Vgl. "Shaw v. Chesterton, a debate between George Bernard Shaw and G. K. Chesterton". (Nachlesbar u.a. unter: http://www.cse.dmu.ac.uk/~mward/gkc/books/debate.txt)

[ hs/26.06.2011 ]
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