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Dickey, James FlussfahrtOriginaltitel: Deliverance
Unsere Meinung:"Lewis und ich waren anders, und wir beide unterschieden uns ebenfalls voneinander. Weder besaß ich seine Energie noch teilte ich seine Obsessionen. Lewis wollte unsterblich sein. Er hatte alles, was das Leben bieten konnte, aber das reichte ihm nicht. Und weder konnte er selbst damit aufhören noch ertragen, Dass das Alter es ihm abnahm. Denn in der Zwischenzeit würde er vielleicht herausfinden, was es war, das er wollte. Irgendwo musste es sein und dann wollte er es seinem Willen unterwerfen."
(James Dickey: Flussfahrt, S. 11) "Walk straight, walk tall, spit the world right in the eye / The stranger the wood, the straighter the arrow." (Zynisches Begleitzitat aus dem Song "An Englishman in New York". In: Godley & Creme, Freeze Frame, 1979) Die vier gelangweilten Großstädter Bobby, Drew, Ed und Lewis brechen an einem verlängerten Wochenende auf zu einer abenteuerlichen Kanufahrt in einem Gebirge irgendwo in der amerikanischen Provinz. (Die im Buch genannten Orte Aintry und der Cahulawassee River sind rein fiktive Orte, die Sie auf keiner amerikanischen Landkarte finden werden.) Die alten Freunde wollen einen wilden Fluss bezwingen, den es so bald nicht mehr geben wird, weil er einem riesigen Staudammprojekt zum Opfer fallen soll. Ed und Lewis (insgeheim der Anführer der Gruppe) nehmen Pfeil und Bogen auf die Reise mit, weil die versierten Bogenschützen in der wilden Landschaft nebenbei noch in ganz naturbelassener Weise auf Hirschjagd gehen wollen. Ihr Wochenendausflug führt die vier Freunde in eine wilde Gegend, deren Bewohner nicht nur für ihr Hinterwäldlertum, sondern auch für ihre kriminellen Machenschaften wie der illegalen Schnapsbrennerei bekannt sind. Dennoch ziehen die Abenteurer relativ unbekümmert in ihren zwei Kanus los, wenn sich der eine oder andere vielleicht auch fragt, auf was für eine gefährliche Tour er sich da eingelassen hat. Und bald schon soll sich nicht nur die Gefährlichkeit des wildreißenden Gebirgsflusses und seiner Schluchten unter Beweis stellen, sondern auch der schlechte Ruf der Leute in dieser Gegend auf schreckliche Weise bewahrheiten. Ed und Bobby werden auf brutalste Weise von zwei bewaffneten und marodierenden Einheimischen überfallen. Schnell eskaliert die Situation, und es kommt zu einem erbitterten Kampf auf Leben und Tod ... Muss man zu diesem Klassiker noch viel sagen? Ja, ein wenig vielleicht doch, schon um eventuellen Verwechslungen und Irritationen vorzubeugen. Viele werden die Geschichte des Romans nämlich aus dem Film von John Boorman kennen, den er unter dem Titel "Deliverance" 1972 mit Burt Reynolds und Jon Voight abdrehte. (Deutscher Verleihtitel: "Beim Sterben ist jeder der Erste"). In Deutschland erschien der Roman erstmals 1971 und dort nach verschiedenen Auflagen und Ausgaben auch bis dahin letztmals (nämlich 1992). "Flussfahrt" ist eine aufregende Mischung aus Thriller und Abenteuerroman. Und gerade seine archaischen Motive und seine hintergründigen Erzählmotive lassen ihn bis heute zeitlos wirken. Mit Ed (dem Ich-Erzähler), Lewis (dem bis zum Ende hin stark abgewandelten "Anführer"), Bobby (einem "Opfer") sowie Drew (- - -) haben wir keine Helden im eigentlichen Sinne vor uns. Es sind vier Kerle, im Grunde alle vier aufschneiderische Machos, die mit viel Bier das männliche Abenteuer in der Wildnis suchen. Die es sich selbst und anderen beweisen wollen. Doch das, was sie sind und was sie zu sein glauben, das wird in der Wildnis und durch die Feindseligkeit der Welt dort draußen außerhalb der Zivilisation und Großstadt nicht nur erbarmungslos in Frage gestellt, sondern bis auf den Kern ihrer aller Existenz reduziert. James Dickey erweist sich in seinem Roman als ein sehr versierter Erzähler. Mit knapp 250 Seiten hat er seine Geschichte genau bemessen und den idealen erzählerischen Raum gegeben. So kann er die Spannung auch nach den drei, vier äußerst dramatischen Höhepunkten der Geschichte auch "in ruhigeren Gewässern" mühelos aufrechterhalten, da er seine Protagonisten zunehmend in tiefe moralische Widersprüche und Selbstzweifel verstrickt und sie zu keinem Zeitpunkt aus den Folgen ihrer Gedankenlosigkeiten befreit. ("Mitgehangen, mitgefangen.") – Die Leser können dies alles übrigens sehr gut nachvollziehen, da ihnen die Protagonisten und ihre Beziehungen untereinander zu Beginn des Romans kurz und präzise dargestellt wurden ... Ein starkes Stück. Schließlich ist also dem ambitionierten Seeling Verlag zu danken, dass er diesen brutalen Klassiker der amerikanischen Kriminalliteratur überhaupt wieder ausgegraben hat. Es lohnt sich so übrigens ein genauerer Blick auf das Programm des Verlages, der u.a. auch junge Autoren wie den Deutschen Stefan Kiesbye ("Nebenan ein Mädchen") und den Amerikaner Derek Nikitas in die deutsche Krimilandschaft befördert hat. Sollte das für kleinere Verlage und ihre Krimiprogramme etwa eine ideale Nische und Überlebenschance sein, sich auf solche Klassiker sowie talentierte oder in Vergessenheit geratene Autoren zu spezialisieren? - Frank Nowatzkis Verlag Pulp Master macht das u.a. schon seit Jahren vor, der Shayol/Golkonda Verlag brachte den deutschen Krimilesern den genauso kraftvollen wie großartigen Erzähler Joe R. Lansdale zurück, der Berliner Alexander Verlag macht das editorisch absolut vorbildlich für den amerikanischen Grandmaster der Kriminalliteratur (und hierzulande lange Zeit grob vernachlässigten) Ross Thomas vor, der Pendragon Verlag tat dasselbe mit Robert B. Parker und legte zuletzt mit David Osborns "Jagdzeit" jüngst mithin einen Roman vor, der im Original ursprünglich auch schon 1974 erschien (deutsch: Zsolnay 1975) und der beinahe als ein zynisches Spiegelbild zu dem hier besprochenen Buch "Flussfahrt" betrachtet werden könnte. Ob sich nun bei jenen Verlagen ein Erfolgsmodell im Kleinen abzuzeichnen vermag; - man wird das ohnehin erst auf Dauer sehen können. Von Schaden sind solche Tendenzen und Bemühungen für das deutsche Krimipublikum wohl auf keinen Fall. Fazit: James Dickeys "Flussfahrt" ist ein schneller, harter und buchstäblich mitreißend erzählter Thriller, der schon längst den Status eines zeitlosen Klassikers hat. Allerdings ist der Roman für eher zartbesaitete Gemüter nicht gerade als Urlaubslektüre geeignet. P.S.: Was Letzteres betrifft wurden wir übrigens in der Buchhandlung schon mehrmals gefragt, ob das Buch als Reiselektüre während einer Trekking- oder Bootstour geeignet sei und wo sich die Handlung des Buches denn genau abspiele. Der Roman selbst gibt da jedoch nur fiktive Orte vor, in John Boormans Verfilmung stammen die vier Freunde derweil aus Atlanta (Ga.) und fahren zu dem Wildfluss namens Cahulawassee, der sich danach ebenfalls in Georgia befindet. Dabei wurde der Film "Deliverance" übrigens tatsächlich auf dem Chattooga River im Norden Georgias abgedreht. [ hs/04.07.2011 ] Beachten Sie bitte auch unsere Zweitmeinung und das Fazit der TV-Kritik zum Buch unseres Hammett-Rezensenten ck: "... Man ist hier plötzlich in einer ganz anderen Welt. Man ist alleine, und ganz nah dran an den Ereignissen. Das macht den Bann dieses Buches aus, und auch seinen Sog. - Das ist toll, das ist gelungen. Und: Ganz, ganz stark!" Vergleichen Sie dazu seine ausführliche TV-Kritik bei Lettra.TV unter: James Dickey, Flussfahrt (Christian Koch, FLUSSFAHRT von James Dickey. In: Lettra.TV vom 08.06.2011)
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