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Nisbet, Jim Tödliche InjektionOriginaltitel: Lethal Injection
Unsere Meinung:"Entweder du tanzt mit deinem Schicksal, oder dein Schicksal tanzt mit dir. Und niemand kennt sein Schicksal, bis er ihm ins Auge blickt, bis es zu spät ist, bis alles vorbei ist, sozusagen."
(Jim Nisbet: Tödliche Injektion, S. 143) Wie schon in "Dunkler Gefährte" sind Nisbets Protagonisten offenbar meist etwas seltsam getaktete Außenseiter, die in eine heftige existenzielle Krise geraten oder sich längst darin befinden. Der indisch-stämmige Biochemiker Banerjhee Rolf aus "Dunkler Gefährte" ist demnach gar nicht so weit entfernt von dem texanischen Gefängnisarzt Frank Royce in "Tödliche Injektion". Beide sind aber auch radikale Aussteiger. Beide begeben sie sich aus ihrer Situation in lebensgefährliche Situationen. Die Analogien zwischen den beiden Büchern sind also unübersehbar, dennoch wiederholt sich Nisbet mit seinen Romanen, die 1989 ("Lethal Injection") und 2002 ("Dark Companion") entstanden, keinesfalls. In "Tödliche Injektion" wird dem Gefängnisarzt Royce angesichts des Todeskandidaten Bobby Mencken, einem des schweren Mordes verurteilten Schwarzen, dem er die Todesspritze setzen soll, noch "während" der Hinrichtung klar, dass sein Delinquent unschuldig ist. Völlig frustriert verlässt er dann später nach einem heftigen Streit seine Frau, von der er sich nach 26 Ehejahren hoffnungslos auseinandergelebt hat, und lässt damit auch sein ganzes bisheriges Leben einfach fahren. Er will sich nämlich gleich auf die Suche nach den wahren Hintergründen eines vermeintlichen Justizirrtums machen ... Dieser Roman erscheint einem als genauso düstere wie zynische Drogenballade zwischen staatlich sanktionierter Todesspritze und dem vermeintlichen Freiheitsideal der Droge(nspritze) zur Bewusstseinserweiterung und zum herstellbaren Glück, die allzu oft im ganz individuell gefällten (Selbst)Todesurteil endet. Die verbrecherische Mentalität, außerordentliche Brutalität und trostlose Realität des großen Drogendeals führt gleichwohl alle Erweckungserwartungen der Drogenkonsumenten ad absurdum. Der "Drogendeal" ist seit langem und schon längst ein weltweiter, verflochtener Drogenkrieg, ein "Drogenweltkrieg", der unter verschiedensten Ideologien und Waffen und mit kaum mehr erklärbaren Zielen außer der Profitsucht und Machtgier geführt wird. (Selbst "sanfte Drogen" waren übrigens schon früh und werden bis heute genauso institutionalisiert wie industrialisiert.) Was Don Winslow in seinem grandiosen Roman "Tage der Toten" im brutalen Großmaßstab darstellt, das finden wir nun hier bei Nisbet in kritischer Widerspiegelung im dezenten Kleinstmaßstab wieder. "Während Frank Royces Kindheit hatte es keine Satelliten gegeben – und verdammt wenig Flugzeuge. Bis auf gelegentliche Himmelserscheinungen wie Meteoritenschauer war es am Firmament ziemlich ruhig zugegangen. Erfreulich ruhig, rückblickend betrachtet. Ihm fiel eine unter Zigeunern kursierende Legende ein. Die Kinder der Zigeuner wurden ermahnt, nicht auf Sternschnuppen zu zeigen, sondern sie schweigend zu beobachten, da jede für die Seele eines fliehenden Diebes stehe. Zeigt man auf eine Sternschnuppe, dann wurde ein Dieb geschnappt. Was, wenn man auf einen Satelliten zeigte? Wen würde man schnappen? Einen korrupten Politiker?" (Jim Nisbet: Tödliche Injektion, S. 78 f.) So macht dieser ziemlich düstere und abgründige Kriminalroman - nebenbei in einer moralischen ambivalenten Perspektive seines "Helden" Royce - ziemlich deutlich, in welchem Ausmaß heutzutage Drogen zu unseren "dunklen Gefährten" geworden sind. Die Droge repräsentiert längst den inneren Geistes- und Kriegszustand des heutigen Menschen. Und für die ärmsten Schweine der Abhängigkeiten ist der "letzte Schuss" beinahe so wie der "Todesschuss" in der Todeskammer eines amerikanischen oder chinesischen Hochsicherheitsgefängnisses. Man kann sicher noch einiges in Nisbets Roman hineinlesen. Muss jedoch nicht sein. Er ist vor allem auch: Ein hintergründiger, ganz böse verzwickter Kriminalroman. Eines scheint mir dennoch und ebenfalls klar: Nisbet hat wie schon in "Dunkler Gefährte" eine allegorische Konfrontation zwischen dem Allgemeinen (ob es nun die Drogensucht oder die brutale Globalisierung mit ihrem sogenannten Heuschreckenkapitalismus ist) und dem Besonderen (dem Individuum in seinem beschädigten Leben) geschaffen. Abgesehen von tendenziell hochtrabender Interpretation zeigt die dunkle Poesie des amerikanischen Schriftstellers jedoch auf ganz eigenwillige, fast mikroskopische Weise, was Menschen sich selbst und untereinander antun, um auf dieser Welt nur irgendwie zu existieren und dann zur Not auch die niedrigsten Bedürfnisse über ihr Leben herrschen zu lassen. Darin unterscheidet sich ein Mitglied des sogenannten Prekariats in Ballonseide nicht allzu weit vom geschniegelten Anzugmännlein mit seinen ach so festgefügten scheinheiligen, krawattengebundenen Lebensprinzipien. In einer solchen "Poesie der Hölle" (Buddy Giovinazzo) säuft der eine, der andere kokst. (Und ein Dritter holt sich seinen "Thrill" durch Sex und Gewalt. Und so weiter und so fort ...) Alles spielt sich zweifellos auf recht unterschiedlichen Niveaus ab – aber keine von diesen Seiten bewahrt sich tatsächlich noch seine Souveränität oder hat gar eine Vorstellung von einem guten und tatsächlichen Leben. Der entscheidende Unterschied: Der reiche Kokser "on the top of society" tut so, als ob er den Durchblick hätte und tut das dann auch ganz unverhohlen einer ahnungslosen Öffentlichkeit kund. Der Säufer im Trainingsanzug weiß dagegen nicht mehr, wo oben und unten ist und verhält sich oft dementsprechend: Lallt nur noch, prügelt seine Kinder, liegt nur noch flach und glotzt TV. Am "schlimmsten" sind aber jene öffentlichkeitsblendenden "Junkies": Dazu eine Randnotiz und/oder ein Vorschlag: Lassen Sie uns nur mal eine unangekündigte Drogenrazzia in einem beliebigen deutschen Parlament oder unter einen zufälligen Anzahl von Volksvertretern und ihren Mitarbeitern veranstalten; - ich mag mir da ja gar nicht vorstellen, welches politisches Erdbeben das auslösen könnte. Christoph Daum mit seiner Kokain-Geschichte stünde dagegen dann wohl nur noch als ein kleiner Däumling da. Sie können derweil auch eine große Fernsehredaktion, die Vorstandsetage eines Großunternehmens oder eine Profimannschaft einer populären Sportart überraschend einem Drogen-Screening unterziehen. Und nicht zuletzt ist die Drogenabhängigkeit ja selbst unter Ärzten ein seit Jahrzehnten fortwährendes Tabuthema. Zurück zum Roman: Die Schlusssequenzen von "Tödliche Injektion" zeigen übrigens eine besondere erzählerische Größe. Es wirkt beinahe so, als würde hier ein Todesengel in Vogelperspektive über die "condition humaine" nur noch indigniert den Kopf schütteln: "Er sah hinauf zum Himmel. Dem Licht einiger Sterne war es gelungen, die grelle Kuppel aus Licht über der Stadt zu durchdringen. Doch auch so sah es dort oben mächtig sauber aus. Ob die Sterne wissen, wie schmutzig es hier unten ist? Sind sie deshalb so weit weg?" (Jim Nisbet: Tödliche Injektion, S. 223) Fazit: Ein schrilles und schmutziges Buch. - Hintergründig. Grandios! P.S.: Die Neuübersetzung des Romans durch Angelika Müller ist ein echter Gewinn. Wo die ursprüngliche deutsche Übersetzung stellenweise durch den Text irrlichterte und Inhalte schrill verfälschte, findet man hier nun eine genauso deutliche wie klare Linie vor. Gut, man muss aber auch sehen: Zwischen 1989, in der "Tödliche Injektion" zum ersten Mal übersetzt und herausgegeben wurde, und 2011, wo der Roman bei internationalen Krimikennern fast schon als All-Time-Klassiker gehandelt wird, hat sich auch bei den Übersetzungen der früher so geschmähten und billig hinproduzierten Kriminalliteratur einiges getan. – Und davon darf man wohl Frank Nowatzki und sein Pulp-Master-Team sicher nicht ausnehmen. Sehen Sie dazu auch unsere ausführliche TV-Kritik vom 11.05.2011 unter: Jim Nisbet - Tödliche Injektion [ hs/04.05.2011 ]
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