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West, Nathanael Eine glatte Million. Oder die Demontage des Lemuel PitkinOriginaltitel: A Cool Million
Unsere Meinung:"Amerika", sagte er mit großem Ernst, "ist ein Land voller Chancen. Es nimmt sich der Ehrlichen und Strebsamen an und lässt sie nie im Stich, solange sie beides sind. Das ist nicht Ansichts-, es ist Glaubenssache. An dem Tag, an dem die Amerikaner es nicht mehr glauben, an jenem Tag ist Amerika verloren.
Lass mich dich warnen, dass du in der Welt auf ein paar Spötter treffen wirst, die dich auslachen und versuchen werden, dich zu deinem Schaden irrezumachen. Sie werden dir weismachen wollen, dass John D. Rockefeller ein Dieb war und dass Henry Ford und andere große Männer ebenfalls Diebe sind. Schenke ihnen keinen Glauben. Die Geschichte der Rockefellers und Fords ist die Geschichte jeden großen Amerikaners, und du solltest danach trachten, sie zu deiner eigenen Geschichte zu machen. Wie sie wurdest auch du arm und auf einer Farm geboren. Wie sie werden dich Ehrlichkeit und Strebsamkeit unfehlbar zum Erfolg führen." (Mister Whipple in einer Ansprache zu Lemuel Pitkin. In: Nathanael West: Eine glatte Million, S. 17.) Nathanael Wests Roman "Eine glatte Million" ist ein Klassiker der modernen amerikanischen Literatur. Einen "Kriminalroman" hätte ich darin allerdings nicht erwartet, und dennoch stecken in dieser abenteuerlichen Geschichte um „die Demontage des Lemuel Pitkin“ (so der treffende Untertitel des Romans) auf knapp 180 Seiten so viele aneinandergereihte menschliche Bösartigkeiten, Betrügereien und Verbrechen, wie ich sie zuvor wohl noch kaum in einem Kriminalroman erlebt habe. "Held" dieser traurigen Moritat ist der Verlierer Lemuel Pitkin. Und ein Verlierer ist dieser arme Tropf nun im wahrsten Sinne des Wortes. Nach einer üblen Grundstücksspekulation haben "Lem" und seine Mutter ihr Haus verloren. Überdies verschuldet sich Lemuel bei zwielichtigen Geschäftemachern. Er entschließt sich daraufhin, seine Heimat Vermont zu verlassen und in New York sein Glück zu suchen. Doch schon im Zug auf dem Weg dorthin wird das naive Landei zuerst bestohlen, und dann sogar noch selbst des Diebstahls bezichtigt. In dem Knast einer Kleinstadt, wo er landet, trifft er auf durch und durch korrupte Polizisten. Durch eine absurde Verfügung des Gefängnisarztes verliert er dort zunächst alle seine Zähne. Dann überlebt er mit Müh und Not eine schwere Lungenentzündung, die er sich auf Grund von eiskalten Duschen der sadistischen Gefängniswärter einhandelt. Im Gefängnis trifft Lem auf seinen alten Bekannten, den windigen Politiker und Geschäftemacher Mister Whipple. Der macht ihm nun wiederum Mut und rät ihm, sein Herz in die Hand zu nehmen und in New York sein Glück zu suchen. Obwohl er von Whipple hoffnungslos für dumm verkauft wird, schöpft Lem tatsächlich Mut und setzt seinen Weg nach New York fort. Doch dort wird das naive Landei dann allerdings völlig in die Pfanne gehauen, bis er sich schließlich ahnungslos einer faschistischen Bürgerbewegung anschließt und sich damit sein Schicksal noch erneut einmal zu wenden scheint ... Lemuel Pitkin ist der Candide des 20. Jahrhunderts. Er ist ein Glücksritter von trauriger Gestalt. Und er ist ein Verlierer im wahrsten Sinne des Wortes, denn auf seiner abenteuerlichen Reise "in the pursuit of happiness" gerät er in die gnadenlosen Mühlen einer habgierigen, kriminellen und mörderischen Gesellschaft, die das Glücksversprechen als Ideologie hochhält, deren Antrieb sich jedoch ganz und gar allein aus eigensüchtigem, rücksichtslosem Erfolgsstreben und der Gier nach immer mehr Geld speist. "Helden"? – Bei West sind sie Fehlanzeige! Mit welcher der von West bewusst klischeehaft überspitzten Figuren sollte man sich in diesem Roman, einer Welt voll von geradezu heiterer Trostlosigkeit denn auch identifizieren? Mit dem tragischen Stehaufmännchen Lemuel Pitkin? Mit dem politischen Betrüger und Verführer Mr. Whipple? Mit der geschundenen Unschuld vom Lande, Betty Prail, die in der New Yorker Gosse als Prostituierte endet? ...? Lemuel Pitkin gerät hier in das verbrecherische Getriebe eines grauenvollen, schmutzigen und nicht zuletzt menschenverachteten Kapitalismus, der sich zwischen den beiden Weltkriegen und in der Weltwirtschaftskrise in den USA erst so richtig austobte (und Millionen von Menschen nicht nur ins Unglück gestürzt, sondern schlicht um ihr Leben gebracht hat). Er weiß um all die Brutalität und Härten der kapitalistischen Gesellschaft, nimmt sie aber praktisch als gottgegeben hin und hält sie trotz aller eklatanten Widersprüche für die beste aller Welten. Nathanael Wests rabenschwarzer Gegenentwurf zum Schelmenroman stellt die bittere Abrechnung mit einer Gesellschaft dar, die sich mittels einer kranken Gesellschaftsform an den Rand des Abgrunds gesteuert hat. Als Schriftsteller der "Großen Depression" hatte er 1934 mit "A Cool Million" (so der Originaltitel des Buches) seinen ersten scharfen Angriff auf die Verfasstheit der US-Gesellschaft gefahren. Das sollte Jahre später dann in seinem bekanntesten Werk, dem "Tag der Heuschrecke" (1939) gipfeln, wo er gnadenlos mit der zutiefst verlogenen Traum- und Filmindustrie des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten abrechnete. "Eine glatte Million" zeigt mithin die faschistischen Unterströmungen, die in den 30er Jahren auch in den USA vorherrschten. Der Zauber des Kapitalismus, der mit der Weltwirtschaftskrise eigentlich längst abgewirtschaftet und dabei schon lange vorher gefährliche totalitäre Bewegungen hervorgebracht hatte, ist im Urgrund sein materielles Glücksversprechen, sein Antrieb dazu ist die permanente Revolution der Verwertung von allem und jedem und bis zur Erschöpfung aller Ressourcen. Sein Modus vivendi ist die Konkurrenz, der Wettbewerb, das Spiel auf Glück, das Fressen und Gefressen werden. Der buchstäbliche Verlierer Lemuel Pitkin bekommt das alles schmerzhaft zu spüren, als er während seiner Reise neben all seinem Geld nacheinander all seine Zähne, dann sein Gebiss, ein Auge und ein Bein verliert und letztlich – samt seinen Prothesen – auch noch mehr oder weniger schuldlos sein Leben durch eine antikapitalistische Kugel lassen muss. Ironie der Geschichte: Die faschistische Bewegung, der sich Pitkin in haarsträubender Ahnungslosigkeit und Gutgläubigkeit angeschlossen hat, ernennt ihn nach seinem Tod zu ihrem Märtyrer. – Wobei linke Anarchisten die sektiererische rechte "Volksbewegung" wohl erst stark gemacht haben. Fazit: Aus dieser zeitlosen Groteske von 1934, die anderen zeitgenössischen realistischen Romanen wie Steinbecks "Früchte des Zorns" geradewegs ein zynisches Schnippchen schlägt, strömt natürlich viel amerikanischer Zeitgeist. Nicht umsonst sah sich der Übersetzer Dieter E. Zimmer genötigt, dem Roman einen mehr als 20seitigen Anmerkungsapparat und ein langes, erklärendes Nachwort anzufügen. (Das für sich genommen aber sehr aufschlussreich und lesenswert ist.) Was mich hier jedoch noch weit mehr überraschte, ist, dass durch diese bitterböse Gesellschaftssatire auch ein Hauch von Dashiell Hammett und seiner "Roten Ernte" weht. Und tatsächlich: Nathanael West war bestens mit Hammett befreundet, zu einer Zeit, als dieser mit "Der dünne Mann" (ebenfalls 1934 entstanden) und in einer Zeit der zunehmenden Verdüsterung beinahe schon beschlossen hatte, keine Bücher mehr zu schreiben. (Er verfasste seinen letzten Roman dann übrigens in dem New Yorker Literaten-Hotel "Sutton Club Hotel" das damals zeitweilig von Nathanael West betrieben wurde.) "Hammett sah diese Welt, wie sie war, und wandte sich ihr nur während seiner Trinkperioden zu, wandte sich aber auch ebenso entschieden wieder von ihr ab, wenn sie vorbei waren." (Lillian Hellman, Eine unfertige Frau, S. 58) Ob, wie und weshalb sich Hammett letztlich zu Tode gesoffen hat, das sei dahingestellt. Als linker Humanist sah er zwar das Gute in der Welt, konnte aber das umso viel mächtigere Schlechte nicht ertragen. Dieses abgrundtief Schlechte hat nun wiederum sein Freund West ironischerweise und auf fast schelmische Weise dargestellt. Auch er sah die Welt, wie sie war, wenn vielleicht auch durch eine besonders scharfe Brille. Erst in der satirischen Überzeichnung wird die verlogene Ideologie eines dynamischen Lebensprinzips deutlich, das in Wirklichkeit ein ganz und gar zerstörerisches Prinzip darstellt, also zwar permanent künstliche Wertschöpfung herstellt, aber jegliche natürliche Schöpfung zerstört oder ad absurdum führt. Nathanael West folgte also wohl eher dem Motto: Schaue "dem Bösen" nur lange genug direkt und furchtlos ins Angesicht, bis Du das Schwarze in seinen Augen siehst – und dann greif es gezielt an und stell es in all seiner brutalen Verlogenheit und Niederträchtigkeit bloß. Nathanael West starb zusammen mit seiner Frau Eileen McKenney am 22.12.1940 bei einem Autounfall in Kalifornien. Ihm bzw. auch ihr blieben so die weiteren großen Überraschungen dessen erspart, was die Welt danach noch alles an ungeheuren Bösartigkeiten und Schlechtigkeiten zu bieten hatte. P.S.: Auf dem für meinen Geschmack sehr passenden und gelungenen Buchcover sieht man einen einsamen Tramp auf einer staubigen amerikanischen Landstraße. Das Bild steht für jegliche Interpretation offen, dennoch konterkariert es und erinnert es auf fast nüchterne Weise an die Schlussszene in Charlie Chaplins "Moderne Zeiten" (1936), wo Charlie Chaplin und Paulette Goddard gemeinsam auf einer ähnlichen Landstraße hoffnungsvoll dem Morgen entgegen gehen. [ hs/16.05.2011 ]
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