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Juretzka, Jörg Rotzig & RotzigDie letzte Nachricht des Hausmeisters lautet: "Pass bloß auf die beiden Zwillinge auf" - eine Warnung? Tatsächlich scheinen die Rotzlümmel Yves und Jean hinter den Diebstählen zu stecken. Überführt und in ein Kinderheim gesteckt, gelangen sie von dort verdächtig schnell nach Luxemburg in die Familie eines reichen Diamantenhändlers.
Unsere Meinung:Ein neuer Auftrag für Kristof Kryszinski: Er besetzt im Auftrag einer Mülheimer Wohnungsbaugesellschaft inkognito die Stelle eines Hausmeisters in einem Hochhausblock. In diesem Wohnpark Nord gab es zuletzt eine mysteriöse Einbruchserie, der Kristof auf den Grund gehen soll. Dadurch wollen seine Auftraggeber die Mietkürzungen seitens der Bewohner im Keim ersticken.
Schon der Einzug Kristofs in den Wohnblock gestaltet sich dramatisch. Sein Vorgänger stürzt sich aus dem 10. Stock des Hochhauses und fällt ihm buchstäblich direkt vor die Füße. Und der frühere Hausmeister hinterlässt einen vieldeutigen Abschiedbrief, in dem er auf ein jugendliches Zwillingsbrüderpaar und ihre Machenschaften hinweist. Mit diesen beiden Brüdern schließt Kryszinski dann auch sofort Bekanntschaft, nachdem diese einen mehr oder weniger charmanten Erpressungsversuch bei ihm gestartet haben ... Jörg Juretzka beschreibt das Milieu einer heruntergekommenen Hochhaussiedlung, wie wir sie aus ganz Deutschland kennen. Jede größere Stadt hat sein kleines Marzahn, seine Gropiusstadt oder seine wie auch immer benamste "Trabantensiedlung": Hier tummeln sich – als wäre es ein soziales Naturgesetz – moderne jugendliche Gangster, Prolls, Soziopathen und darüber hinaus die genauso unvermeidliche wie unausrottbare Blockwartfraktion, die mit dem Nationalsozialismus zwar ihren Glauben verloren hat, aber keineswegs ihre hinterhältige und gemeine Mentalität. In einem solchen Umfeld findet Jörg Juretzka mit seinem milieutechnisch überaus beschlagenen Ermittler Kristof Kryszinski fast zwangsläufig eine dankbare und gelungene Kulisse. Für K.K. ist das sozusagen ein Heimspiel. Und so meint der Schnüffler im Dreck des Prekariats schon bald, jene Einbruchserie aufgeklärt zu haben: Es scheint einfach klar zu sein, dass nur die jugendlichen Zwillinge als Täter in Frage kommen. Die bestreiten zwar alles, dennoch werden die sauberen Früchtchen umgehend von ihrer medikamentenabhängigen Mutter getrennt und in eine Pflegefamilie verfrachtet. Dann nimmt "Rotzig & Rotzig" allerdings eine ungewöhnliche Wendung und die Handlung zusätzlich an Fahrt auf. Denn als K.K. sich die Verhältnisse um die Zwillinge genauer betrachtet, kommt er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Da ist der Stiefvater, der seine eigenen Geschichten am Laufen hat, dort die etwas eigenartige Dame vom Jugendamt. Nicht zu vergessen die luxemburgische Pflegefamilie (!), zu der die Zwillinge hin verfrachtet wurden. Plötzlich ist dem schlauen Ermittler in diesem Fall rein gar nichts mehr klar. Er kommt so schließlich einfach nicht daran vorbei, die Sache völlig neu und grundsätzlich aufrollen zu müssen. Gut, irgendwie kennen wir das schon von Jörg Juretzka. "Rotzig & Rotzig" ist insgesamt ein typischer Kristof-Kryszinski-Roman. Aber bemerkenswerte Weise doch auch noch mehr: Nie zuvor offenbarte ein Kriminalroman von Juretzka so viele ernste und tiefsinnige Passagen, die ins Tragikomische reichen. Hier muss man angesichts der Schicksale der Protagonisten buchstäblich und manchmal "schlucken". Die Kunst Juretzkas besteht darin, solche anrührenden Momente in seine gewohnte Szenerie aus Dialogwitz, Brachialhumor und absurdesten Figurenzeichnungen einzupassen. Diese "Verdichtung" mag für die Fans des Autors neu und etwas gewöhnungsbedürftig sein. Doch letztlich spielen auch wieder wie gewohnt K.K.s alte Kumpels Scuzzi und Heckenpennes als übliche Verdächtige ihre Rolle ... Fazit: Mit "Rotzig & Rotzig" legt Juretzka inzwischen eine erzählerische Reife und Entwicklung an den Tag, die ob der auch zuvor schon ruppigen und zum Teil etwas holprigen Gangart seiner früheren Romane durchaus bemerkenswert ist. "Rotzig & Rotzig" ist für Juretzka-Fans allemal ein Lesefest. Für alle, die den Autor noch nicht kennen, mag dieses Buch trotz der acht Vorgängerromane der Kristof-Kryszinski-Serie allemal ein guter Einstieg sein. Zuletzt vielleicht nur noch der Hinweis: Entweder man mag Juretzkas temporeiche und überaus witzige Schreibe vorbehaltlos oder man kann einfach rein gar nichts damit anfangen. Das ist wie beim Essen oder in der Musik: "Rotzig & Rotzig" ist sauscharf und speziell gewürzt. Und sein Erzähltakt gleicht wild gewordener Jazzmusik … [ ck/29.03.2010 ]
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Krimi-Specials
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