Titel: Cherryman jagt Mister White

Arjouni, Jakob Cherryman jagt Mister White

Achtzehn Jahre, Ostdeutscher, arbeitslos, Nazimitläufer.
Der Stoff, aus dem ein deutscher Held ist?
Wie viel Gewalt erlaubt die Notwehr? Und wie schmutzig darf man sich die Hände machen beim Griff nach dem Glück?

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Autor: Arjouni, Jakob
Titel: Cherryman jagt Mister White
Jahr: 2012-06
Seiten: 168 | Taschenbuch
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-24167-9
Preis: 8.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Mario war auffallend klein, dünn, knochig, mit blondierten Haaren und Ohrsteckern mit Hakenkreuzen. Er machte keine Umwege. Immer sofort drauf. So war er schon im Kindergarten gewesen: Gib her, oder ich hau dir in die Fresse. Dabei war er weder dumm wie Heiko, noch krank wie Robert, sondern schien für normales Verhalten einfach keine Zeit zu haben. Als hätte er Wichtigeres zu tun. Tatsächlich war Mario der Einzige von ihnen, den ich manchmal nachdenklich gesehen hatte. Wenn er irgendwo rumsaß. Als versuchte er ernsthaft, sich über etwas klarzuwerden. Bei Vladimir war ich viel mehr auf der Hut. Bei Mario musste man das nicht sein, es nützte sowieso nichts, man bekam sein Fett so schnell und überraschend ab, es blieb nie Zeit, sich zu wehren."
(Jakob Arjouni: Cherryman jagt Mr. White, S. 17 f.)

Der achtzehnjährige Vollwaise Rick Fischer, der in einer kleinen brandenburgischen Stadt bei Fürstenwalde knapp 40 Kilometer vor Berlin aufgewachsen ist, gerät eines Tages in rechtsradikale Kreise. Das jedoch eher unfreiwillig, weil der Einzelgänger am liebsten in Ruhe gelassen und sich nur mit seiner Leidenschaft, Comics zu zeichnen, beschäftigen würde. Zwar lebt er noch bei "Tante Bombusch", die sich als Freundin seiner Eltern nach deren Unfalltod um seine Erziehung gekümmert hat. Dennoch muss sich in seinem Leben etwas tun, da Rick, nachdem er von der Realschule abgegangen ist, noch keine Lehrstelle gefunden hat. Diese wird ihm nun ausgerechnet von ehemaligen Schulfreunden, den ebenfalls arbeitlosen Jungnazis Robert, Heiko, Vladimir und Mario, vermittelt, obwohl diese ihn zuvor schon seit längerer Zeit übelst drangsalieren.
Rick ist verblüfft, denn mit dem Angebot, eine Gärtnerlehre in Berlin zu beginnen, könnte er nicht nur der Trostlosigkeit der ostdeutschen Kleinstadt entfliehen, sondern es könnte sich damit auch sein ganzes Leben verändern. Eine verführerische Chance tut sich ihm auf.
So merkt er erst recht spät, dass die Sache einen gewaltigen Haken hat. Sein Lehrherr, der Gärtnereibesitzer Dirksen, ist ein führender Kopf der rechtsradikalen Organisation "Heimatschutz". Er ist dabei, mit seinem schleimigen Helfer Pascal, der die Brandenburger Jungs um Mario für die Organisation rekrutiert hat, eine "politische Aktion" einzufädeln.

Erst nach vielen Wochen in seiner neuen Lehre bemerkt Rick, wie er hinters Licht geführt werden soll, und das es sich dabei um ein von langer Hand geplantes und gemeingefährliches Unternehmen handelt. Bei dieser Erkenntnis wehrt sich Rick zunächst verzweifelt gegen das Mitmachen, allerdings wird er von den Rechtsradikalen erpresst, indem sie ihm unverhohlen drohen, bei seinem Ausstieg aus der Sache seiner Tante Bambusch und Ricks Freundin Marilyn (seiner ersten großen Liebe, die er ihm Zug nach Berlin kennengelernt hat) etwas anzutun.
Voller Verzweiflung und Rachegefühle tut Rick dann aus seiner Sicht das einzig Richtige. Allerdings ist das genauso todbringend wie das Falsche zu tun ...

Es ist ein starkes Stück, das Jakob Arjouni hier mit "Cherryman jagt Mr. White" abgeliefert hat! Wie ein Schaf im Wolfspelz kommt der Roman zunächst im höchst ironischen Gewand eines Briefromans daher. Die Milieuschilderung, die dann folgt, ist eine kurze und präzise Skizze einer ostdeutschen Kleinstadt mit ihren arbeitslosen Jugendlichen und Jungnazis. Damit nimmt der Roman viel Tempo auf und gewinnt gleichzeitig von Seite zu Seite umso mehr Spannung, je mehr man die Vorbereitungen und Pläne der Rechtsradikalen langsam aber sicher durchschaut. Das alles schaukelt sich in gut getaktetem Erzählton bis zum genauso dramatischen wie drastischen Finale hoch, das für die Leser/innen eine bitterböse "Katharsis" bereithält.

In einigen Teilen erinnert Jakob Arjounis "Cherryman jagt Mr. White" übrigens an Bücher wie Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W.", einiges deutet sogar darauf hin, dass der Autor sogar bewusst ironischen Bezug nimmt auf jenen Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur. (Rick Fischer und Edgar Wibeau, beide sind es junge Erwachsene, die es von einer ostdeutschen Kleinstadt in die Großstadt Berlin zieht, beide beginnen dort mit einer Lehre, beide sind frisch verliebt und beide Außenseiter haben eine "literarische" Leidenschaft: Edgar W. seine fixe Idee mit Goethes "Werther" und Rick F. seine Begeisterung für Superhelden-Comics und das Comic-Zeichnen.) Doch vielleicht tut man diesem Buch mit solchen Vergleichen keinen Gefallen. Und das Ostdeutschland von Plenzdorf ist längst nicht mehr das Ostdeutschland von heute.
Eines unterscheidet den "Cherryman" allerdings von Büchern wie "Die neuen Leiden" oder "Der Fänger im Roggen", und das wird wohl auch den Unterschied in der Rezeption ausmachen: Arjouni beschreibt nicht nur die gewisse allgemeine Orientierungslosigkeit, Zerrissenheit und die Befindlichkeiten eines fast noch Jugendlichen. Nein, mehr noch: Er gibt mit seiner bedrückend nah an der Realität spielenden Geschichte in aller Radikalität eine gallige, gesellschaftspolitische Kritik ab, die ins Herz unserer allgemeinen politischen Moral zieht, welche offenbar gut mit dem alltäglichen Rassismus und den politischen Brandstiftern in unserem Land zu leben weiß.

Allemal könnte man "Cherryman jagt Mr. White" zur Pflichtlektüre in den Schulen machen. (Was sollte jene "Radikalität" unseren Schülern und Schülerinnen denn schaden, wo die überwiegend geist- und hirnlose Bildungspolitik doch schon weit radikaleren Schaden angerichtet hat.) Schließlich wäre es wohl endlich auch mal wieder ein Buch, dass von den Schülern gerne gelesen würde – und das nicht nur, weil es (ähnlich wie "Die neuen Leiden des jungen W.") lediglich nur knapp 168 großbedruckte Seiten hat ...

Fazit: Ich schlage dem Diogenes Verlag vor, der deutschen Kultusministerkonferenz mindestens 16 Frei- und Leseexemplare zukommen zu lassen. Denn schaden kann dies nämlich dort auch den Damen und Herren Schavan & Co. wohl kaum.

[ hs/08.03.2011 ]
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