Titel: Schutzengel

Lucarelli, Carlo Schutzengel

Coliandro und Nikita, der Polizist und das Punkmädchen - ein hinreißendes, liebenswürdig chaotisches Paar tritt an gegen den Rest der Welt: Als Nikita ein Päckchen mit 200 Millionen Lire in die Hände fällt, hat das eigenartige Gespann schon bald einen Schutzengel bitter nötig, denn das Geld war eigentlich für die Mafia gedacht.

Autor: Lucarelli, Carlo
Titel: Schutzengel
Jahr: 2003-03
Seiten: 176 |
Verlag: Goldmann
ISBN: 3-442-54186-7
Preis: 6.90 EUR

Status: Vergriffen

Preis: 6.90 EUR

Unsere Meinung:

"Schöne Scheiße."

Mit dieser lakonischen Feststellung endet der genauso schmale wie kurzweilige Thriller, den der italienische Krimiautor Carlo Lucarelli anspielungsreich mit "Il giorno del lupo" (Deutsch: "Der Tag des Wolfes") benannt und den der deutsche Verlag dann ein wenig unglücklich mit "Schutzengel" übertitelt hat.
"Schöne Scheiße", das können die beiden Helden des Buches, der chaotische Polizist Coliandro und seine "Freundin" Nikita, auch zurecht sagen. Die punkige Kurierfahrerin Nikita (mit dem bürgerlichen Namen Simona Stanzani) hat nämlich nach einem kleinen Verkehrsunfall vergessen, ein Paket auszuliefern. Als sie die malträtierte Sendung genauer inspiziert, stößt sie auf 200 Millionen Lire Inhalt, eine mysteriöse Diskette und eine Tonkassette. Und als Nikita auf der Polizeistation an den strafversetzten und nur zufällig anwesenden Coliandro gerät, nimmt das Schicksal seinen Lauf:
Das Paket war eine Sendung für die Mafia. Und die möchte ihr Geld zurückhaben. Es gibt erste Leichen, und ehe sich die beiden versehen, sind der Verlierertyp Coliandro und die flippige Nikita auf der Flucht. Niemandem ist zu trauen, selbst hohe Verantwortliche im Polizeiapparat scheinen die Hände im schmutzigen Mafia-Spiel zu haben.
"Dreckmisthurenkacke" könnte man nun in Coliandros Worten zugespitzt anmerken, denn die beiden Gejagten hetzen in der Folge nicht nur wie Bonnie & Clyde panisch durch die pulsierende Großstadt Bologna, sondern kommen sich auf der Flucht auch näher. Vor allem Coliandro kann seine Gefühle (und sekundären Geschlechtsmerkmale) kaum im Zaum halten ...

Carlo Lucarelli liefert mit "Schutzengel" eine weitere Fingerübung in puncto "pulp fiction" ab. Die gab er u.a. auch schon und vergleichbar in "Laura di Rimini" zum Besten. Daß er literarisch weit mehr kann, hat er mit seinen zeithistorischen Kriminalromanen um Commissario De Luca zwar gezeigt, aber meiner Meinung nach noch längst nicht wirklich unter Beweis gestellt. "Schutzengel" wirkt bei genauerem Nachdenken überdies wie ein südländischer Abklatsch von Delacortas "Diva". (Auch in dessen Roman "Nina" hat man die prekäre Beziehungskonstellation zwischen männlichem Helden und weiblichem Nymphchen schon vorliegen. Ganz zu schweigen von dem Motiv Post-oder-Kurierfahrer-gerät-zufällig-an-Sendung-mit-Tonkassette-etc.-pp. in "Diva". - Doch der französische Krimiautor ist mit seinen Büchern hierzulande komplett vergriffen und vielen nur noch durch die Verfilmung seines Romans in dem gleichnamigen Kultfilm bekannt.)

Diese Einwände hätten mich fast dazu geführt, von diesem Buch eher abzuraten, - wäre da nicht ... - ja, wäre da nicht der kritische politische Unterton, der in die anarchische Erzählung eingewoben ist. Da lamentiert Coliandro keineswegs nur einfältig "ich habe sieben Dienstjahre auf dem Buckel, dauernd passiert irgendwo was, Schießereien auf offener Straße, killende Bankräuber, als wäre Bologna die Hauptstadt von Bosnien", da stellt auch ein alternder Mafia-Boss wütend und resigniert fest, dass nicht nur die italienische Gesellschaft, sondern alle westliche Gesellschaft von einer neuen Form der organisierten Kriminalität durchsetzt ist, die jederzeit und mancherorts schon akut den Zustand eines brutalen Bürgerkriegs herbeiführen kann. Ich zweifle sehr daran, ob der Italiener Lucarelli den deutschen Historiker und Geschichtsrevisionisten Ernst Nolte kennt, doch ganz nebenbei und wahrscheinlich unbeabsichtigt fördert er hier in seinem Thriller mit den Mitteln des Kriminalromans auf seine Weise ein gesellschaftliches Theoriefragment zu einem "europäischen Bürgerkrieg" zutage, das bemerkenswert ist. Ob er dieses Mafia-Theorem in seinem kleinen Kriminalroman beabsichtigt hat oder nicht, das sei mit dicken Fragezeichen dahingestellt, auf jeden Fall scheint hier das frühere Jugoslawien mehrmals als Menetekel durch, wie eine zivile Gesellschaft unter dem Druck und Wechselspiel zwischen Kapitalisierung und organisiertem Verbrechen zerstört werden kann und wie sich sogar kleinste und früher funktionierende Gemeinschaften, Menschen, die kurz zuvor Freunde und Nachbarn waren, bis aufs Blut bekämpfen können.

Wie auch immer. - Lucarelli, der meines Wissens zwar nicht ausdrücklich gegen eine beunruhigend faschistoide italienische Gesellschaft anschreibt, aber offenbar einen ganz guten Schimmer von den Verhältnissen vorort hat, entlässt uns in "Schutzengel" mit einem bittersüßen Happy end. Da möchte man mit dem Helden Coliandro doch schließen:
"Schöne Scheiße!"

Fazit: Ohne die gesellschaftspolitischen Anspielungen in dem Roman in Rechnung zu stellen: Harter, temporeicher und witziger Mafia-Thriller.

[ hs/25.03.2006 ]
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