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Highsmith, Patricia Der SchneckenforscherTitel der Originalausgabe: "Eleven Stories" Neuübersetzung aus dem Amerikanischen von Anne Uhde. Mit einem Vorwort von Graham Greene. Der Schneckenforscher versammelt elf Erzählungen der Vereinsamung und seelischen Aberration, des subtilen bis drastischen Schreckens, der uns aus einem harmlos erscheinenden Alltag entgegentritt: Der Schneckenforscher / Warten / Die Schildkröte / Als die Flotte im Hafen lag / Auf der Suche nach X. Claveringi / ...geht seltsame Wege / Mrs. Afton kommt zum Arzt / Die Heldin / Auf der Brücke / Barbaren / Leer ist das Vogelhaus
Unsere Meinung:"Nun ist intelligenten Menschen in der Sphäre, wo ihre Fähigkeiten sich entfalten, der umsichtige Blick der Schnecke, der Spürsinn des Hundes, das Gehör des Maulwurfs eigen; sie sehen, spüren und hören alles in ihrer Umgebung." (Honoré de Balzac) Tja, es ist schon so eine Sache mit "alten Geschichten". Vor allem auf dem Krimimarkt lechzt der Leser, lechzt die Leserin, immer wieder nach Neuem und vor allem nur nach Neuem, denn was hat ein durchschnittlicher Konsument schon von den sonstigen "ollen Kamellen" zu erwarten?!? Ungeachtet aller seltsamen Markt- und Denkgesetze habe ich mir neulich wieder einen "alten" Erzählband von Patricia Highsmith gegriffen und elf Geschichten aus den Jahren 1945-1970 von ihr auf mich wirken lassen. Das Leseerlebnis war in Teilen ein besonderes, wobei ich gleich vorausschicken und anmerken möchte, dass der geneigte Leser (die geneigte Leserin) zu der Autorin meiner Meinung nach anfangs dann doch eher durch ihre früheren Romane (und danach am besten chronologisch) einen besseren Zugang gewinnen kann. "Der Schneckenforscher" als solcher taucht in diesem Erzählband bemerkenswerter Weise gleich in zwei Erzählungen auf. Zum einen natürlich in der gleichnamigen Geschichte, die dem restlichen Band vorangestellt den Namen gegeben hat, zum anderen in der SF-artigen fünften Story "Auf der Suche nach X. Claveringi": Der Schneckenforscher In der namentlichen Erzählung ist Mr. Peter Knoppert zunächst ein unverdächtiger Spießbürger. Bis er langsam (langsam?) "auf die Schnecke kommt". Es beginnt alles mit Knopperts Beobachtung eines schneckischen Paarungsaktes, der ihn total fasziniert und ihn vom Grund auf zum Schneckensammler macht. Diese Faszination wird ihm allerdings bald zur Obsession und führt unweigerlich zur "mörderischen" Katastrophe. Auf der Suche nach X. Claveringi "Avery Clavering, Professor für Zoologie an einer kalifornischen Universität, erfuhr von den Riesenschnecken von Kuwa zum erstenmal durch ein Buch über Mollusken." . . . Diese Anfangssätze geben trocken und lakonisch wieder, was sich in der Folge deutlicher ankündigt: Auch unserem zweiter Schneckenforscher in dem Erzählband steht ein unerquickliches Ende bevor. Und die dazugehörige Erzählerin Highsmith weidet sich hierin offenbar besonders lustvoll, weil der Forscherdrang und das Abenteurertum ihres Helden Mr. Clavering dann doch besonders deutlich zu Tage tritt - und sie daher ihrem Helden das Leben besonders schwer machen kann. Dass er dann letztlich von anderer Seite wirklich "zur Schnecke" gemacht wird, ist irgendwie abzusehen (womit hier bestimmt nicht zuviel verraten ist). - Diese als SF-Story angelegte Erzählung, die in aller Kürze locker mit originären Meistern des Faches wie Theodore Sturgeon, J.G. Ballard u.a. mithalten kann, ist meiner Meinung nach zusammen mit "Die Schildkröte" das stärkste Stück in dieser Erzählsammlung. Die Schildkröte Ein kleiner Junge ist geplagt von der Enge seines Elternhauses. Doch: Elternhaus bedeutet hier die Verlassenheit vom Vater und das Zusammensein mit seiner gedankenlosen und herzlosen Mutter, die ihn fortwährend gängelt, reglementiert und seine Gefühle und Bedürfnisse kalt ignoriert. Als die Mutter eines Tages eine noch lebende Schildkröte nach Hause bringt, nur um sie wie Hummer im heißen Wasser des Kochtopfs zu einem Abendessen zu verarbeiten, eskaliert in der Folge die Situation ... Leer ist das Vogelhaus Vielleicht sind Sie entsprechend belesen und haben schon einmal von Kafkas Kunstfigur Odradek in der Erzählung "Der Hausvater" gehört? - Diese Kurzgeschichte erzählt knapp und lakonisch von einem "bewandtnislosen" Gegenstand zwischen Ding und Lebewesen, der immer wieder halb bedrohlich, halb verführerisch im Bewusstseinshorizont des Erzählers auftaucht, um dann gleich wieder zu verschwinden. Wie auch immer: Was Patricia Highsmith in ihrer überaus bemerkenswerten Erzählung "Leer ist das Vogelhaus" konstruiert, kommt jener kafkaesken Erzählung bedrückend nahe, nur dass hier noch konkreter und bedrohlicher jene unbegreiflichen Alltagsmomente zum Ausdruck gebracht werden, die sich danach so abgrundtief und fatal mit jenen immer wiederkehrenden und um so mehr belastenden Alpträumen vermischen, mit denen wir vielleicht persönlich auch nur allzu vertraut sind. - - - Ich habe nach dieser Erzählung schließlich tatsächlich nachgeblättert und gegoogelt, ob es das in der Erzählung erwähnte Tier "Yuma" nicht vielleicht doch und wirklich gibt ... (...) Die anderen Stücke des Erzählbands mögen sicher noch der weiteren Erwähnung wert sein, hinterließen bei mir aber einen weniger bleibenden Eindruck - bis vielleicht auf die Ausnahmen der komplexen Erzählungen "Die Heldin" und dem kleinen Beziehungsdrama "... geht seltsame Wege", die ich aus einem seltsamen Kritiker-Impuls aber einfach nicht weiter beschreiben will. Krimileser werden von diesen Storys wahrscheinlich eher enttäuscht sein, weil nur ein Bruchteil des Dargebotenen einen wirklichen Krimiplot beinhaltet. Highsmith arbeitete hier meinem Eindruck nach vielmehr psychologische Grundmuster heraus, die ihr dann z.B. in ihren großen Romanen zum absoluten Vorteil gereichten: Das Denken jener, die zum Mord getrieben werden. Das Denken jener, die eine vage Bedrohung oder eine Demütigung empfinden und daraus ihre eigenen (grausamen Schlüsse) ziehen. Schließlich die vernichtende Borniertheit scheinheiliger Bürgerlichkeit, die in der Erstarrung ihrer vermeintlichen Behaglichkeit verkennt, dass das Leben sich durchaus an allen Lebenslügen und Unzulänglichkeiten zu rächen weiß ... [ hs/01.05.2008 ]
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Krimi-Specials
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