Unterwegs im Leichenwagen - Macdonald, Ross - Diogenes

Macdonald, Ross Unterwegs im Leichenwagen

Originaltitel: The Zebra-Striped Hearse
Aus dem Englischen von Karsten Singelmann (Neuübersetzung)

Eigentlich hatte man Lew Archer nur auf Colonel Blackwells ungeliebten Schwiegersohn in spe angesetzt. Doch kaum beginnt er zu ermitteln, stößt er auf eine heiße Spur, welche über verschiedene Leichen bis nach Mexiko und zurück nach Malibu führt. Dabei kreuzt ein als Fun Car genutzter Leichenwagen immer wieder Archers Weg. Sixties, Surfkultur und Generationenkonflikt sorgen für Spannungen und für Spannung.

Autor: Macdonald, Ross
Titel: Unterwegs im Leichenwagen
Jahr: 2017-10
Seiten: 418 | Taschenbuch
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-30052-9
Preis: 16.00 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

„Neben seinen Vorläufern Hammett und Chandler war Kenneth Millar alias Ross Macdonald der letzte und nach Ansicht vieler der beste der 'Großen Drei'. William Goldman nannte die Lew-Archer-Geschichten 'die besten Detektivromane, die je von einem Amerikaner geschrieben wurden'. Anthony Boucher befand in der New York Times Book Review, Macdonald sei ein besserer Romanschriftsteller als Hammett oder Chandler. Sicher ist Macdonald der intellektuellste und der psychologischste der drei.“
(Baker & Nietzel, „Private Eyes: 101 Knights. A Survey of American Detective Fiction 1922-1984“)

Hammett-Chandler-Rossmacdonald. So fing das alles an, bei mir, mit den Krimis. Ende Schulzeit, Anfang Studium, also vor fast vierzig Jahren, schmökerte ich mich durch die sehr gut sortierte Krimiabteilung der Freiburger Uni-Bibliothek, ein Paradies, das jeglichen Besuch der eigentlich für Unterhaltung zuständigen Stadtbibliothek überflüssig machte.
Mein Herzensliebling war immer Chandler. Dass Hammett der interessantere, wichtigere, bessere Schriftsteller war, ging mir erst später auf. Und Ross Macdonald habe ich damals als Drittes eben auch noch verschlungen, ihn jedoch immer als zweitklassig, als schwächeren Nachfolger der beiden Giganten empfunden und keins seiner Bücher je ein zweites Mal gelesen.
Dass ihn US-Amerikaner, enger eingegrenzt: weiße Mittel- und Oberschichtler, teilweise anscheinend wirklich für den Größten hielten, muss wohl an seinen Themen liegen: die US-amerikanische Familie und ihre psychologischen Abgründe. Ross Macdonald hat sich früh für Psychologie und Psychoanalyse interessiert und unterzog sich 1956 selbst einer Psychotherapie, was (Baker & Nietzel deuten dies nur an) danach wohl in seinem Werk zu spüren war, etwa ab „The Galton Case“ (1959), dem achten von insgesamt 18 Archer-Romanen 1949 bis 1976.

„Unterwegs im Leichenwagen“ („The Zebra-Striped Hearse“, 1962) war der zehnte der Serie. Auf Deutsch erschien das Buch 1965 als „Camping im Leichenwagen“ in der legendären rororo-thriller-Reihe und wurde dort mehrmals neu aufgelegt, zuletzt 1995. Dass „Leichenwagen“ nun in neuer Übersetzung von Karsten Singelmann und als höherwertige Klappenbroschur und mit einem Nachwort von Donna Leon (worüber man sich streiten kann, aber ich liebe Nachwörter, und wenn‘s dem Verkauf nützt, okay!) bei Diogenes endlich wieder auf Deutsch herauskommt, nach bereits fünf anderen Archer-Krimis, das lässt auf eine komplette Neuausgabe der 18 hoffen. (Noch netter wär‘s chronologisch von Anfang an gewesen; bisher gibt es die Romane Nr. 10, 11, 13, 16, 17 und 18.)

Und um jetzt endlich auf den Punkt zu kommen: Nein, „Leichenwagen“ muss man nicht gelesen haben. Ob es nun eins seiner minor works war, ob überhaupt diese Detektivromane um Lew Archer mittlerweile etwas angestaubt und outdated und so recht nur noch als moderne Klassiker goutierbar sind, wenn man eine Schwäche für Privatdetektivkrimis hat, keine Ahnung. Der Plot folgt jedenfalls dem im Subgenre bis zum Umfallen durchdeklinierten Schema: Der Detektiv rennt von einem zum andern, viele lügen und verschweigen, manche vertrauen sich ihm an, er wird vom Auftraggeber getäuscht, seine Polizeifreunde helfen ihm gelegentlich, er lässt sich von verführerischen Frauen nicht verführen, und am Schluss scheint er das ganze Kuddelmuddel einer Mehrgenerationengeschichte mit mehreren Morden auseinanderklamüsert zu haben (ich müsste das Buch jetzt noch mal lesen und wahrscheinlich nebenher ein Pfeilschema auf ein großes Blatt Papier malen, um alles zu kapieren), und alle sind traurig und ernüchtert und erschüttert, und alles ist noch schlimmer als am Anfang. Aber Hauptsache, die Wahrheit kam ans Licht.

Kapitelweise blitzen Chandler‘scher Witz und Schwung auf, oder es gelingen ihm wunderbar treffende Beobachtungen und Charakterisierungen. Aber etwas unfair allein anhand dieses Romans geurteilt: Wer der Meinung sein kann, Ross Macdonald wäre ein besserer Erzähler oder Romanautor als Chandler oder gar Hammett, der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Und mir fallen sofort noch ein weiteres halbes Dutzend bessere – zugegebenermaßen spätere – Detektivromanautoren ein, um die sich vielleicht auch mal ein deutschsprachiger Verlag kümmern müsste. Ganz zu schweigen von lebenden Autor(inn)en, deren Detektivromane nicht mehr übersetzt werden.

Fazit: Gemischte Gefühle beim (Wieder-) Lesen dieses großen Krimiautors. Vielleicht hätte ich nach über dreißig Jahren lieber mit seinem (nach Ansicht vieler) Meisterwerk „Der Untergrundmann“ wieder einsteigen sollen.
Ich drücke dem Diogenes Verlag jedenfalls ganz fest die Daumen, generell sowieso immer und überhaupt, und was speziell Ross Macdonald betrifft, dass der Verlag wirklich alle 18 Archer-Krimis neu herausbringt und sich genügend Käufer und Leser dafür finden.

Zum Abschluss noch mal ein Zitat aus dem Sekundärwerk von Baker & Nietzel, die dort wiederum einen gewissen William Goldman zitieren (den man damals in USA wohl kannte, als Krimi-Autorität; ich kenne nur einen klugen Fantasy-Autor gleichen Namens):

„Unmöglich, den Plot eines Archer-Krimis nachzuerzählen. Die Geschichten sind so verzweigt, rätselhaft und dunkel (…), dass man zwar keinen Archer-Plot detailliert darlegen kann, aber doch zumindest in den späteren Romanen grundlegende Strukturelemente erkennt. Im Allgemeinen, zeitlich vielleicht eine Generation vor dem heutigen Geschehen, kommen zwei Menschen zusammen, einzeln keineswegs böse, gemeinsam aber eine tödliche Mischung. Sie tun etwas Furchtbares. Sie morden oder stehlen oder wechseln ihre Identität. Oder all dies. Getrieben sind sie von einer unzähmbaren Leidenschaft. Was sie tun, tun sie manchmal für Geld, für Macht oder aus Lust. Meistens jedoch aus Liebe. Und sie kommen ungestraft davon. Dann wächst Gras über die Sache. Bis Archer auftaucht. Normalerweise wird er für etwas ganz Banales engagiert: Meine Frau hat mich verlassen – finden Sie sie; mein Ehemann hat eine Geliebte – ich will wissen, wer sie ist; meine Schmuckschatulle ist verschwunden – beschaffen Sie sie mir wieder. Also fängt er an zu ermitteln und bringt allmählich, unabsichtlich, das Verbrechen der Vorgeneration ans Tageslicht.“

RS / 07.02.2018
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