Titel: Die Company

Littell, Robert Die Company

Originaltitel: The Company
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Jack, Leo und Jewgeni haben zusammen in Yale studiert und sind beste Freunde geworden. Nach dem Examen werden Jack und Leo vonder CIA angeworben, Jewgeni, der russische Austauschstudent, kehrt nach Moskau zurück. Und bald auch wieder in die USA, mit falscher Identität.
Alle drei kämpfen 45 Jahre lang an den Frontlinien des Kalten Krieges, angefangen mit der legendären Berliner Basis über das Desaster der Schweinebucht bis hin zum sowjetischen Einmarsch in Afghanistan und dem Sturz Gorbatschows …

Autor: Littell, Robert
Titel: Die Company
Jahr: 2004-01
Seiten: 1104 | Taschenbuch
Verlag: Knaur
ISBN: 978-3-426-61797-7
Preis: 12.90 EUR

Status: Vergriffen

Preis: 12.90 EUR

Unsere Meinung:

„Für wen hältst du Spione eigentlich? Moralphilosophen, die über ihrem Glaubensbekenntnis meditieren, an Gott denken oder an Karl Marx? Wir sind nicht Heilige. Bei uns gibt es alles. Kriminelle, Narren und Verräter. Alles, was man erpressen und kaufen kann. Verrückte Idealisten wie mich und infantile Männer, die ihr Leben lang Räuber und Gendarm spielen. Wir sind keine Mönche, die im Kloster über Recht und Unrecht nachdenken.“
(Der britische Spion Alec Leamas zu seiner Geliebten Nan Perry - gespielt von Richard Burton und Claire Bloom. Zitiert aus dem Schlussdialog des 1964 von Martin Ritt gedrehten Films „Der Spion, der aus der Kälte kam“ nach dem gleichnamigen Roman von John le Carré)

Ein wenig habe ich mich schon vor der Lektüre dieses gigantischen 1000-Seiten-Schmökers gefürchtet. 1000 Seiten: Das bedeutet für einen Vielleser, viel Zeit an einem einzigen Buch zu „verschwenden“, wo man doch in der gleichen Zeit 3-4 andere interessante Bücher hätte lesen können. Gleichzeitig hatte es mir aber schon vor zwei Jahren Robert Littells ausgesprochen intelligenter und ironischer Spionageroman „Die kalte Legende“ so angetan, dass ich diesen Autoren nun näher kennen lernen wollte. Ich knüpfte mir also sein Opus Magnum von 2002 vor: „Die Company“. Nichtsdestotrotz fragte ich mich angesichts dieses Buches mit Ziegelsteinausmaßen, worauf ich mich hier einließ und ob sich das wirklich lohnen würde ...

Robert Littells tausendseitiger Roman ist zeitenumspannend, und er hat sich für sein Epos eine chronologisch sehr verschachtelte Erzählweise zurechtgelegt, worin die Geschichte des amerikanischen Auslandgeheimdienstes CIA auf verschiedenen Erlebnisebenen beinahe wie eine Familiengeschichte dargestellt wird. („Die Company“ hätte so durchaus auch mit „Die Family“ übertitelt werden können.)
Die recht simple und sicher nicht ungewöhnliche Erzählstruktur liegt von Anfang an offen: Ein Prolog, der geheimnisvoll mit dem Datum des 28. September 1978 und der Todesnacht Papst Johannes Paul I. einsetzt, platziert ein weltverschwörerisches Grundmotiv und bietet einen ansprechend großen und mysteriösen Einstieg in diesen durchaus qansprechenden und ambitionierten Spionageroman. Der wirkliche Beginn von Littells Epos ist jedoch der 31. Dezember 1950 in Berlin, keinem historischen Datum an sich, sondern nur der Zeitpunkt einer (fiktiven) Geheimdienstaktion des CIA in Ost-Berlin, die heillos misslingt und für den weiteren Lebenslauf verschiedener Akteure des Romans einige Folgen zeitigt. Gleichzeitig entfaltet der Kalte Krieg in jenen 50er Jahren in der Realität genauso wie im vorliegenden historischen Roman seine größte Kälte und Macht.
DOCH es gibt da einige junge Spione, die aus dieser erbarmungslosen und tödlichen Kälte hervorgehen und mit ihren Erfahrungen beginnen, die Geschicke Ihrer „Company“ in der Folge entscheidend mitzubestimmen. Ungeachtet dessen sind die großen Manipulateure der Geheimdienste in Ost und West ohnehin schon längst wie die sprichwörtlichen Maulwürfe am Werk, um mit ihren geschickt eingefädelten Intrigen an entscheidende Informationen zu gelangen, den Gegner bis ins Kleinste zu kontrollieren und nicht zuletzt die schwachen Stellen in den eigenen Reihen mit Doppel- und Gegenspionen dingfest zu machen.

Littells Protagonisten leben in einer engen und hoffnungslos paranoiden Welt, die sich in einem unglaublichen Pathos der Weltenlenker sonnt, ohne je wirkliche Macht oder einen gestaltenden Horizont vor Augen zu haben. „Die Company“ ist nach Littell eine höchst konspirative Organisation, die sich mangels tatsächlicher Macht und Einfluss allzu schnell auf reine Sabotageakte und desperate Guerilla-Aktionen versteigt. Eine Organisation, die es dann aber nicht einmal schafft, Ihren Verbündeten wie den ungarischen Revolutionären im November 1956 oder auch den eigens gegen Castro angeworbenen Exil-Kubanern in der Schweinebucht im April 1961 wirklich beizustehen. Auf der anderen Seite agiert auf ganz ähnliche Art und Weise der sowjetische Geheimdienst KGB, der seine Gegenspione geschickt und voller Fleiß an wichtigen Schaltstellen der (Geheimdienst)Macht eingepflanzt hat, währenddessen er permanent ebenso „machtlos“ versucht, wirklich entscheidenden Einfluss auf dieses immer kostspieligere organisatorische Chaos zu gewinnen ...

Seltsam: In der Nachbetrachtung verschwimmen die Helden und Protagonisten dieses Mammutwerkes in der Erinnerung. Die prägnanteste Figur in dem „Familien“-Roman war für mich im nachhinein der zwielichtige Agent Harvey Torrity, genannt „der Zauberer“ - ein relativ unangenehmer Typ und Zeitgenosse, der im Roman als einer der Ersten auftritt. Er ist ein US-Mann für „besondere Fälle“, ein Einzelgänger, der zweifellos über Leichen zu gehen vermag, so auch von Anfang an beste Verbindungen in alle geheimdienstliche Richtungen pflegt und sich auf der Augenhöhe der spionagetechnischen Zeit bewegt. Er zeigt zwar manchmal beinahe menschliche Regungen, doch gegen ihn und seinen schweißatmendem Zynismus wirken aller anderen Akteure des Romans geradezu blass und naiv. Hier offenbart sich auch eine der Schwächen des Romans, denn abgesehen von der Originalität jenes „Zauberers“ wiederholen sich gewisse Erzählmomente in der Generationenfolge der Spione doch recht einfallslos. Die Welt der Spionage ist eben trotz aller Querverbindungen doch keine Welt der Mafia-Paten. Und so entfaltet die Dreierkonstellation um seine eigentlichen Helden Jack McAuliffe, Leo Kritzky und Jewgeni Alexandrowitsch Tsipin, die sich bereits als amerikanische Elite-Studenten kennen lernen und früh vom Geheimdienst angeworben wurden, folgerichtig nicht ganz die beabsichtigte abenteuerlich-romantische Wirkung, wie man sie von großen Filmepen kennt.

Die Geschichte des CIA wird in „Die Company“ von 1950-1995 erzählt, sozusagen vom Berliner Aufstand bis zum afghanischen Widerstand. „Naturgemäß“ lauert der KGB quasi als Schatten der Gegenspionage und Infiltration über diesem CIA-Gemälde. Littell erzählt dieses „große Spiel“ der Geheimdienste in hoher Ambivalenz und als verhängnisvollen Ablauf schmutziger Spionage und Gegenspionage. Seine Schreibhaltung bleibt dabei vordergründig ohne ideologische Ausrichtung, obwohl er, so denke ich, nicht ganz frei ist vom Pathos des „wohlmeinenden Amerikaners“ und dem Gegenbild des unberechenbaren Russen. Dennoch betreibt Littell hier keinesfalls pure Schwarzweißmalerei.
Seine herausragende „Geschichtsmomente“ sind Berlin als geteilte Stadt, der Ungarn-Aufstand 1956, die Kuba-Krise 1962 und die bemerkenswerten Zeiten in den 70er Jahren, in denen die Geheimdienste erstmals auf eine massive Gegenöffentlichkeit stießen. Littell bleibt hierbei wie mit seinem Abgesang auf die hoffnungsvollen 90er Jahre, in denen sich die Katastrophen einer späteren Bush-Regierung ja schon andeuteten, erstaunlich oberflächlich und spart vieles aus. Dies vielleicht im Wissen, dass man ihm das wohl niemals zum Vorwurf machen würde. Epos ist Epos und verschlingt, falls er „im Großen und Ganzen“ einigermaßen gelungen ist, per se jegliche Detailkritik.

Der Prager Frühling, der Umsturz in Chile und die mörderische Absetzung Pinochets und seiner gewählten Regierung, an dem der CIA zweifellos beteiligt war – Nicaragua und die genauso anti-kommunistische wie im Grunde nur menschenverachtende Lateinamerika-Doktrin. Man wollte unzählige weitere „Verfehlungen“ an führen: ..., ..., ... – doch für Littells Protagonisten spielt all das keine besondere Rolle. Seine Helden stellt er eher als die „Überflieger“ und die Elite der CIA dar, die jedoch als wirklich glaubwürdige Figuren weit mehr als nur den Geist eines Hollywood-Drehbuchs reflektieren müssten.

Alles in allem wirkt Littells Roman sehr, sehr amerikanisch und stellt sich trotz seiner Überlänge so als ein in großer Linie auf eine Hollywood-Verfilmung getrimmtes Buch dar. Die jüngere Spionageliteratur hat vor diesem Hintergrund sicher weit Besseres und Tiefsinnigeres zu bieten als nun gerade der 1000-Seiten-Hammer „Die Company“. Gleichzeitig beeindruckt der Roman durchaus mit einer nostalgischen Zeitenwanderung und den einfachen Ansatz, Menschen verstehen zu wollen, die sich aus ihrer jeweiligen Situation heraus für die vorgeblich „ehrenvolle“ Arbeit der Geheimdienste und fragwürdige Opfer für die Nation entscheiden, sich mithin den Mechanismen kaltblütiger und intriganter Machtpolitik anbiedern oder ausliefern.
Völlig klar und absolut deutlich stellt sich das alles in „Die Company“ jedoch nicht dar. Nur in Ansätzen arbeitet Littell die wirklich kritischen Punkte heraus, die einem aufgeschlossenen und fortgeschrittenen Leser tatsächlich schlaflose Nächte bereiten könnten. Trotz aller Detailkritik wirkt Littells Epos zweifellos noch verführerisch lakonisch, aber über weite Strecken zu naiv. Dass der Autor seine Kapitelanfänge u.a. mit Zitaten aus „Alices Wunderland“ von Lewis Carroll „gewürzt“ (oder auch verbrämt) hat, mag zwar ein schönes und darüber hinaus poetisches Grundmotiv sein, täuscht aber dennoch nicht darüber hinweg, dass er bei weitem keinen Generalangriff auf die im Grunde (und nüchtern betrachtet) schädlichen und verbrecherischen Organisationen des CIA und des KGB wagte.
Demnach ist „Die Company“ zwar einerseits eine recht gekonnt erzählte Spionagegeschichte mit epischen Ausmaßen, die vor allem unerschrockene Liebhaber des Genres ansprechen dürfte. Andererseits wirkt mir dieses Geheimdienst-Epos trotz aller kritischen Untertöne letzten Endes z.B. immer noch schlicht zu patriotisch. Und das mag oder darf man doch an einem Spionageroman vielleicht immer noch am wenigsten leiden.

Fazit: Zwiespältig. Fans in der Geschmacksrichtung von Daniel Silva oder Joseph Kanon dürften mit dem Mammutwerk überreich bedient sein. Doch wer es entschieden kritischer und anspruchsvoller mag, der wird von John le Carré bis Ross Thomas meiner Meinung nach weit besser angeregt und unterhalten.

[ hs/17.11.2008 ]
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