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Nothomb, Amélie QuecksilberOriginaltitel: "Mercure" (Éditions Albin Michel S.A.: Paris 1998)
Unsere Meinung:"Quecksilber" ist eine Entführungs- und Gefängnisgeschichte, die, wenn sie Amélie Nothomb nicht in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Frankreich angesiedelt hätte, auf den ersten Blick an den niederösterreichischen Entführungsfall Natascha Kampusch erinnern würde. (Natascha Kampusch wurde bekanntlich als 10jähriges Mädchen von ihrem Entführer verschleppt und 8 Jahre lang in einem Kellerverlies eingesperrt.)
Dagegen bewegt sich Amélie Nothombs Kurzroman mit seinen verkünstelten Dialogen und seiner unglaubwürdigen Geschichte allerdings hoffnungslos am Rande eines versponnenen romantischen Märchens: Ein Alter, zu großem Reichtum gekommener Seemann, entführt in den Wirren des 1. Weltkriegs, ein junges Mädchen und richtet ihr auf einer einsamen Insel ein wundersames Gefängnis ein, das auch ein Traumschloß sein könnte. Als dann wegen einer Erkrankung des Mädchens die ahnungslose Krankenschwester Francoise auf die Insel gerufen wird, ist jene schon ein halbes Jahrzehnt auf der Insel gefangen . . . Hmh. - Dieser Roman drückt gewaltig auf unsere sentimentale und romantische Ader, bleibt aber gleichzeitig nur Rohentwurf. Die Erzählung wirkt insgesamt sehr gekünstelt und unfertig. Vielleicht war das nicht zuletzt der Grund dafür, dass uns die Autorin dann in ihrer offensichtlichen erzählerischen Unentschlossenheit zwei Schlussteile zu ihrem modernen Märchen präsentierte (und uns das dann auch noch als besonderen Einfall verkauft; vgl. Anmerkung der Autorin auf S. 151). Doch bei allen erzählerischen Versuchen enttäuscht Nothomb, deren fraglose Qualitäten wir hier schon an anderer Stelle deutlich hervorgehoben haben, hier auf ganzer Linie. Die romantische Vorstellung der Gefangenschaft als schicksalhaftes Erlebnis prallt auf die Vorstellbarkeit der gnadenlosen Realität einer solchen Gefangenschaft. Übrig bleibt eine peinliche Stilisierung, mit der der Roman über allerlei Symbolik einen mehr oder weniger unnützen Umweg geht, um die Ängste der Protagonistinnen ins Unwirkliche zu übersetzen und ins Märchenhafte zu verwandeln. Kern dieser Kritik hier ist es mithin, dass Nothomb es sträflichst versäumt, das komplexe Verhältnis des Täters (dem Seemann und alten Kapitän Loncours) und des Opfers (dem jungen Mädchen Hazel) angemessen darzustellen. Nur unausgegoren beschreibt die Autorin, was in einer solchen Gefangenschaft vor sich geht und was der Psychiater Reinhold Haller für den Fall Kampusch so beschrieben hat: Der Peiniger und Entführer stelle sich für das Opfer über längere Zeit betrachtet zwangsläufig als "Vater, Erzieher, Freund, vielleicht als Liebhaber" dar. Nothomb scheitert an den Darstellungslinien zwischen Wirklichkeit und Märchenwelt, die hier buchstäblich Frontlinien sind. Daran gemessen ist ihr Roman "Quecksilber" nur ein naives, blöde vor sich hin idealisierendes Märchen. Oder am Ende vielleicht nur: Ungeheurer Schwulst. [ hs/04.08.2007 ]
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Krimi-Specials
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