Titel: Silvesterknaller

Vis, Jacob Silvesterknaller

Originaltitel: Het hoofd
Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer

Ijsselmonde, Silvesterabend. Eine Frau stürzt vom Balkon ihrer Wohnung auf das Auto eines jungen Pärchens. Sie war die Geliebte des Schlachthofdirektors Carlo van Beuningen, dessen Leiche die Polizei im Schlafzimmer der Toten findet. Die Indizien scheinen eindeutig: Carlo hat erst Linda Stam und anschließend sich selbst umgebracht. Die Witwe, Helga van Beuningen, glaubt jedoch nicht an diese Theorie. Tatsächlich finden sich am Tatort auch Spuren von Anton Krans, einem skrupellosen Viehhändler und ehemaligen Liebhaber von Linda.
Bei seinen Ermittlungen gewinnt Inspecteur Ben van Arkel tiefe Einblicke in das schmutzige Geschäft um das tägliche Stück Fleisch und kommt dabei illegalem Hormoneinsatz in großem Stil auf die Spur.

Autor: Vis, Jacob
Titel: Silvesterknaller
Jahr: 2005-08
Seiten: 256 |
Verlag: Grafit
ISBN: 978-3-89425-546-6
Preis: 8.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Der niederländische Autor Jacob Vis ist für mich persönlich eine Überraschung. Ich möchte wetten, ohne dass ich bisher auch nur einen Blick auf die Biographie des Autoren geworfen hätte, dass der Bursche irgendwann einmal in seinem Leben in einer Schlachterei gejobbt oder gearbeitet hat. - Spielte schon in seinem ersten auf Deutsch erschienenen Kriminalroman "Der Kopf von Ijsselmonde" ein Schlachthofangestellter eine zentrale Rolle, so siedelt er nun auch in seinem zweiten Roman um den Provinz-Inspecteur Ben van Arkel seine Geschichte im Milieu der Schlachter, der Metzger und dem fleischlichen Teil unserer karnivoren Wohlstandsgesellschaften an.
Das Buch, das im Original unter dem Titel "De bidsprinkhaan" bereits 1994 erschien, erinnert mich in einigen Momenten an die Filme von Claude Chabrol und natürlich nicht zuletzt an dessen Meisterwerk "Der Schlachter" ("Le Boucher" von 1969). Hier wie dort wird in kühler Sprache der auf geradezu krasse Weise verdorbene Zustand der bürgerlichen Alltagswelt und Moral entlarvt:
Im niederländischen Provinzleben der Stadt Ijsselmonde schockt nach einem Silvesterabend die Nachricht, dass der angesehene Schlachthofdirektor Carlo van Beuningen und dessen Geliebte Linda, eine einschlägig bekannte Edel-Prostituierte, tot aufgefunden worden sind. Kriminalinspektor Ben van Arkel hat angesichts der geheimnisvollen Situation zwischen Mord, Selbstmord oder Doppelmord aber bald nicht nur das nächste Umfeld des Fleischunternehmers im Blick, sondern stößt zwischen Fleisch und Gülle zudem auf dunkle Machenschaften bei mächtigen Viehhändlern und deren gefügigen Mastbauern.
Deutlich werden während seiner "schmutzigen" Ermittlungen aber auch sehr private Momente, so findet er heraus, dass es nach bald fünfundzwanzigjähriger Ehe mit zwei ausgewachsenen Kindern zwischen dem Ehepaar Carlo von Beuningen und Frau Helga mehr als nur kriselte. Besonders die resolute Frau, die das Schlachtunternehmen ihre Mannes weiterführt, gibt dem Inspektor einige Rätsel auf ...
Hass, Rache, Liebe, Eifersucht - Jacob Vis entlarvt mit seinen Mitteln den bürgerlichen Alltag als reine Fassade. So lesen sich die Passagen, die aus der Sicht der Ehefrau Helga von Beuningen erzählt werden, wie eine Anklage:
"Denn auch das war bezeichnend für ihn: Wenn er etwas tat, dann gründlich: O Carlo, aber warum musstest du etwas so Lächerliches tun? Eine Hure heiraten wollen, ein neues Leben anfangen wollen, wie ein Operettenbaron! Was suchtest du bei dieser Frau? Glück? Glück ist ein Frauenwort, hat Willem Frederick Hermans einmal gesagt, und verdammt, er hatte Recht damit . . ."
Die genauso kluge wie frustrierte Ehefrau ist von dunklen Gedanken getrieben, dennoch spricht aus ihr fast unfreiwillig der Widerstand gegenüber der genauso perversen wie dennoch herrschenden Sexualmoral:
"Carlos Tod befreite mich von der Vorstellung, dass Sex im Wesentlichen etwas Schmutziges ist, sogar mit dem Mann, den man liebt. Schmutzig und nervtötend, allen Experimenten in diesem ersten, herrlichen Jahr zum Trotz. Danach war es bestenfalls noch ein übel riechender Pflichtakt. Warum die eine Hälfte der Menschheit den Geschlechtsverkehr genießt und die andere nicht, bleibt ein düsteres, unergründliches Geheimnis. Übrigens gilt dasselbe für Tiere, wie mir aufgefallen ist. Ich habe gesehen, wie Pferde, Schweine und Affen sich paarten, und bei allen beobachtete ich dieselbe willenlose Unterwerfung der weiblichen Exemplare . . ."
Dennoch führt die sehr eigensinnige Schlachter-Witwe die Geschäfte des geliebten Mannes (sic!) weiter und lässt sich auch auf die privaten und finanziellen Avancen des Rinderbarons Krans ein ... -
Es geht zuweilen und buchstäblich recht deftig zu in diesem niederländischen Sittengemälde. (So kann man u.a. die Methode des staatlichen Tierpflegers Arie, seine Kälbchen ruhig zu stellen, nur als sehr eigenwillig bezeichnen - vergleichen Sie bitte doch einmal das "schöne" Lesestück auf S. 119 unten "Van Arkel tätschelte dem Kalb den Hals . . ." bis zum Ende des 10. Kapitels.) - Das alles ist zugegebenermaßen drastisch, ungeschminkt und frech erzählt, aber nicht zuletzt diese Nonchalance und der an mehreren Stellen genauso ironisch wie lakonisch aufblitzende Witz führen mich nach vielen Worten zu dem knappen Urteil: Dieser Krimi bewegt sich auf ganz überraschend gutem Niveau!
[ hs/27.08.2005 ]
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