Titel: Die erste Leiche vergisst man nicht.
Polizisten erzählen.

Uhl, Volker (Hrsg.) Die erste Leiche vergisst man nicht. Polizisten erzählen.

Originalausgabe. 39 Texte von Polizisten. Vorwort von Dietz-Werner Steck ('Kommissar Bienzle'). Fotos von Suzanne Eichel auf 16 Tafeln.

Es gibt immer ein erstes Mal: der erste Raubüberfall, der erste Mord, der erste Suizid. Wie gehen Polizisten damit um, die jeden Tag dem Verbrechen ausgesetzt sind? Kollegen von Volker Uhl berichten in kurzen Texten von ihren erschütternden Erlebnissen. Dabei zeigen sie sich als Menschen, die andere leiden und sterben sehen, weil es ihr Beruf mit sich bringt. Authentische, lebensnahe Geschichten mit Fotografien von Suzanne Eichel.

Autor: Uhl, Volker (Hrsg.)
Titel: Die erste Leiche vergisst man nicht. Polizisten erzählen.
Jahr: 2005-09
Seiten: 224 |
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-24503-6
Preis: 8.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Gegen ein Buch, in dem Polizisten und Polizistinnen in eindringlichen Texten und Erfahrungsberichten offen von ihrer zum Teil sehr harten und aufreibenden Arbeit erzählen, - dagegen lässt sich kaum etwas einwenden. Vor allem nicht, wenn solches wie in der vorliegenden Textsammlung mit dem Bemühen um ein gewisses textliches und literarisches Niveau einhergeht.
Dennoch wird man bei diesen Polizei-Erzählungen streckenweise das Gefühl nicht los, das einen bei Kirchenpredigern überkommt. Denn beileibe nicht jeder Prediger ist zum Redner geboren.

Solche oberflächlichen Einwände mag man jedoch relativ schnell vergessen, wenn man an den entscheidenden Stellen die unsägliche Geschichte von einer Polizistin liest, die vom jahrelangen und harten sexuellen Missbrauch eines Vaters an seinen Kindern berichtet, von der "Aufklärung" dieses Missbrauchs, der innerfamiliären Widerstände (!) und des völlig zerstörten und angefeindeten sozialen Umfelds der Opfer und ihrer "Familie". Polizeiarbeit - ein hartes Brot.
Besagter Einwand mag überdies nicht gelten, wenn in erschütternder Direktheit Situationen von Polizisten beschrieben werden, so wie z.B. die Überbringung von Todesbotschaften oder die Mitteilung und der unmittelbare Vollzug von unmenschlichen Asylverfahren, in dem die Polizeibeamten nur rat- und hilflose Erfüllungsgehilfen sind. Bei letzterem werden sie mit dem unmenschlichen Vollzug der Ausweisung eines Familienvaters faktisch zu Handlangern, um Existenzen wie die einer sozial hierzulande längst integrierten Familie aus Schwarzafrika buchstäblich mutwillig zu zerstören.

All das: Keine einfache Lektüre - aber eindringlich. Daß die Texte der selbsternannten "Polizei-Poeten" (Volker Uhl) manchmal etwas unbeholfen, hausbacken oder gar übertrieben pathetisch wirken mögen - geschenkt. Darunter befinden sich teilweise experimentelle Texte - fragwürdig, aber ebenfalls geschenkt. Daß man solchen Büchern in Konjunkturzeiten der Betroffenheitsliteratur und einer Unmenge an "Selbstzeugnissen" vielleicht kritisch gegenüber stehen mag - hier ebenfalls kein Grund, dieses Buch nicht zu lesen.

Möglicherweise hätte der Herausgeber des Buches aber noch deutlicher herausstellen können, wie sehr das Beschriebene tatsächlich die dunklen Seiten des Alltags unserer Gesellschaft abbildet. Die allgegenwärtige Präsenz der gängigen medialen Berichterstattung belässt uns dabei weitgehend in bedrohlich erscheinenden Mutmaßungen. (Die Medienberichterstattung wird im Buch mit geradezu schockierender Offenheit genauso zurechtgerückt wie ganz nebenbei auch ad absurdum geführt.) Auch der Rückgriff ins statistische Waffenarsenal wäre dabei nicht zwingend. Darin liegt neben dem redlichen Bemühen, einen literarischen und zudem lesenswerten Text zu präsentieren, auch die Aufgabe einer solchen Textsammlung. Man kann sie nicht einfach lesen wie einen Zeitungsbericht oder hinnehmen wie reißerische Boulevard-Beiträge von Fernseh-Magazinen wie "Brisant" und anderen.
Man muß diese Texte aus "Die erste Leiche vergisst man nicht" fraglos ernstnehmen. Ein wichtiges Ziel hat das Buch so bereits weitgehend erreicht, selbst man sich hier vielleicht am Ende doch noch die Frage stellt, von wem es denn gelesen werden mag. - Denn im schlechtesten Fall kaufen und lesen es ja nur Polizisten und deren Freunde und Angehörige . . .

Fazit: Harter Stoff, da harte Realität. Nicht zuletzt seien derartige Bücher jedem potenziellen neuen Krimiautoren an die Hand gelegt, damit er nie vergisst, sein Genre und die darin gestellten existenziellen Themen ernst zu nehmen. (Und mit dem Leid und den Geschichten anderer nicht nur Schindluder zu treiben oder gar nur "Kasse" machen zu wollen.)

[ hs/07.11.2007 ]
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