Titel: Der traurige Polizist

Meyer, Deon Der traurige Polizist

Der Polizist Mat Joubert hat alles verloren. Seine Frau ist bei einem Polizeieinsatz ums Lebens gekommen. Seitdem ist er kaum noch fähig, seinen Dienst zu verrichten. Doch dann kommt ein neuer Chef in die Abteilung, der ihn am liebsten kaltstellen möchte, und gleichzeitig beginnt eine mysteriöse Mordserie, die ganz Kapstadt in Aufregung versetzt. Mit einer deutschen Pistole aus dem 19. Jahrhundert werden Weiße umgebracht, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben.

Autor: Meyer, Deon
Titel: Der traurige Polizist
Jahr: 2005-10
Seiten: 448 |
Verlag: Aufbau
ISBN: 3-7466-2170-4
Preis: 9.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Mat Joubert ist Polizist in Kapstadt/Südafrika. Er ist auch "Der traurige Polizist", auf den im Titel des zweiten deutschsprachigen Romans des Südafrikaners Deon Meyer angespielt wird. - Mat hat mit dem Leben fast schon abgeschlossen, nachdem seine Frau Lara, ebenfalls Polizistin, bei einem Einsatz umgekommen ist.
Dennoch schleppt er sich nach dieser Tragödie durch seinen Dienst, genauso geistesabwesend wie teilweise unbeherrscht, was ihm berufliche Probleme einträgt. Zu allem Verdruß ist Mat übergewichtig, nein, geradezu fett, nikotinsüchtig und spricht außerdem noch dem Alkohol zu, was seine Lage insgesamt nicht unbedingt verbessert. Das alles reibt ihm prompt sein neuer Chef, ein gebildeter, aber ahnungsloser Schnösel mit höheren Beamtenweihen, gnadenlos unter die Nase, indem er Mat nicht nur eine ärztliche Tauglichkeitsprüfung, sondern auch noch eine psychologische sowie Ernährungsberatung verordnet. Dies bereitet dann übrigens nicht nur ihm, sondern auch vielen seiner alten und besten Kollegen einige Probleme.
Daß ihm in dieser kritischen Lebensphase schließlich noch eine mysteriöse Serie von Mordfällen vorgesetzt wird, erleichtert ihm nicht gerade seine Situation. Er realisiert zwar, dass er noch von Lebenswillen erfüllt ist, aber nichtsdestotrotz vor dem existenziellen Abgrund steht ...
Deon Meyer überrascht mit seiner Figur des "traurigen Polizisten" Mat Joubert. Es mag ja sein, dass einige Motive in seinem Roman an den Schweden Henning Mankell erinnern, dennoch sollte in einigen Verlagsstuben besser nachgedacht werden, bevor in Werbung und Klappentexten das skandinavische Totschlagargument aus der Schublade geholt wird.
Deon Meyer stellt sich mit seinen bisher zwei auf Deutsch erschienenen Romanen nämlich durchaus als eigenständiger Schriftsteller dar. Für meine Begriffe erinnert dieser Roman noch am ehesten an Garry Dishers australische Polizeiromane um den gleichfalls melancholischen Polizeiinspektor Hal Challis (vgl. "Drachenmann" und "Flugrausch"); und will man die Vergleiche weiter strapazieren, dann ist "Der traurige Polizist" als Rachegeschichte auch eine mehrdeutige Reminiszenz an Cornell Woolrichs Klassiker "Rendezvous in Schwarz".
Doch ich will nicht zuviel verraten. Ohnehin bietet Deon Meyer mit seinem ironischen Humor in "Der traurige Polizist" gemessen an seinen vorgeblichen Vorbildern alles in allem beste und frische Unterhaltung. Die ebenso exotische wie kritische Komponente der Schilderung aktueller südafrikanischer Verhältnisse (mithin einer Gesellschaft in grundlegendem Wandel und in der Überwindung der Rassentrennung) bleibt dabei dezent im Hintergrund. Das wirkt unaufgeregt und angemessen. Störend ist allein Meyers Überbetonung der Sexualität in seiner Handlung und bei seinen Figuren. So erscheint das Ermittlungsteam um Mat Joubert teilweise als notgeile Polizeitruppe, was gleichwohl meist unfreiwillig komisch anmutet.
[Exkurs: So weiß offenbar selbst der Übersetzer oder der Lektor bei all den femininen Kurven, männlichen Phantasien und weiblichen Brüsten nicht mehr ein noch aus - und vertut sich genauso zwangsläufig wie unfreiwillig (lese auf S. 226):
"Laß uns eine Kassette einlegen, Mat Joubert. Siehst du, da ist deine Frau Lara, da an der Frisierkommode, wo sie ihre Brüste [sic! statt Bürste!] mit gereizten Bewegungen durch ihr Haar zieht. Sieh, wie ihre Armmuskeln bei jeder Bewegung unter der gebräunten Haut hervortreten. Sieh, wie ihre Brüste sich heben, ihre nackten Brüste, die du im Spiegel betrachten kannst . . ." - Ein wenig ahnt übrigens auch der Autor von der Obsession, die in seinen sexuellen Darstellungen steckt, als er seinen Helden einige Zeit später (auf S. 260) grübeln läßt: "Er schüttelte den Kopf über sein Unvermögen, sich den Sex aus dem Kopf zu schlagen."]
Natürlich kommt dieser Kriminalroman nicht immer derart tumb daher. Der mithin "bärige" und manchmal recht unbeholfene Held Mat Joubert entwickelt über die ganze Romanstrecke durchaus kluge zwischenmenschliche Einsichten:

"Es ist eigenartig", sagte er, beinahe erstaunt. "Wir leben nur in unseren eigenen Köpfen. Wie Gefangene. Obwohl unsere Augen nach draußen schauen, leben wir nur dort drinnen, in diesem knochigen Schädel. Wir wissen nichts wirklich. Wir leben mit anderen Menschen, jeden Tag, und wir glauben, wir kennen sie, weil wir sie sehen können. Und wir glauben, sie kennen uns, weil sie uns sehen können. Aber niemand kennt irgend jemanden . . ."

Fazit: In vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Und: Für den interessierten Krimileser durchaus lohnenswert!
[ hs/10.10.2005 ]
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