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Larson, ErikDer Teufel von ChicagoEin Architekt, ein Mörder und die Weltausstellung von Chicago 1893, das ist das Szenario für eine Geschichte, die wirklich passiert ist. Während der Stararchitekt Daniel H. Burnham den Sümpfen von Jackson Park die magische "White City" zum Ruhm Chicagos abtrotzt, nutzt der Frauenmörder H.H. Holmes die Weltausstellung für seine dunklen Zwecke: nach akribischen Plänen baut er sich ein Folterkabinett mit hauseigenem Krematorium und tarnt das Ganze als Hotel. Hierhin lockt er junge Frauen, die, vom Glamour der Großstadt und der Weltausstellung angezogen, vom besseren Leben träumen und seinem Charme und guten Aussehen verfallen. Gern spaziert er nachts, sein argloses Opfer am Arm, durch die erleuchtete "Weiße Stadt" . . .
Status: Vergriffen Preis: 9.90 EUR Unsere Meinung:Chicago im Februar 1890: Zur großen Überraschung der amerikanischen Öffentlichkeit erhält die Stadt am Südwestufer des Michigansees den Zuschlag für die Weltausstellung 1893. Nach dem atemberaubenden Erfolg der vorangegangenen Weltausstellung in Paris, steht die Stadt vor einer gigantischen Herausforderung. Das nicht zuletzt, weil die bürgerlichen Eliten New Yorks und der Ostküste die Stadt trotz ihrer industriellen Erfolge immer noch bloß als "eine habgierige, Schweine schlachtende Provinzstadt" und Emporkömmling betrachten.
Schnell werden die fähigsten Architekten und Landschaftsplaner zusammengetrommelt, um unter der Leitung des Stararchitekten Daniel Hudson Burnham das Unmögliche wahr zu machen und innerhalb kürzester Zeit eine "Stadt in der Stadt" aus dem Boden zu stampfen. Der "schwarzen Stadt", wie Chicago bis dahin auch genannt wurde, soll das in hellen Stein gemeißelte leuchtende Symbol des Fortschritts und der Schaffenskraft einer "weißen Stadt" entgegengesetzt werden. (Der amerikanische Originaltitel des Buches lautet übrigens "The Devil in the White City".) Die Stadt und ihre Verantwortlichen ächzen schon bald unter der Last, die sie sich selbst auferlegt haben. Auch die Euphorie der großmäuligen Industriellen und Kapitalisten der Stadt legt sich bald: Es dauert nicht lange, bis sie erste Vorbehalte gegen die Pläne und Konzepte der Ausstellung formulieren. So wird Burnham nicht nur einmal in Machtkämpfe und widerstreitenden Befindlichkeiten der örtlichen "upper class" verwickelt. Gleichzeitig und trotz einer herannahenden Wirtschaftskrise setzt ein unglaublicher Boom ein, der Tausende von Arbeitssuchenden und Glücksrittern in die Stadt zieht. Darunter ist Herman Webster Mudgett, eine bis dahin mehr oder weniger gescheiterte Existenz, die sich mit allerlei Betrügereien durchs Leben schlug. Dennoch hat Mudgett, der sich nach der berühmten Detektivfigur Arthur Conan Doyles Dr. Holmes nennt, die Kenntnisse und Fähigkeiten eines ausgebildeten Mediziners. In der Chicagoer Weltausstellung sieht er nun die Chance, mit diesen Kenntnissen nicht nur seine geheimsten Wünsche in die Tat umzusetzen, sondern nach unzähligen Heiratsschwindeln und anderen Betrügereien endlich auch das große Geld zu machen. Mitten im Bauboom setzt er in der Nähe des Weltausstellungsgeländes nach eigenen Planungen ein genauso düsteres wie geheimnisvolles Gebäude in den Boden der prosperierenden Großstadt. Doch dieses Hotel soll nicht etwa zum Wohl seiner Gäste florieren, sondern vielmehr als eine weibliche "Venusfalle" fungieren. Mudgett/Holmes ist in Wahrheit ein pathologischer Triebtäter, der sich aus den unzähligen Menschenströmen, die auf der Suche nach Arbeit, Glück und Erfolg in die Stadt strömt, sich vor allem junge, ahnungslose Mädchen und Frauen herauspickt und sie in sein "Hotel" lockt, um sie buchstäblich mit Koffer, Haut und Haaren zu verschlingen. So funktioniert sein "Hotel" im kleinen Maßstab wie eine Menschenschlächterei vergleichbar mit jenen Vieh- und Schlachthöfen der Stadt, die der Öffentlichkeit bis dahin immer noch als touristische Attraktion gelten ... Erik Larsons "Teufel von Chicago" ist eines der ungewöhnlichsten Bücher der Kriminalliteratur, die ich seit langem gelesen habe. Halb historische Reportage über die Weltausstellung in Chicago 1893, halb literarischer Kriminalroman über einen der ersten Serienmörder der Kriminalgeschichte, wirft Larson unweigerlich die prekäre Frage nach den Zusammenhängen zwischen Verbrechen und Moderne auf. Nicht erst seit Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" und den Gangstergeschichten und der organisierten Kriminalität der Prohibition in den 30er Jahren versinnbildlicht Chicago den Großstadtmoloch schlechthin. Die Hintergründe dieser verbrecherischen Tradition schildert Larson eindrücklich. Mit der Nüchternheit und Detailversessenheit eines Historikers beschreibt Journalist, wie der industriellen Mechanik dieses "Schweinemetzgers der Welt" (sprichwörtliche Bezeichnung der Stadt) beileibe nicht nur Abermillionen von Tieren in den Schlachthöfen und Tierfabriken zum Opfer fielen. Larson ist peinlichst darum bemüht, die Ereignisse wahrheitsgetreu und historisch exakt wiederzugeben. Pedantisch führt er uns sein historisches Material mit seinen unzähligen historischen Quellenverweisen vor Augen und viviseziert buchstäblich die damaligen Strukturen der amerikanischen Gesellschaft. Damit macht er auf erschütternde Weise deutlich, welches Inferno sich unter der dünnen Schicht einer erfolgreichen bürgerlichen Gesellschaft und ihres Fortschrittsglaubens jederzeit abspielen konnte. So gewinnen wir mitunter eine Vorstellung über die Elemente und Ursprünge der zivilisatorischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Im Stil einer wissenschaftlichen Arbeit verbürgt er die historische Authentizität seiner Erzählung mit einem umfangreichen Anmerkungsapparat von über 836 Fußnoten (sic!). Dazu kommt eine Literaturliste und ein Register, die einer Dissertation würdig wären. Diese Vorgehensweise Larsons ist nun aber nicht mehr nur eine Sache des Geschmacks, darunter leidet der "Roman" sichtlich. Man hat den Eindruck, dass Larson sich angesichts seiner furiosen Geschichte nicht zwischen einem historischen Sachbuch und dem Erfolgsreizen eines reißerischen historischen Kriminalromans entscheiden konnte. Seine Beflissenheit, die Geschichte mit möglichst genauer Recherche und exakten Zitaten von Zeitzeugen aller Couleur und allen Gesellschaftsschichten herauszuputzen, machen die knapp 400 Seiten des Buches streckenweise zu einer recht schwierigen und langatmigen Lektüre. Überdies verspielt Larson darüber eine gehörige Portion seines erzählerischen Potenzials, das er mit seinen parallelen Geschichten des Stararchitekten Burnham und des erschreckend normalen Massenmörders Mudgett geradezu zu einer Rivalität und zum Antagonismus entwickelt hatte. "Der Teufel von Chicago" hat mich fraglos stark beeindruckt. Für Sie, liebe Krimileser/innen muß ich resümierend dennoch mein Lob für das Buch einschränken: Aus genannten Gründen würde ich das Buch neben allen Architekten, Landschaftsplanern und Historikern vor allem True Crime-Lesern und härter gesottenen Freunden des historischen Kriminalromans empfehlen. Aber vielleicht schauen Sie selbst hinein? [ hs/25.01.2006 ]
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Krimi-Specials
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