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Mankell, Henning Kennedys HirnAls die Archäologin Louise Cantor von ihrer Ausgrabung in Griechenland zu einem Vortrag nach Schweden reist, will sie auch ihren 25-jährigen Sohn wiedersehen. Doch als sie die Wohnung in Stockholm betritt, liegt Henrik tot im Bett. Louise glaubt nicht an einen Selbstmord. In Henriks Kleiderschrank findet sie eine Menge Material zu der Frage, warum Kennedys Hirn nach der Obduktion spurlos verschwand. War dieser junge Idealist einem kriminellen Geheimnis auf der Spur?
Unsere Meinung:"Ein Roman kann auf Seite 212 oder 397 enden, doch die Wirklichkeit geht unvermindert weiter. Was hier geschrieben steht, ist natürlich ganz und gar das Ergebnis meiner eigenen Wahl und meiner Entscheidungen. Genauso wie der Zorn mein eigener ist, der Zorn, der mich antrieb."
(Henning Mankell im Nachwort von "Kennedys Hirn", S. 399) Unweigerlich fragt man sich nach diesem Roman, weshalb Henning Mankell seine eigene tiefere Einsicht nicht beherzigt hat. Denn seinem Polit- und sozialkritische Thriller "Kennedys Hirn" (OT: "Kennedys hjärnä") hätte eine Beschränkung der Seitenzahl in der erzählerischen Romanstrecke zweifellos gut getan. Allerdings leidet das Buch noch an weit vielfältigeren Phänomenen, obwohl es Mankell zunächst wie in seinen vielen vorangegangenen Romanen wieder gelingt, eine sehr gediegene Spannungsatmosphäre herzustellen: Die schwedische Archäologin Louise Cantor ist in Griechenland mit antiken Ausgrabungen beschäftigt, als sie vom Tod ihres erwachsenen Sohnes Hendrik erfährt. Die Stockholmer Polizei teilt ihr mit, ihr Sohn habe Selbstmord begangen und sei nach der Wirkung von entsprechenden Medikamenten in seinem Bett verstorben. Nun glaubt die Archäologin, die gewohnt ist Spuren zu deuten, nicht an einen Selbstmord. Nachdem sie - noch völlig geschockt von den Ereignissen - einige Überlegungen anstellt und sogar einige handfeste (aber eher mütterlich motivierte) Indizien für einen Mord findet, beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln, denn auf die Hilfe der Polizeibehörden kann sie bei der Lage des Falls nicht zählen. Gleichzeitig bemüht sie sich sofort darum, Hendriks Vater von dem Tod des gemeinsamen Sohns zu verständigen. Doch ihr Ex-Mann, mit dem sie bis dahin keinen Kontakt mehr hatte, lebt inzwischen an einem unbekannten Ort in Australien. So macht sich Louise Cantor zunächst auf eine lange Reise um die ganze Welt, die sie von Stockholm nach Australien, nach Barcelona und schließlich Maputo in Mosambik führt. Denn während ihren langwierigen Recherchen hat sie herausgefunden, daß ihr Sohn einer mysteriösen Geschichte auf der Spur war, die mit einem internationalen AIDS-Projekt in Afrika in Verbindung steht ... Nach diesem sehr zwiespältigen Roman fällt deutlicher als bei seinen vorangegangenen Büchern, Interviews und anderen Äußerungen ins Auge: Der Schriftsteller Henning Mankell tritt zwar noch als wortmächtiger Erzähler auf, entpuppt sich aber auch zunehmend als Humanist, der langsam seine Hoffnung fahren läßt. Er wirkt wie ein sehr müder Erzähler. Und mit den Mitteln des Kriminalromans vermag er seine Botschaften offenbar längst nicht mehr so geschickt zu transportieren wie in früheren Romanen. Mankell glaubt an das Gute im Menschen, wobei das Böse nur eine Krankheit ist, das in der Geschichte und den Erfahrungen der Menschen verborgen ist wie ein Krebs- oder (pardon, meinetwegen auch) Magengeschwür. Die Moral von Mankells Geschichten ist dabei fraglos von redlichen Absichten geleitet, doch in dieser wie z. B. in "Kennedys Hirn" vorgetragenen Art scheint ihm das alles ein wenig zu entgleiten. Dazu kommt gleichzeitig der überraschende Eindruck, daß Mankells erzählerische Kraft schwindet, - zumindest was seine Kriminalromane betrifft. Da schleichen sich z.B. plötzlich ganz offensichtliche kleine Holprigkeiten in seine Plots ein. Hier im Roman ist sich Louise z. B. nicht so recht sicher, ob ihr Ex-Mann in Australien lebt, macht sich aber dennoch und ohne weitere Anhaltspunkte auf die lange und umständliche Reise dorthin. Da war ihr Sohn Hendrik offenbar - unter anderem - auf der Spur mysteriöser Vorkommnisse, die in der Zeit kurz nach dem Mordanschlag an John F. Kennedy stattfanden. So soll bald nach dem Attentat am 22.11.1963 in Dallas und der nachfolgenden Notoperation Kennedys im dortigen Parkland Memorial Hospital, aus scheinbar nie geklärten Umständen das Gehirn des ermordeten Präsidenten aus der Pathologie verschwunden sein. Diese Geschichte wird im Roman zunächst bedeutungsvoll hochstilisiert, aber dann offenbar nur als Allegorie auf die Machenschaften des Bösen und der Mächtigen auf dieser Erde verschwörungstheoretisch kolportiert. Schwach. - Im Grunde leidet Mankells jüngster Roman "Kennedy Hirn" an denselben Schwächen wie einst sein Wallander-Roman "Der Mann, der lächelte" (OT: "Mannen som log", 1994 im Original erschienen, deutsche Erstausgabe 2001). Schon dort wirkte seine frühe Attacke gegen die Machenschaften der Mächtigen und multinationalen Unternehmen seltsam phantasielos und ausdrucksschwach. Wie klischeehaft sich nun böswillige und kriminelle Großunternehmer auch immer verhalten mögen (und wovon der Autor Mankell womöglich auch aus konkreten Fällen weiß), in der hier dargebrachten Form der Darstellung wirkt seine Geschichte ziemlich wirr und unglaubwürdig. Mankell scheint sich weitgehend der Aufgabe eines Romanciers zu entziehen, auch die "böse" und verwerfliche Psychologie des sogenannten multinationalen Bösewichts genauer zu beschreiben. (Man vergleiche dazu auch genrebezogen nur die bemerkenswert hochkalibrigen alten französischen Meister Balzac und Zola!) Ein kompletter Perspektivwechsel wäre hier im Falle Mankells einmal mehr als nur spannend, doch scheint so etwas vollkommen außerhalb der Möglichkeiten des schwedischen Autoren zu liegen. Im Weg stehen ihm dabei allemal seine allzu "guten" Helden (oder auch die Wahl seiner Heldenfiguren), die wie Voltaires Optimist "Candide" die Welt zwar mögen, aber nicht (mehr) zu verstehen mögen. In Mankells früheren Romanen fand zumeist Wallander immer noch einen Ausweg, um sich in letzter Not und in letztem Ausweg der Bedrohung zu erwehren. Doch Wallander ist nach zehneinhalb Romanen Geschichte. Ist nun sein Autor genauso ausgebrannt wie seine Figur? "Der Mann, der lächelte" bot noch diesen Ausweg des moralischen Sieges der "Gerechtigkeit" gegenüber dem Bösen. "Kennedys Hirn" ist demgegenüber zwar ein viel ausgefeilteres, aber gleichzeitig ein ebenso moralinsaures Stück globalen Soziokrimis, das letztlich an seinen Unstimmigkeiten, seinen Längen und an seinem larmoyanten Rückzug auf eine Auflösung voller Fatalismus leidet. Henning Mankells Können, die Redlichkeit seiner moralischen Anliegen und seine konkrete Tatkraft im wirklichen Leben bleiben unbestritten. Doch das täuscht alles nicht darüber hinweg, daß "Kennedys Hirn" seiner Sache wohl kaum dienen wird, weil hier ebenjene Anliegen ganz offenbar fiktional recht dürftig vorgetragen sind. Zudem ist das alles sehr halbherzig ausgeführt: Denn wenn man Mankells Aussagen mit ihrer immanenten Gesellschaftstheorie ernstnehmen soll (und nicht völlig falsch interpretiert), dann unterstellt er Staat und Gesellschaft der U.S.A. praktisch ein verbrecherisches Regime, das despotisch über die internationale Gemeinschaft herrscht. - Nur sagen tut er das so nicht ... [ hs/18.01.2007 ]
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Krimi-Specials
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