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Fine, Anne Typisch TulipaDaß Tulipa in der Schule eine Außenseiterin ist, stört Nathalie nicht. So hat sie die phantasievolle Freundin ganz für sich. Doch die Streiche, die Tulipa ausheckt, werden immer riskanter, bis sie schließlich die Grenze zur Bösartigkeit überschreiten. Ein packender Roman zum Thema Jugendkriminalität.
Status: Vergriffen Preis: 6.90 EUR Unsere Meinung:"Eigentlich sollte man eine Geschichte erst dann erzählen, wenn man weiß, wie sie ausgeht, und bei dieser bin ich mir gar nicht sicher, ob ich das Ende wirklich kenne. Ich kann nicht einmal genau sagen, wann sie eigentlich begann . . ."
(Anne Fine, Typisch Tulipa, S. 5) "Ich denke oft an den Tag, als Dad und ich sie in jenem Kornfeld zum ersten Mal sahen, und versuche mir einzureden, daß es schon damals zu spät war. An welchem Punkt sich jemand dem Bösen zuwendet, ist nicht genau festzustellen. Alle negativen Erlebnisse tragen ein klein wenig dazu bei, und ich denke, in Tulipas Leben gab es eben zu viele dieser negativen Erlebnisse." (Anne Fine, Typisch Tulipa, S. 189) Wir zitieren hier bewusst Anfangs- und Schlußsätze des kritisch zu würdigenden Buches, denn dieser psychologische "Kriminalroman" und seine Geschichte (deren Anfang die Autorin offenbar doch genauer als behauptet zu bezeichnen wußte) tut sich ungeheuer schwer, die Freundschaft zwischen zwei Mädchen aufrichtig zu erzählen: Nathalie, Tochter einer Hoteliersfamilie, wird von ihren Eltern vernachlässigt und leidet zudem unter dem Umzug in ein neues Hotel, dem altehrwürdigen Palast-Hotel, das vor seiner Neueröffnung aufwändig renoviert werden muß. In der Nachbarschaft wohnt das etwa gleichaltrige Mädchen Tulipa auf der heruntergekommenen Farm ihrer Eltern, die nicht gerade dem Idealbild einer mittelständischen Familie entsprechen. Dementsprechend ist Tulipa eine Außenseiterin und entwickelt seltsame Phantasien und Spiele, die aber auf Nathalie sehr anziehend wirken. Beide gehen zudem bald auf die gleiche Schule und halten zunächst zusammen wie Pech und Schwefel. Irgendwann schreckt Nathalie trotz all ihrer Faszination für Tulipa vor den Bösartigkeiten, die sich ihr aus deren Handlungen und Charakter erschließen, zurück und distanziert sich von der Freundin. Doch Tulipas Hoffnungslosigkeit soll nichtsdestotrotz - und fast zwangsläufig - noch viel bösere Folgen haben ... Angesichts des seltsamen bürgerlichen Reflexes, den Anne Fine hier in der Erzählung ihres Romans zum Ausdruck bringt, der uns offenbar ganz nebenbei eine teilweise (aber genauso bescheidene) Erklärung vorgeblich neuer Phänomene der Jugendkriminalität geben will, stellt "Typisch Tulipa" beinahe ein Ärgernis dar. Mehrdimensional angelegt, jedoch eher eindimensional erzählt (aus der eher bewusst naiv gehaltenen Perspektive Nathalies), beschreibt Fine die tragische Geschichte einer jugendlichen Außenseiterin, ohne daß die Tragik hier im Grunde jemals wirklich zum Tragen kommen könnte. Die laut proklamierte Hauptfigur ihres Romans, das "Problemkind" Tulipa, lässt Anne Fine so am Ende der Geschichte buchstäblich fallen. Ohne weitere Erklärung endet die Geschichte in einer psychischen und materiellen Katastrophe, wofür die Erzählerin aber letztlich nur schale Schlusssätze und schnödes Mitleid übrig hat: "Aber was ist mit Tulipa? Sie tut mir leid, und sie wird mir immer leid tun. Und ich fühle mich schuldig, und ich werde mich immer schuldig fühlen. Ja, schuldig." (Anne Fine, Typisch Tulipa, S. 190) Vielleicht ging es der Autorin einfach nur darum, die Bösartigkeit einer Jugendlichen und die denkbaren, möglichen bis tatsächlichen Folgen ihres Handelns zu "Spannung" zu verdichten. Doch selbst das ist Anne Fine nur halbherzig gelungen. Zumindest ist dabei keine Geschichte wie z. B. Stephen Kings "Carrie" herausgekommen, die es möglicherweise "trivialer", aber auf einfache wie bedrückende Weise geschafft hat, das Außenseitertum eines schroff ausgegrenzten weiblichen Teenagers und die daraus resultierenden Aggressionen darzustellen (vgl. auch die berühmte US-Verfilmung 1976 von Brian De Palma). Mein Hauptvorwurf an dieses Buch ist: Anne Fine "munkelt" hier nur. Und mit ihrer schalen Moral stellt sich das halt alles in der Dürftigkeit dar, in der es eben erzählt wird. In Abwandlung des Spruches "Crime doesn’t pay" lautet hier die Parole "To be bad doesn’t pay". Daß es sich aber vielleicht durchaus lohnt bzw. daß es in manchen Stadtvierteln, Slums und Regionen dieser Welt (nicht zuletzt inmitten unserer maroden bürgerlichen Gesellschaften) durchaus angesagt sein könnte, sich "böse" zu verhalten, daß man sich vielleicht überhaupt "böse" verhalten muß, um nur überhaupt in einer gewissen Würde zu leben oder zu überleben, das liegt weit hinter dem Wahrnehmungshorizont der Gefälligkeitsautorin Anne Fine ... - Über diese desolate Grundhaltung seiner Schriftstellerin tröstet auch nicht der seltsame und eher unpassende Verweis des Verlags hinweg, daß dieser Roman mutmaßlich vor dem Hintergrund einer wahren Geschichte entstand, die sich in den 90er Jahren in Großbritannien abspielte: Damals hatten zwei zehnjährige Jungen vor einem englischen Supermarkt ein Baby entführt ... Mehr wird uns zu dieser vermeintlichen Initialzündung der Autorin Fine allerdings nicht mitgeteilt. Vielleicht soll damit angedeutet werden, welchen Umfang neben der allgemeinen Orientierungslosigkeit Langeweile, Lust- und Lieblosigkeit inzwischen im Leben von Jugendlichen eingenommen hat, und mit welchen Aggressionen sie darauf reagieren. Dennoch quittieren wir da mit einer gewissen Ratlosigkeit die Behauptung, daß dieses Buch darüber einen "packenden" Beitrag zum Thema Jugendkriminalität darstellen soll. Fazit: Wenn dieser Roman trotz seiner ausgeprägten Stilistik im Grunde nicht so belanglos wäre, dann hätte man sich gut und gerne eine Nacht lang darüber ärgern können ... [ hs/08.12.2006 ]
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Krimi-Specials
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