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Isaksen, Jógvan Endstation FäröerWährend einer Mittsommerfeier in den färöischen Bergen stürzt die Journalistin Sonja Pætursdóttir vom Rande des Plateaus. Ein Unfall, laut Polizeibericht.
Status: Vergriffen Preis: 8.95 EUR Unsere Meinung:Nach einigen sehr gelungenen und spannenden Titeln der internationalen Krimiserie des Grafit Verlags (ich denke vor allem an Harry Nykänen und Jakob Vis), hatte ich mich eigentlich schon auf diesen exotischen Roman von den Färöer Inseln gefreut. Doch während der Lektüre folgte die böse Überraschung: Schon lange mußte ich mich über kein Buch mehr so ärgern wie über Jógvan Isaksens Detektivroman "Endstation Färöer". Anlaß zum Ärger gaben allein schon die klischeehaften Erzählmuster und der Plot des Romans, die insgesamt recht simpel und altbacken daherkommen. Kurz zum Inhalt:
Der Kopenhagener Journalist Hannis Martinsson kehrt nach dem Tod seiner Freundin und Kollegin Sonja in seine alte Heimat, die Färöer Inseln, zurück. Als er nach den genaueren Umständen des mutmaßlichen Unfalltods von Sonja nachzuforschen beginnt, stößt er auf einige Widersprüche. Für die Polizei ist die Sache dagegen geklärt. Doch auch als sich kurze Zeit später sein alter Freund Hugo bei einem Treppensturz das Genick bricht, bleibt die Polizei seltsam zurückhaltend und geht wiederum von einem Unfall aus. (Dabei schlagen sich zwei tote Färinger doch schon recht deutlich in der Bevölkerungsstatistik der Inselgruppe nieder!?) Hannis glaubt unterdessen immer weniger an die Unfalltheorie. Allerdings tappt er unterdessen mit seinen eigenen Recherchen nur im Dunkeln. Gleichzeitig steht er relativ hilflos vor der Situation, dass seine ehemaligen Freunde der Reihe nach sterben müssen, während einige Indizien doch auf gezielte Mordanschläge hindeuten. Seine einzige Spur bleibt aber der Verdacht, dass die seltsamen Todesfälle etwas mit den geheimnisvollen Ausländern zu tun haben müssen, die seit Wochen im Hafen der Stadt auf einem Schoner aus Paraguay vor Anker liegen. Als Hannis dieser Sache genauer nachgeht, gerät er in Folge selbst in Lebensgefahr und kommt fast bei einem Brand ums Leben. Sollte auch das wieder nur ein "Unfall" gewesen sein . . .? Nach einigen solchen klischeehaften und wiederkehrenden Handlungsmustern befinden wir uns etwa in der Mitte des Romans (übrigens inklusive der obligatorischen Lovestory). Gleichwohl die Handlung bis dahin ziemlich turbulent klingen mag, kommt die Geschichte mit ihren Zutaten erst hier langsam in Schwung. Nun wird schließlich auch dem naivsten Leser klar, dass sich auf dem ominösen Schoner aus Paraguay die Bösewichte der Story versteckt halten müssen. Es sind Altnazis, die es unter dem Vorwand, als Regierungsdelegation über Fischereirechte zu verhandeln, geschafft haben, die Protektion der Inselregierung zu erwerben, in Wahrheit aber nach einem verschollen Nazi-Schatz suchen und alle neugierigen Inselbewohner skrupellos aus dem Weg räumen ... "Endstation Färöer" ist offenbar der erste von bisher drei Teilen einer Krimiserie um den Journalisten Hannis Martinsson. Im ersten Teil der Serie lebt und atmet die Geschichte weniger durch ihren Plot, als durch die fremde Exotik der wilden und rauen Natur der Färöer-Inseln. Doch diesen Bonus kann Isaksen nicht wirklich ausspielen. Der Autor baut plottechnisch vollkommen auf die wohl vertrauten Muster, Tricks und Kniffe des Detektivromans. Das wirkt in seiner Oberflächlichkeit und Einfallslosigkeit aber leider wie der zehnte Aufguss eines Chandler-Romans. Während der Autor so an seinen Erzählmustern haften bleibt wie im Morast eines färischen Moors, wirkt seine Geschichte um den einsamen, aber hartnäckigen Journalisten Mattis viel zu konventionell und naiv. Man merkt "Endstation Färöer" also förmlich an, dass es ein Erstling ist. Aber wären das doch nur allein die typischen und vielleicht verzeihbaren Schwächen eines Erstlings! Wären da nur allein die wiederkehrenden Handlungsmuster, die teilweise Unglaubwürdigkeit des Plots, die zum Teil hölzerne Erzählweise, die Ansammlung von Klischees, das Bemühen um Witz und Originalität, die wenigen, aber dann doch vorhandenen sprachlichen Entgleisungen. ("Du weißt schon, der, der aussieht wie ein rumänischer Hühnerdieb", S. 63 - Wie darf oder soll man sich in Zeiten der Vogelgrippe - und unter Ausklammerung des rassistischen Ressentiments - einen rumänischen Hühnerdieb vorstellen?) Doch sobald der Autor in seiner Geschichte um die Suche nach versunkenem Nazi-Gold offensichtlich auch noch mit historischem Background glänzen will, um seine hölzerne Erzählung u.a. mit literarischen und historischen Zitaten aufzupeppen, da wird die Sache vollends ärgerlich: Natürlich vergisst der sichtlich bemühte Autor nicht, sein Vorbild im Stil amerikanischer Detektivromane Raymond Chandler auch ausdrücklich zu erwähnen. Doch die reine Referenz schafft für sich genommen noch keine Qualität und kann als fehlplatzierte Ehrerbietung mithin peinlich wirken. So unterhält sich der Journalist Hannis an einer Stelle (S. 52) mit einem ihm völlig fremden Bankangestellten wie selbstverständlich über ein Chandler-Zitat und kommt mit ihm dadurch mühelos ins Gespräch. Zufall? Oder gehört Chandler zur färischen Nationalliteratur? Ein anderes Mal stellt Isaksen ein legendäres Zitat über die historische Bedeutung der Schweiz in den Kontext der seiner Meinung nach verbrecherischen Umtriebe der Schweizer Banken bzw. der verbrecherischen Auswirkungen des Schweizer Bankgeheimnisses. Offenbar ohne zu ahnen, auf wen oder was er sich da bezieht, zitiert er vor diesem Hintergrund recht unsinnig: "In einem Buch hatte ich gelesen, dass Mord und Verbrechen an der Tagesordnung waren, als die Borgias in einem großen Teil Italiens regierten - das kulturelle Ergebnis waren Leonardo da Vinci, Michelangelo und die ganze Renaissance. In der Schweiz herrschte seit fünfhundert Jahren Frieden - das Ergebnis: die Kuckucksuhr." (S. 74) Das Zitat stammt ursprünglich aus dem Film "Der dritte Mann" (1948), und der skrupellose Penicillin-Schieber Harry Lime will dort seinem Freund, dem Schriftsteller Holly Martins, im Riesenrad des Wiener Praters voller Ironie verdeutlichen, dass das vorgeblich Gute langweilig und moralinsauer sei, und dass das Böse spannend und die wahrhaft schöpferische Kraft jeglicher Geschichte. Höhepunkt der Ironie hier: Die Szene spielt sich einerseits vor dem Hintergrund der im 2. Weltkrieg schwer zerstörten Stadt Wien und den Opfern von Limes Penicillin-Schieberei ab, anderseits - und bei aller alter Freundschaft zwischen Lime und Martins - hatte Lime kurz zuvor mit dem Gedanken gespielt, seinen Freund aus dem Riesenrad zu stoßen und damit einen lästigen Mitwisser seiner Verbrechen loszuwerden. Von solcher Kunstfertigkeit ist Jógvan Isaksen leider noch weit entfernt. Beide Passagen sind nämlich keine Einzelbeispiele. "Endstation Färöer" holpert in mehreren Passagen geradezu nur so vor sich hin und bietet eine vergleichsweise ironiefreie Handlung. Vielleicht wäre das auch der Hauptvorwurf an das Buch und seine Ansprüche: Trotz aller dick aufgetragenen Attitüde fehlt es hier an einem ganz deutlich: Der essentiellen Ironie, welche gerade die Kriminalromane von Raymond Chandler auszeichnet (denn der ist ganz offenbar Isaksens großes Vorbild). Das alles ist keine Erbsenzählerei, - es ist nachlesbar. Doch bei aller Detailkritik schoß für mich dann allerdings das buchstäbliche Ende des Buches vollends den Vogel ab. - Denn am ärgerlichsten an diesem Buch wirkte auf mich sein allerletzter Satz. Der steht nun aber nicht etwa im beigefügten Epilog des Romans (ein skandinavischer Krimi mit Anspruch kommt nicht ohne Epilog aus, nicht wahr?), sondern auf dem Klappentext der Verlagstexter: Dort kapriziert sich die Verlagswerbung nun zuallerletzt auf die haarsträubende Aussage, der Kriminalroman sei "eine Perle der nordischen Krimikunst!" Wie man "Endstation Färöer" auch immer bewerten mag; aber wer - frage ich mich -, wer?!, sollte objektiv zu einem solchen Schluß kommen? Litten hier nicht vielmehr einige verlegerische und lektorale Perlentaucher unter zeitweiliger Taucherkrankheit? Muß sich der Verlag nach diesem über weite Strecken eher drögen und vergleichsweise langatmigem Krimi nicht eher fragen lassen, ob man mit einem solchen altbackenen Schmöker, der in der färöischen Originalausgabe ("Bliô er summarnátt á Foroyalandi") 1990 womöglich zur richtigen Zeit und am richtigen Ort erschien, fünfzehn Jahre später deplaziert und überflüssig erscheint, und ob die Patentnehmer offenbar nur irgendwie auf der allgemeinen Erfolgswelle der skandinavischen Krimis mitschwimmen wollten? - Peinlich, peinlich ... [ hs/14.03.2006 ]
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