Titel: Mit Blindheit geschlagen

Ditfurth, Christian von Mit Blindheit geschlagen

Josef Maria Stachelmann ist verzweifelt. Der Dozent für Geschichte an der Universität Hamburg kommt nicht weiter mit seiner Habilitationsschrift, deren Rohmanuskript er seit Monaten überarbeiten will. Und nun hat sein Chef, Professor Bohming, sich auch noch einen neuen Favoriten ausgesucht als Nachfolger auf dem Lehrstuhl: Wolf Griesbach, den es von der Freien Universität in Berlin nach Hamburg zieht. Er genießt Ansehen in der Fachwelt, sieht blendend aus und hat eine atemberaubende Frau, Ines.
Nach dem Willkommensempfang für Griesbach geht Stachelmann in eine Kneipe, um sich zu betrinken. Da erscheint Ines. Sie reden und trinken miteinander, schließlich landen sie in Ines' Bett. Griesbach ist noch einmal nach Berlin gereist. Als er nicht wieder auftaucht und sich auch nicht meldet, bittet Ines Stachelmann, ihren Mann zu suchen. Stachelmann lässt sich überreden und fährt nach Berlin. Und gerät in einen Mordfall, in dem es nur einen Verdächtigen gibt: Josef Maria Stachelmann. Alle Beweise sprechen gegen ihn, das Motiv ist offenkundig. Nur Anne glaubt ihm, obwohl er sie bitter enttäuscht hat damals, als sie gemeinsam den Fall Holler in Hamburg lösten.

Autor: Ditfurth, Christian von
Titel: Mit Blindheit geschlagen
Jahr: 2006-03
Seiten: 411 |
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-03659-6
Preis: 7.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Nehmen sie einem durchschnittlichen Menschen die Lebenslüge, nehmen sie ihm zur gleichen Zeit das Glück." (Ibsen, Die Wildente)

Christian von Ditfurths "Von Blindheit geschlagen" ist ein kurzes und spannendes Lehrstück über die Folgen verdrängter Schuld in der Vergangenheit. Zudem ist der Roman der zweite Fall des unfreiwilligen Ermittlers Stachelmann, dem Hamburger Historiker, der durch seine Offenheit und Neugierde auch hier wieder mit fast haarsträubender Zielsicherheit in die kriminelle Bredouille gerät.
Und das geht so: Stachelmanns neuer Kollege Griesbach ist verschwunden, während sich Stachelmann auf eine Affäre mit dessen Gattin Ines eingelassen hat. Die Professorengattin bittet ihren neuen Liebhaber, doch nach ihrem überfälligen Mann zu suchen. Als sich Stachelmann schließlich von ihr weich klopfen lässt und eigens nach Berlin reist, findet er sich dort kurz nach seiner Ankunft auch schon in der Falle:
In seinem Kofferraum liegt eine Akademiker-Leiche - Kollege Griesbach. Natürlich fällt bei den darauffolgenden polizeilichen Ermittlungen der Mordverdacht auch und zuerst auf ihn, obwohl die Ermittler die Absurdität eines solchen Vorwurfs durchaus nachvollziehen können. Als Stachelmann nun den Verdacht nicht gleich von sich zu weisen vermag, und die Situation immer kritischer wird, beschließt er aufgrund der seltsamen Vorfälle auf eigene Faust in Ost-Berlin und auf den Spuren seines ehemaligen Kollegen zu ermitteln. Dass er damit in eine Affäre um ehemalige Berliner Tunnel-Fluchthelfer zu Zeiten des Kalten Krieges und an alte STASI-Connections gerät, das hätte sich Stachelmann im Bett seiner geliebten Professorengattin sicher nicht träumen lassen ...
In seinem intelligenten Kriminalroman zeigt Christian von Ditfurth sehr geschickt, wie (brutal) in Deutschland mit Lebenslügen umgegangen wird. Da haben sich die Menschen lange Zeit behaglich im falschen Leben eingerichtet. Und so wie die Lebenslüge ans Licht kommt, beginnt die Tragödie, denn die meisten Menschen (und Gesellschaften) ertragen die Wahrheit nicht. (Grass, nicht wahr?)
Dabei ist nun aber bemerkenswert, wie hochgradig spannend Ditfurth mit den Mitteln des Kriminalromans diese "Spannungen" zwischen gelebter Gegenwart und verleugneter Vergangenheit ausmalt. Es gibt kein wahres Leben im falschen Leben, das ist auch hier die unbestechliche Moral. Doch darüber hinaus wird deutlich, dass die Lebenslügner durchaus bereit sind, zur "Verteidigung ihrer Vergangenheit" Gewalt anzuwenden. Das alles kommt mit so wenig Moralinsäure daher, dass das Buch doch tatsächlich und unerwartet zu einem vielschichtigen Lesegenuss wird.
Fazit: Klug und unterhaltsam geschrieben. Ditfurth hält sein hohes Niveau problemlos, so dass wir uns langsam ernsthaft mit dem Serienhelden Stachelmann anfreunden dürfen.

[ hs/27.08.2006 ]
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