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Cardedo, Lorenzo Lunar Ein Bolero für den KommissarOriginaltitel: Que en vez de infierno encuentres gloria (Ediciones Zoela: Granada 2003)
Status: Vergriffen Preis: 17.90 EUR Unsere Meinung:"Nicht einmal ich selbst weiß, warum in Gottes Namen ich zur Polizei gegangen bin.
In meinem ganzen Leben wäre es mir nicht eingefallen, zur Polizei zu gehen, weil es auf der Straße so viele Schweinehunde gibt, die brave Leute verprügeln und sie ausnehmen. Es war nie mein Ziel, dagegen etwas zu unternehmen. Denn wenn ich mir einer Sache sicher bin, dann der: Diesen Schweinehunden kann man nicht einfach beikommen. Sie sind wie Drachen in den Sagen: Für jeden Kopf, den man ihnen abschlägt, wachsen ihnen zwei neu nach. Es war ganz einfach Schicksal. Es gibt eben Dinge, die vorherbestimmt sind und denen man nicht entkommt. Ich wurde Polizist, weil ich gerne Fußtritte verteilte und Faustschläge mitten in den Magen gab. Mittlerweile mache ich das aus reiner Gewohnheit. Ich kann es einfach nicht lassen. Es beginnt alles ganz harmlos und plötzlich steckt man in einem Spiel, aus dem es irgendwann keinen Ausweg mehr gibt." (Lorenzo Lunar Cardedo, Ein Bolero für den Kommissar, S. 150) Das ist der lakonische bis zynische Tonfall dieses kubanischen Kriminalromans, der nicht nur zeigt, dass Castro-Land noch mehr gute Krimiautoren zu bieten hat als nur den herausragenden Leonardo Padura. "Ein Bolero für den Kommissar" ist zudem ein Roman, der zeigen will, wie in Kuba, das sich nach außen hin immer noch als friedliche und "geordnete" Diktatur präsentiert, stillschweigend und vielerorts ein Regime der Angst, der Gewalt und des Verbrechens zu herrschen vermag. Leo Martín, Hauptkommissar in der kubanischen Provinzstadt Santa Clara, treibt die Aufklärung des Mordfalls an seinem alten, väterlichen Freund Cundo in düstere Momente und Erinnerungen über den Zustand und den Verfall seines Stadtviertels, das fast nur noch von Armut und Hoffnungslosigkeit, Diebstahl und Gewalt, von Alkoholismus, Drogen und Prostitution geprägt wird. "Das Viertel ist ein Ungeheuer" stellt Martín genauso fasziniert wie konsterniert fest und macht diese Aussage buchstäblich zum Leitspruch seiner egozentrischen Erzählung. Die Ermittlung an dem Tod seines alten Freundes Cundo gerät jedoch bald mehr oder weniger in den Hintergrund. Vielmehr kämpft der zynische Kommissar einen Kampf gegen seine unmittelbare Umwelt, die sich hemmungslos der Korruption, der Kriminalität und dem allgemeinen Verfall ausgeliefert hat. Dabei scheint für ihn der Kampf gegen die Willkür der Gewalt und des Verbrechens nicht unbedingt hoffnungslos und er meint, es mit den kriminellen Kräften in seinem Viertel durchaus aufnehmen zu können. Doch womit er zunächst nicht gerechnet hat, dass ist die absurde Tatsache, dass er mit seiner Ermittlung unweigerlich mit den ungeschriebenen Gesetzen seines Viertels in Konflikt gerät. Und mehr denn je scheint sich sein Leitspruch zu bestätigen: "Das Viertel ist ein Ungeheuer und je mehr du über die Leute Bescheid zu wissen glaubst, desto weiter entfernst du dich von der Wahrheit." (Lorenzo Lunar Cardedo, Ein Bolero für den Kommissar, S. 154) So deutet die düstere Grundstimmung dieses Romans schnell darauf hin, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen kann. - Eindringlich stellt Lorenzo Lunar Cardedo den Verfall einer Werte- und Moralordnung dar und beschreibt, wie eine entfremdete Gesellschaft sich durchaus mit ihren Widersprüchen zu arrangieren und darin zu (über)leben vermag. Dadurch dass Lunar Cardedo seine Geschichte am Rand der kubanischen Gesellschaft ansiedelt, dass er zudem die Tatsache, dass ein Mord geschehen ist, im Verlauf der Handlung beinahe marginalisiert, mit dieser seltsamen Systematik der Untertreibung und der Bedeutungsverschiebung von "Normalität", erhält der Roman seine somnambule bis rauschhafte Wirkung. Fazit: Der österreichische Haymon Verlag hat uns in der Vergangenheit immer wieder mit der Entdeckung wahrer Perlen der Kriminalliteratur beschenkt. Mit so verschiedenen Autoren wie Alfred Komarek, Yasmina Khadra oder auch Lorenzo Lunar Cardedo lohnt sich der Blick auf seine kriminologischen Machenschaften allemal. P.S.: Sehr lesenswert ist übrigens auch das Nachwort von Rebeca Murga, die in einem 10-seitigen Essay eine kurze Einführung in die Geschichte des kubanischen Kriminalromans gibt und Lorenzo Lunar Cardedo mithin in den Kontext seiner krimischreibenden Schriftstellerkollegen Daniel Chavarría, Amir Valle, und Leonardo Padura einordnet. [ hs/25.11.2007 ]
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Krimi-Specials
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