Titel: In unnütz toller Wut

Hart, Maarten 't In unnütz toller Wut

Originaltitel: Lotte Weeda (De Arbeiderspers: Amsterdam 2004)
Aus dem Niederländischen übersetzt von Gregor Seferens

Die junge Lotte Weeda ist Photographin und will in einer kleinen katholischen Ortschaft die zweihundert markantesten Persönlichkeiten porträtieren. Kaum einer kann der Bitte einer so verblüffend schönen Frau widerstehen. Doch nicht nur Abel, der Graf, soll bald bereuen, der jungen Lotte Weeda eine Zusage gegeben zu haben ... Elegant, leichthändig und unerhört spannend erzählt Maarten ’t Hart diese augenzwinkernde Geschichte und zeichnet ein skurriles Porträt der Bewohner, die offensichtlich nicht nur dem Sex, sondern zunehmend dem Wahn verfallen sind.

Autor: Hart, Maarten 't
Titel: In unnütz toller Wut
Jahr: 2006-03
Seiten: 352 | Taschenbuch
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-24669-9
Preis: 9.95 EUR

Status: Lieferbar

Preis: 9.95 EUR

Bestellen

Unsere Meinung:

„Memento mori, bedenke Mensch, dass du sterblich bist – das ist doch, worum es geht, und dass muß man eben akzeptieren. Willst du wohl sterben, so lerne wohl leben; willst du wohl leben, so lerne wohl sterben.“
(Maarten ‘t Hart: In unnütz toller Wut, S. 176)

„Im Menschen sitz ein Verräter, der `Eitelkeit´ heißt und die Geheimnisse gegen Schmeichelei preisgibt.“
(Paul Valéry)

Andächtig blättere ich durch dieses Buch, das ich bereits vor knapp einem Jahr in der damals frisch erschienen Taschenbuchausgabe gelesen hatte, dabei aber offenbar sträflich vergaß, zu dieser Lektüre hier an dieser Stelle auch gleich eine Rezension zu verfassen. Das will ich nun nachholen, um es nämlich keinesfalls endgültig zu versäumen, Sie auf einen ganz außergewöhnlichen „Kriminalroman“ hinzuweisen.

Maarten `t Hart ist ein überaus bemerkenswerter Erzähler. Schon sein Roman „Das Wüten der ganzen Welt“ (auf Deutsch 1997 erschienen; im 1993er Originaltitel „Het woeden der gehele wereld“) war ein spannender und kriminologischer „Bildungsroman“, der mit feinen Zwischen- und Untertönen erzählt wurde. Ausgehend von diesem Erfolg erwarb sich Maarten ‘t Hart zunehmend Sympathien beim deutschen Lesepublikum, eine Entwicklung, die später auch schwächere (aber keinesfalls schwache) Romane wie „Die Sonnenuhr“ (2003) nicht trüben konnten. Und dann dieser Roman mit dem seltsamen Titel „In unnütz toller Wut“. - Ein genauso skurriles wie schwarzhumoriges modernes Märchen über die Eitelkeit und den Wahnwitz des Menschen:

Eine junge Photographin kommt in das kleine holländische Dorf Monward in der Nähe des Amsterdamer Flughafens Schiphol, um für einen Photoband dessen markanteste Persönlichkeiten zu porträtieren. Sie heißt Lotte Weeda (wie übrigens auch der niederländische Originaltitel des Buches lautet), ist holländisch-indonesischer Abstammung und angesichts ihrer genauso verblüffenden wie geheimnisvoll exotischen Schönheit gerät neben der durchschnittlichen Dorfbevölkerung auch der nicht näher benannte männliche Ich-Erzähler vollkommen in ihren Bann. Das hat ganz nebenbei zur Folge, daß dieser – „zufällig“ ein Schriftsteller - uns die darauf folgende mysteriöse Geschichte nicht unbedingt vorurteilsfrei zu erzählen vermag. Schließlich schafft es die Photographin erst mit seiner Hilfe (denn er ist scharf auf sie), ihr künstlerisches Projekt gegenüber dem Misstrauen der dörflichen Gemeinschaft voranzutreiben. Ironischerweise kommt es unter den Dörflern bald sogar zu einem verbissenen Zwist darüber, wer nun letztlich zum Fototermin geladen wird und wer nicht. Dieser Sturm im Wasserglas wächst sich zu einem veritablen Zerwürfnis aus, das sich erst legt, als die beinahe diabolische Schönheit Lotte Weeda das Dorf wieder verlässt. Doch dann ...
Denn was in der Folge passiert, damit hätte niemand gerechnet. Auch nicht unser frivoler Ich-Erzähler. Die Photographin verschwindet so schnell von der Bildfläche, wie sie zuvor aufgetaucht ist. Ihr Bildband „Verschlusszeiten“ wird in der Folge von dem Dörflein Monward sehnsüchtig erwartet. Allerdings segnen gleichzeitig plötzlich einige Dorfbewohner das Zeitliche, so daß dies schon sehr auffällig ist. Gut, die meisten Verstorbenen waren in fortgeschrittenem Alter, und irgendwann in naher Zukunft hätte wohl jeder von ihnen die Bekanntschaft mit Gevatter Tod gemacht. Allerdings waren all jene vom Ewigen Dahingerafften zuvor von der Photographin porträtiert worden, und die Gleichzeitigkeit der Ereignisse (photographiert werden = danach den Abgang machen) verwundert einige im Dorf zurecht. Das entgeht natürlich auch unserem Schriftsteller nicht. Fast zwangsläufig stachelt ihn eine enge Freundin an, der Sache doch einmal nachzugehen. Nicht zuletzt geht nämlich das Gerücht um, dass jene flotte Lotta bereits früher an einem anderen Ort ein solches künstlerisches Projekt umgesetzt hatte – was für sich genommen nicht schlimm sein mag, wenn nicht auch dort viele ihrer „Modelle“ unter mysteriösen Umständen vom irdischen Dasein Abschied genommen hätten. So macht sich der Erzähler unserer Geschichte also zwischen Momenten der Friedhofsstille und dem wiederkehrenden Fluglärm des nahen internationalen Flughafens Schiphol auf und forscht der Sache nach. Was er dabei allerdings herausfindet, das gefällt ihm ganz und gar nicht …

Ich glaube, es ist nicht nur Zufall, sondern macht Sinn, dass ich „In unnütz toller Wut“ aus einem heillos wachsenden und unrezensierten Bücherstapel herausgezogen habe, um diesen Schelmenroman allen Freunden des witzig-ironischen „Krimis“ hier ans Herz legen zu können. Maarten `t Hart stellt hier erneut seine unbändige Lust am Erzählen unter Beweis. Aber ist „In unnütz toller Wut“ ein Kriminalroman? Ich denke, eine solche Frage ist bei diesem süffisanten und furiosen „Memento mori“ schon beinahe nebensächlich. In dem Roman wird viel gestorben, ja, doch alles findet letztlich seinen absurden Hauptgrund in einem niederländischen Mysterienspiel, das der Ver-rückt-heit und Hysterie unserer gegenwärtigen Welt dezent einen Spiegel vor die Nase hält.

Bemerkenswert ist, was die Spannungsmomente in seinem Roman betrifft, wie verspielt sich der Autor geradezu zeigt. So wird z. B. die Autofahrt des Ich-Erzählers mit einem suizidalen Taxifahrer zum Amsterdamer Flughafen (S. 262-272) nicht nur zu einem merkwürdigen Kontrapunkt einer insgesamt eher ruhigen Erzählung, sondern auch zum ironischen Spannungshöhepunkt des Romans, der sich letztlich ständig zwischen Leben und Tod abspielt. Über die ausgefeilte erzählerische Ästhetik Maarten `t Harts mit ihren unzähligen Motiven aus Kunst, Literatur und Musik möchte ich mich hier gar nicht weiter einlassen. Daß sein Ich-Erzähler, der Schriftsteller, in der Taxi-Szene versucht, in einem wahnwitzigen Hin- und her nach Bremen zu seiner deutschen Verlegerin zu kommen, um dort widerwillig 500 Exemplare seines Buches „Der kühne Überschlag“ zu signieren; daß dieser während dem ganzen Roman mit seiner Hündin `Anders´ in seinem kleinen Schrebergarten einem geheimnisvollen Schlangen-Blindschleichen-Wesen namens Scheltopusik wie dem Ungeheuer von Loch Ness hinterherjagt, - das alles sind nur weitere liebenswerte Details einer in ihrem Realismus so herrlich absurden Erzählung.

Sie sehen: Der Rezensent ist ziemlich begeistert. (Und hat nun endlich (leider zu viele) Worte für sein Leseerlebnis gefunden.)

Allen Freunden feinsinniger Erzählung und Spannung, die diesen eigenwilligen Kriminalroman noch nicht kennen, vermag dieses Buch durchaus noch unseren bisher sehr regnerischen Sommer 2007 zu versüßen. Anhängern dramatischer Hochspannung und aktionsgeladenen Thrillern sei dagegen von diesem Buch, wenngleich schulterzuckend, abgeraten …

Fazit: Einfach fabel-haft. Köstliche Kriminal- und Schicksalskomödie mit herrlich schwarzem Anstrich.
[ hs/11.07.2007 ]
-

Krimi-Specials

Ansehen

Warenkorb:

  • Lieferzeiten
    • Wochentags:
      Bis 18:00 Uhr bestellte Bücher sind am folgenden Morgen versandfertig und verlassen dann die Buchhandlung.
      Wochenende:
      Bücher die zwischen Freitag (nach 18:00 Uhr) und Sonntag bestellt werden, sind erst Dienstagmorgen versandfertig und verlassen die Buchhandlung. Ausnahme: Die Bücher sind im Hammett vorhanden.
  • Angekündigte Bücher
    • Diese Titel können Sie jetzt schon normal über unsere Warenkorbfunktion bestellen. Sobald das Buch erhältlich ist, erhalten Sie von uns nochmal eine E-Mail, daß Ihre Ware versandfertig ist.
  • Versandkosten
    • -
      Der Versand von neuen Büchern innerhalb Deutschlands ist für Sie bei uns versandkostenfrei.