Titel: Die Anstalt

Katzenbach, John Die Anstalt

Vor zwanzig Jahren, als junger Mann, ist Francis Petrel gegen seinen Willen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Mehrere Jahre hat er dort zugebracht - bis die Anstalt nach einer Mordserie geschlossen wurde. Noch immer hört Francis Stimmen, nimmt Medikamente. Die Erinnerung an die traumatischen Geschehnisse von damals ängstigt ihn, und er beginnt aufzuschreiben, was er erlebt hat - mit Bleistift, auf den Wänden seiner Wohnung. Wer war der mysteriöse "Engel des Todes", der damals sein Unwesen trieb? Gibt es ihn überhaupt? Oder existiert er nur in Francis' Schreckensphantasien?

Autor: Katzenbach, John
Titel: Die Anstalt
Jahr: 2006-06
Seiten: 748 | Taschenbuch
Verlag: Knaur
ISBN: 3-426-62983-6
Preis: 9.99 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Hier hat ein Autor, der mit Romanen wie "Das Tribunal" schon Können auf hohem Niveau bewies, den guten und einfallsreichen Stoff mehr oder weniger vermurkst.
Die Grundidee, die Vorfälle und Serienmorde in einer psychiatrischen Klinik im Rückblick von zwanzig Jahren und aus der Sicht eines psychisch Kranken zu schildern, entfaltet zu Beginn des Romans zunächst noch eine genauso schillernde wie bedrückende Wirkung:

Francis Petrel hört Stimmen. Medikamente sollen verhindern, daß diese Stimmen wieder Macht über ihn gewinnen. Doch weil Francis von seiner Vergangenheit eingeholt wird, melden sie sich heftiger als je zuvor zurück. Denn vor zwanzig Jahren wurde Francis von seiner Familie genau deshalb und gegen seinen Willen schon einmal in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Nun der Sprung in die Vergangenheit vor zwanzig Jahren: Als wäre das nicht schon grausam genug, stellt Francis bald mit Erschrecken fest, dass er wohl niemals wieder aus dieser Anstalt herauskommen wird. Tagein, tagaus wird er sich in dem Klinikalltag, der mehr Wahnsinn produziert, als dass er ihn heilen könnte (oder wollte), dieses unentrinnbaren Schicksals bewusst. Der Patient Peter, genannt "The Fireman", ist sein einziger Freund in dem unmenschlichen Klinikalltag. Und der geheimnisvolle Peter, der wegen Brandstiftung eigentlich eher im Gefängnis sitzen müsste als im Irrenhaus, bietet ihm bald den einzigen Halt und die einzige Hoffnung in seinem Leben.
Doch eines Tages wird eine Ausbildungsschwester blutrünstig ermordet und alles in der abgeschotteten Anstaltswelt gerät plötzlich durcheinander. Die Polizei und eine Untersuchungsrichterin kommen in die Klinik, um den Fall aufzuklären. Da Francis und Peter the Fireman mehr über die Hintergründe des Mordes und die Vorgänge in der Klinik zu wissen scheinen, hält sich die Untersuchungsrichterin Lucy Jones an die beiden und bezieht sie - trotz aller äußeren Widerstände - sogar in ihre Ermittlungen ein. Denn Lucy hat bald eine ganz eigenwillige Theorie darüber, was hier vorgefallen ist: Ein pathologischer Serienmörder, ob nun Patient oder Angestellter der Klinik, nutzt das Umfeld als perfekte Tarnung für seine Beutezüge. Einem solchen Serienmörder, der nach einem bestimmten Muster mordet, jagt sie schon seit langem hinterher. Weitere Todesfälle von Patienten der Klinik scheinen ihre Verdachtsmomente zu bestätigen. Gegen diese Theorie und gegen die Gefahren der Öffentlichwerdung der Vorfälle stellen sich der Klinikapparat und auch Lucys Vorgesetzte bald mit aller Macht entgegen ...

Zwanzig Jahre später nun wird Francis - inzwischen aus der Klinik entlassen - von dieser Vergangenheit und von seinen Stimmen eingeholt. Die Klinik hatte einst nach der Häufung von ungeklärten Todesfällen schließen müssen. Aber der Verantwortliche und Täter (den die Patienten den "Engel des Todes" genannt hatten), das war Peter, Lucy und Francis damals schmerzhaft bewußt, konnte nie gefasst werden. Am Rande des Wahnsinns und in irrsinniger Angst vor den Schreckensbildern der Vergangenheit schließt Francis sich in seine Wohnung ein und schreibt die Geschichte von damals auf die Zimmerwände ...

Fast 750 Seiten oder etwa sechs bis zehn Abend-, Nacht- und Morgenstunden stehen einem bevor, wenn man diesen dicken Kriminalroman in die Hand nimmt, auf dessen Titelbild sinnigerweise (übrigens eine im Dunkeln fluoreszierende) gespreizte Hand abgebildet ist. Für eine solche Lesestrecke erwartet man sich zu Recht gute Unterhaltung, und da will man nicht enttäuscht werden.

Ich stellte dann aber - gemessen an der Ausgangskonstellation und dem bravourösen Einstieg des Romans - leider von Seite zu Seite fest, dass Katzenbach das hohe Anfangsniveau nicht zu halten vermag.

Dabei störte noch am wenigsten, daß sein ambitionierter Psychothriller "Die Anstalt" in weiten Teilen an Ken Keseys Roman "Einer flog über das Kuckucksnest" und von der Bildsprache her sehr an die gleichnamige Verfilmung mit Jack Nicholson in der Hauptrolle erinnert. Viel stärker fällt ins Gewicht, daß Katzenbach seinen Roman unglücklicherweise mit fortschreitender Handlung bis zur Unglaubwürdigkeit degradiert:
Eine junge, attraktive Untersuchungsrichterin mit Vergewaltigungstrauma fahndet obsessiv nach einem Serienmörder und vermutet ihn - zufälligerweise - in der Klapsmühle, in der Francis einsitzt (?). Kurzerhand macht sie zwei "Irre", Francis und Peter "The Fireman" zu ihren Untersuchungsgehilfen (??). Der Mörder in der Klinik - und der Leser weiß, dass sich ein Mörder tatsächlich dort herumtreibt, wenn er dem Ich-Erzähler Francis überhaupt glauben darf - hat offenbar Zugang zu allen Schlüsseln und Räumen der Anstalt (???). Weitere Morde geschehen, und die Klinikverwaltung unternimmt weiterhin nichts, weil es sich ihrer Meinung nach um Selbstmorde psychisch Kranker handelt. Zu allem Überfluß scheint zu diesem Zeitpunkt der erste, zweifelsfreie Mordfall schon niemanden mehr zu interessieren (offenbar schon gar nicht mehr die Polizei) ...
Derart entgleiten Katzenbach meinem Eindruck nach seine Handlungsstränge zunehmend, und zumindest für aufmerksamere Leser kann das Ganze dann spätestens ab Mitte des Buches zum Ärgernis werden. Zwangsläufige Fragen werden nicht gestellt, offensichtliche Tatbestände nicht im Plot reflektiert oder verarbeitet. Kurzversion des Ganzen: Serienmörder mordet weiter. Zwei Patienten schwingen sich zu einem Sherlock Holmes-Watson-Duo auf, eine seltsam hilflose und unentschiedene Untersuchungsrichterin assistiert ihnen fleißig dabei und ein paar fiese Klinikbosse lassen ihren Einfluß spielen, um die Vorfälle unter der Decke zu halten.
Und als wäre das nicht genug, versieht Katzenbach jeden einzelnen der drei Helden auch noch mit genauso heftigen wie tränenreichen Geschichten, in denen familiäre Unzulänglichkeiten, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch und Brandstiftung eine Rolle spielen und die er versucht, zu einem intelligenten Gesamtkomplex zu verweben. Erst ganz am Ende hat schließlich noch der Serienmörder (mit seinen eigenen "Komplexen") seinen Auftritt, den der Autor uns dann endlich nach vielen hundert Seiten mehr oder weniger aus dem Hut zaubert, - aber DIESEN MÖRDER und diese Auflösung kann man dann schlichtweg nur noch als Enttäuschung bezeichnen.
Es tut mir leid, aber derart präsentiert wirkt die Geschichte ziemlich unausgegoren. Und das ist insgesamt genauso schade wie ärgerlich, weil ein an sich guter Plot, eine wirklich spannende Story, offenbar einfach verbrannt wurde auf dem Weg zum schnöden Hollywood-Drehbuch.

[ hs/07.06.2006 ]
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