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Littell, Robert Die kalte LegendeAusgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis 2007 (internationale Krimis).
Status: Vergriffen Preis: 19.90 EUR Unsere Meinung:Martin klappte den Notizblock zu und steckte ihn in die Tasche. "Es kommt mir vor, als wäre jedes Rätsel Teil eines anderen, noch größeren Rätsels."
"Das ist wie bei einer Zwiebel", sagte der Bischof tröstend. "Unter jeder Schicht liegt ... wieder ein Schicht." (Robert Littell "Die kalte Legende", S. 334) Martin Odum, Privatdetektiv in New York, hat ein Problem. Als ehemaliger Top-Agent des CIA kann er sich auf Grund traumatischer Erlebnisse nicht an die Vergangenheit und die Auslöser für seine alptraumhaften Erinnerungsfetzen erinnern. Seine Behörde, "die Company", entließ ihn zwar nicht ohne psychologische Behandlung und Betreuung in den vorgezogenen Ruhestand, ließ ihm gegenüber aber die tatsächlichen Vorfälle in seiner Vergangenheit weitgehend im Dunkeln. Als Folgewirkung seiner früheren Berufsausübung leidet Martin nämlich nicht nur unter Gedächtnisverlust, sondern auch unter einer multiplen Persönlichkeit. Das Vorhandensein mehrerer Ich-Zustände in seiner Person, wobei die jeweils eine Identität von der anderen praktisch nichts mehr weiß, ist Folge der unterschiedlichen "Legenden", die ihm der CIA im Verlaufe seiner Agenten-Karriere verpaßt hat. Diese verschiedenen Ich-Zustände treiben ihn, obwohl er in der Rolle und Identität des New Yorker Privatdetektivs weitgehend stabilisiert wurde, fast in den Wahnsinn. Denn als er eines Tages den Auftrag der jüdisch-orthodoxen Ehefrau Stella Kastner annimmt, ihren verschwundenen Gatten, der in Israel vermutet wird, zwecks Scheidung wieder zu finden, bricht diese vermeintlich sichere Persönlichkeitskonstruktion auf. Seine alten Identitäten bzw. Geheimdienstlegenden beginnen ihn wieder zu verfolgen: Zunächst die Identität des Dante Pippen mit der Legende eines CIA-Sprengstoffausbilders, der als angeblicher Sprengstoffexperte der IRA eine sizilianische Mafiafamilie, die Taliban-Mullahs in Peschawar und eine Hisbollah-Einheit im Bekaa-Tal im Libanon infiltrierte. Dann die Identität des Lincoln Dittmann mit der Legende eines Historikers, der ein Buch über den amerikanischen Bürgerkrieg geschrieben und im Selbstverlag veröffentlicht hat, und den der CIA so als international tätigen Waffenhändler u. a. in obskure Kreise amerikanischer Rechtsradikaler einschleuste. Und in welchem Auftrag handelte er schließlich in der Inkarnation des Josef Kafkor? Ist er Josef Kafkor? Und wer war Josef Kafkor? Martin Odum weiß weder ein noch aus. Er weiß buchstäblich nicht, wer er ist und wer er war. Als er seinen früheren Identitäten/Legenden schließlich trotz aller Warnungen seines alten Arbeitgebers CIA nachgehen will, wird bald klar: Je näher er der Wahrheit in seiner Vergangenheit kommt, umso lebensbedrohlicher wird das für ihn in der Gegenwart ... Robert Littells weltumspannender Agentenroman in der Tradition von John le Carré ist ein düsterer, mitunter grotesker Rundumschlag gegen die Machenschaften der internationalen Geheimdienste. Fast wie ein moderner Don Quijote kämpft sein Held Martin Odum gegen die verschiedenen Wirklichkeiten seiner Persönlichkeiten und ihren Geschichten an. Denn er ist das gnadenlose Opfer eines "großen Spiels" (Rudyard Kipling) geworden, nur kann er sich - da seine Welt in Scherben liegt - kaum erklären, wie diese Puzzlestückchen aus seinen vagen Erinnerungsfetzen und seinen verschiedenen verschütt gegangenen Legenden zu einem richtigen Bild seiner Wirklichkeit zusammengesetzt werden können. Und was an diesem beinahe kafkaesken Alptraum ist Lüge, Wahrheit und nicht zuletzt Wirklichkeit? Nun kolportiert der amerikanische Autor Robert Littell, der vor allem mit seinem fast tausendseitigen CIA-Epos "The Company" eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat, daß er sich mit der Geschichte und den Methoden der Geheimdienste auskennt, nicht nur die tragische Geschichte eines "kalt gestellten" Top-Agenten. Mit bitterböser Ironie und düsterem Sarkasmus lehrt er uns mit seinem sehr klugen und hintergründigen Roman auch, wie von uns die Welt und internationale Politik wahrgenommen wird, was die offizielle Version der (Welt)Geschichte ist und welche "Legenden" mitunter dahinter stecken könnten. Lange Zeit hat man den Verdacht, daß Littell gegenüber seinen Lesern mit unterschiedlichsten Verschwörungstheorien sozusagen nur ein böses Vexierspiel treibt. Nicht umsonst schwebt über seiner ganzen Geschichte als teuflischer "Deus ex machina" und graue Eminenz der CIA und die Figur der überaus ehrgeizigen Chefin für Auslandsoperationen Crystal Quest. Littell trägt zwar an manchen Stellen seines Romans ziemlich dick auf, doch sind die Realitätsbezüge seiner Fiktion gleichzeitig nicht von der Hand zu weisen. Ob er nun den Zusammenbruch der früheren Sowjetunion nüchtern mit dem fallenden Ölpreis Mitte der 80er Jahre in Verbindung bringt (S. 164 ff.), den "Sieg" des Kapitalismus in Russland gegen demokratische Verhältnisse nicht als glänzende Erfolgsgeschichte, sondern als einen vom CIA gesteuerten Prozess und als Folge von Korruption und Verbrechen darstellt (S. 411 ff.), oder ob er die lange und facettenreiche (schmutzige) Geschichte der al-Qaida und dabei den weltweiten Waffen- und Drogengeschäften der selbst ernannten islamischen Weltrevolutionäre näher beleuchtet, wir sind jeweils beinahe erschreckend nahe am Puls der Zeit, selbst wenn der Roman lange vor dem 11. September 2001 angesiedelt ist. Dieser kritische Rundumschlag Littells gegen die haarsträubenden Machenschaften in der internationalen Politik und ihren dunklen Hintermännern und Strippenziehern mag nicht in allen Teilen überzeugen, doch immer lohnt es sich über die Hintergründe und den Wahrheitsgehalt seiner klug eingefädelten fiktionalen Kolportage nachzudenken. "Manchmal ist die Wahrheit zu kostbar und muss vom Leibwächter der Lüge begleitet werden", sagte meiner Erinnerung einmal sinngemäß Donald Rumsfeld, inzwischen abgetretener US- Verteidigungsminister. Damit ist der kalte Zynismus und die Verlogenheit der momentan immer noch vorherrschenden Mächte, die sich als Bewahrer des Guten und Richtigen in unserer Welt aufspielen, ganz gut zum Ausdruck gebracht. Mit welcher Kaltschnäuzigkeit und verquerer Psychologie solche Wölfe im Schafspelz aber dann ihre finsteren "Agenten" aus dem Hintergrund agieren lassen, das hat Robert Littell mit seinem Roman ganz beeindruckend auf den Punkt gebracht. Fazit: Diesen Roman sollte man aus all den genannten Gründen nicht nur gelesen haben, sondern man sollte im Grunde auch noch länger darüber reden. [ hs/01.02.2007 ]
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