Titel: Ticket nach Tanger

Siler, Jenny Ticket nach Tanger

Eve wurde mit einer Schusswunde im Kopf an einer Landstraße in Frankreich gefunden. Sie weiß nicht, wer sie ist und kann sich an nichts erinnern. Ihr einziger "Ausweis" ist eine mit arabischen Buchstaben bekritzelte Schiffsfahrkarte. Als die Nonnen, die sie für ein Jahr beherbergt haben, alle brutal massakriert werden, weiß Eve, dass sie mächtige Feinde hat.
Auf den Spuren ihrer Vergangenheit reist sie nach Marrokko - ihren Verfolgern immer nur einen Schritt voraus. Jenseits des Klosters fallen ihr merkwürdige Dinge auf, unter anderen ihre Fähigkeit zum Einsatz von Gewalt und ihre Vertrautheit mit Waffen. War sie eine Spionin? Wer ist der sterbende Mann in ihren Albträumen? Während Eve nach Gewürzen duftende Souks und schicke Nachtclubs nach Hinweisen durchkämmt, muss sie herausfinden, wer hinter ihr her ist und warum - bevor es zu spät ist.

Autor: Siler, Jenny
Titel: Ticket nach Tanger
Jahr: 2006-09
Seiten: 315 | Taschenbuch
Verlag: Fischer
ISBN: 3-596-16594-6
Preis: 7.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Tanger trifft einen völlig unvermittelt. Nichts kann einen auf das Gedränge der Menschen vorbereiten; auf die Hände, die nach den Taschen schnappen; die Taxifahrer, die sich um das Fahrgeld prügeln; die Armut und Hoffnungslosigkeit dieser Stadt. Sie überfällt einen mit dem Gestank der Verzweiflung; dem Schweiß der Illegalen aus dem Senegal oder der Elfenbeinküste, die in billigen Cafés teilnahmslos auf die Nachtfähre nach Spanien warten; dem Geruch von Wolle und Safran der Schwarzmarkt-Geldwechsler draußen vor Medina; den metallischen Waffengeruch der Soldaten auf dem Grand Socco. Über allem der durchdringende Mief eines verrottenden Kolonialismus."
(Jenny Siler, Ticket nach Tanger, S. 40)

"Ticket nach Tanger" ist ein atmosphärisch dichter Psychothriller um eine Heldin mit Gedächtnisverlust, während man gleichzeitig einen Spionageroman in den Händen hält, der mit den altbewährten Mitteln des Genres arbeitet. - Diese Tatsache für sich genommen muß man hier nicht mit zersetzender Kritik begegnen, denn der jungen amerikanischen Autorin ist es trotz allem gelungen, sich z.B. von den üblichen amerikanischen Erzählmustern weitgehend souverän abzuheben und einen genauso geheimnisvollen wie temporeichen Spannungsroman hinzulegen.
Ein warmer Hauch von Kaltem Krieg schwebt da zwar noch über dem zwitterhaften Spionagethriller. Doch gleichzeitig klingt um so deutlicher die neue Zeit (Afghanistan, Irak und andere offene oder geheime Bush-Kriege zu Zeiten einer fortschreitenden Globalisierung) durch. Oft wurde darüber geschrieben, dass es für Autoren wie John le Carré nach dem Ende des Kalten Krieges keinen geeigneten Stoff mehr für große Spionageromane geben würde. Doch Autoren wie Joseph Kanon, Robert Wilson oder eben auch nicht zuletzt Jenny Siler treten solchen Thesen auf eigenwillige Weise entgegen. Sie werden dabei keineswegs von der Realität eingeholt, wenn man an die aktuelle Affäre Litwinenko oder geheim gehaltenen CIA-Entführungsfälle denkt. Denn eines führen diese Autoren deutlich vor Augen: Geheimdienste mögen zwar zum Machterhalt von Despoten oder autoritären Systemen äußerst nützlich sein und auch problemlos ins kalte Machtkalkül von korrupten Regierungschefs passen, doch für die Menschen selbst sowie für das Leben in freien und offenen Gesellschaften sind sie das reine Gift.
"Ticket nach Tanger" ähnelt übrigens in einigen Zügen Jean-Christophe Grangés Roman "Imperium der Wölfe", bei dem ebenfalls eine junge Frau auf der Suche nach ihrer wahren Identität ist und Stück für Stück herausfindet, daß sie Opfer krimineller Machenschaften wurde. (Und auf erschreckende Weise sogar noch mehr als das . . .) - Jenny Silers Roman kümmert sich da im Vergleich weit weniger um die politische Hintergrundstory, dafür gelingt es ihr mit ihrem etwas behutsameren Spannungsaufbau sehr gut, die Tragik der jungen Frau und die Lebenslügen der Hintermänner ihrer düsteren Geschichte darzustellen. Schaut man nun noch einmal genauer auf die eigenwillige Thrillermischung in "Ticket nach Tanger", dann könnte man sich über die Auflösung des Romans und sein Ende trefflich streiten, doch wir werden einen Teufel tun, Ihnen hier die Auflösung preiszugeben ...

[ hs/04.12.2006 ]
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