Titel: Die Agenda

Walter, Jess Die Agenda

Originaltitel: Citizen Vince
Aus dem Amerikanischen von Uschi Gnade

Vince Camden lebt in dem Provinznest Spokane und führt ein Doppelleben: Am frühen Morgen backt er in einem Laden Donuts und anschließend widmet er sich dem Kreditkartenbetrug. Davon kann er gut leben, bis in der Stadt ein angeheuerter Killer auftaucht, der es auf ihn abgesehen hat. Vince erkennt, dass ihn seine Vergangenheit eingeholt hat und die Mafia, mit der er sich in New York angelegt hatte, ihn aufgespürt hat.

Autor: Walter, Jess
Titel: Die Agenda
Jahr: 2006-08
Seiten: 397 | Taschenbuch
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-43149-2
Preis: 8.95 EUR

Status: Vergriffen

Preis: 8.95 EUR

Unsere Meinung:

"Eines Tages kennt man mehr Tote als Lebende.
Dieser Gedanke drängt sich Vince Camden auf, als er sich mit einem Anflug von Panik im Bett aufsetzt, sich hektisch nach Beweisen für seine Existenz umsieht und nur Requisiten findet: Nachttisch, Kommode, Aschenbecher, Uhr. Vince atmet schwer. Er schwitzt in der kühlen Luft. Er reibt sich die Augen, um den Staub aus diesen Grübeleien zu schütteln, dieser Panik im Halbschlaf kurz vor dem Erwachen, bei der es sich nicht direkt um einen Traum handelt - feines Glas, so dünn wie Papier, wirbelt zersplittert umher und schneidet, während es fortgeweht wird."
(Jess Walter, Die Agenda, Romananfang)

"Vielleicht brauchst du Hobbys, Vince. Du solltest Golfspielen lernen. Was fängst du überhaupt mit deiner Freizeit an?"
"Ich spiele Karten. Und lese."
"Was liest du?"
"Romananfänge."
David blickt auf. "Warum liest du die Romane nicht zu Ende?"
"Ich weiß es selbst nicht", sagt Vince. "Vermutlich will ich nicht enttäuscht werden."
(Jess Walter, Die Agenda, S. 45)


Die USA im Herbst 1980: Ein Land im Umbruch. Präsidentschaftswahlkampf Carter gegen Reagan. Die Geiselaffäre im Iran. Die Wirtschaft vor der Rezession - in diesen bewegten Zeiten lebt Vince Camden zurückgezogen in dem Provinznest Spokane im Bundesstaat Washington und betreibt ein kleines Bäckereigeschäft. Was jedoch keiner weiß: Vince führt ein Doppelleben. Als kleiner Gauner und Kreditkartenbetrüger, der in New York einigen Mafiagrößen ins Gehege kam, hatte er drei Jahre zuvor gegen die Bosse ausgesagt, woraufhin das FBI ihn in ein Zeugenschutzprogramm aufnahm. Nun führt er in Spokane nach außen hin das Leben eines kleinen Geschäftsmannes, während er insgeheim und weiterhin neue Betrügereien einfädelt.
Doch als Vince im Oktober 1980 eines Morgens aufwacht, packen ihn düstere Vorahnungen - die sich auch bald bestätigen sollen. Ein zwielichtiger Typ namens Ray taucht in der Stadt auf und stellt verdächtig viele Fragen. Als Vince daraufhin einige Nachforschungen anstellt, findet er bald heraus, dass es sich bei dem Mann um einen gefährlichen Mafiakiller mit Kontakten zu seinen alten Mafiabossen handelt. Für Vince ist völlig klar: Der Killer wurde auf ihn angesetzt, um den Verrat von einst zu rächen. In dieser gefährlichen Situation beschließt Vince, buchstäblich alles auf eine Karte zu setzen und endgültig mit seiner Vergangenheit abzuschließen, als er noch Marty Hagen hieß und als New Yorker Gauner sein einträgliches Auskommen hatte. Doch das erweist sich als ein Spiel auf Leben und Tod.

Bei Jess Walters tiefsinnigem und klugem Gangsterthriller "Die Agenda" lohnt sich das Weiterlesen zweifellos. Der Roman ist für mich die Überraschung des deutschen Krimijahres 2006. Der Autor lebt ironischerweise wie der Romanheld mit seiner Familie in Spokane im US-Bundesstaat Washington und hat mit seinen vorangegangenen Kriminalromanen "Sündenfall" (2001; 2003 im Taschenbuch unter dem Titel "Stummes Echo" erschienen) und "Das Geständnis" (2005, beide Titel bei Heyne) nämlich bisher kaum Aufsehen erregt. Umso mehr wird ihm dies mit dem vorliegenden Buch gelingen, davon bin ich überzeugt.
Denn dieser Thriller ist weit mehr als ein spannender Kriminalroman, obwohl er genau diese Herkunft keineswegs verleugnet. Als Thriller bietet der Roman einen glänzend gesetzten und sich steigernden Rhythmus, subtilen "Thrill", der sich keineswegs in erprobten Plotmethoden und Cliffhangern erschöpft. Wenn hier eine überraschende Wendung eintritt, dann ist sie auch eine ebensolche und birgt eine überraschende Erkenntnis - und nicht nur einen erzähltechnischen Trick. Denn Jess Walters Figuren sind trotz aller Fiktion viel zu lebensnah gezeichnet, als dass sie z. B. in einen trögen Roman von Patricia Cornwell hineinpassen würden, geschweige denn sich darin wohl fühlen würden. Seine Imaginationskraft, mit der er es schafft, gleichzeitig das Zeitgefühl und die Ereignisse der frühen 80er-Jahre heraufzubeschwören, und andererseits die Geschichte eines Mannes im Existenzkampf zu erzählen, der seine Umwelt plötzlich nur noch als rätselhaft empfindet und angesichts der Vorahnung seines Todes einen Weg sucht, diesem von der Schippe zu springen - nun, diese Vorstellungskraft, dieser realitätsnahe Hauch des Absurden und nicht zuletzt dieses erzählerische Vermögen gehen unter die Haut. Danach muss man übrigens lange suchen, wenn man sich in den Publikationsdschungel der deutschen Krimilandschaft hineinwagt.
So fühle ich mich hier in Sachen Tempo und Figurenkonstellation - um einmal mit bewegten Bildern zu sprechen - z. B. an die besten Filme von Quentin Tarantino erinnert. Aus der Warte der lakonischen Erzählweise und der im Roman mitschwingenden existenziellen Grundstimmung wähnt man sich dagegen in einem Film von Jim Jarmusch. Und die Darstellung des Selbstbetrugs, den eine Gesellschaft an sich selbst zu begehen vermag, sei es als bürgerliches Individuum oder als Ganzes (meinetwegen auch als "Nation"), erinnert an die galligen Gesellschaftssatiren von Robert Altman.
Sicher ist Jess Walter keine krimischreibende eierlegende Wollmilchsau, kein tarantinisches Jarmuschaltmaninium (zudem sollte man einen hoffnungsvollen Autoren auch nicht über den grünen Klee loben), dennoch verbindet er in seinem Roman verschiedene kritische Momente kunstvoll zu einem bemerkenswerten Ganzen, was im Verlaufe seines Romans mehr als nur einmal nachdenklich stimmt.

Nun noch einmal kurz und bündig und ohne weitere Analogien und Vergleiche: Grandios!


P.S.: Im Nachklapp zu dieser Rezension seien noch zwei nicht unwichtige Details und Kritikpunkte erwähnt. Zum einen wirkt der deutsche Buchtitel irreführend, der sehr den bekannten Grisham-Titelmotiven ähnelt. Der Titel "Die Agenda" deutet eher auf einen Polit- oder Justizthriller hin als auf den wahren Inhalt dieses Romans. Man fragt sich also, weshalb der Verlag es hier nicht bei dem viel treffenderen und letztlich bittersüß ironischen Originaltitel "Citizen Vince" beließ. Zum anderen verrät einem der Verlag ebenfalls nicht, dass man sich hier offenbar in einer bisher dreiteiligen Krimifolge und lose aufgehängten Serie um die Spokaner Polizisten Alan Dupree und seiner Kollegin Caroline Mabry bewegt. Letztere tritt in der "Agenda" zwar nicht in Erscheinung, dafür spielt Dupree wie schon zuvor in "Stummes Echo" eine wichtige Rolle.

[ hs/17.08.2006 ]
-

Krimi-Specials

Ansehen

Warenkorb:

  • Lieferzeiten
    • Wochentags:
      Bis 18:00 Uhr bestellte Bücher sind am folgenden Morgen versandfertig und verlassen dann die Buchhandlung.
      Wochenende:
      Bücher die zwischen Freitag (nach 18:00 Uhr) und Sonntag bestellt werden, sind erst Dienstagmorgen versandfertig und verlassen die Buchhandlung. Ausnahme: Die Bücher sind im Hammett vorhanden.
  • Angekündigte Bücher
    • Diese Titel können Sie jetzt schon normal über unsere Warenkorbfunktion bestellen. Sobald das Buch erhältlich ist, erhalten Sie von uns nochmal eine E-Mail, daß Ihre Ware versandfertig ist.
  • Versandkosten
    • -
      Der Versand von neuen Büchern innerhalb Deutschlands ist für Sie bei uns versandkostenfrei.