Titel: Peking-Express

Nebenzal, Harold Peking-Express

Originaltitel: "Celestial Express"
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Piltz

Peking 1931: Als Joseph Krasinski, ein amerikanischer Marine aus Chicago, seine Freundin Natalia gegen einen aufdringlichen japanischen Besatzungsmajor verteidigt, weiß er nicht, dass er sich einen mächtigen Todfeind macht. Aus dem geachteten Offizier wird ein Geächteter auf der Flucht und der Spielball einer Intrige, die zur Schicksalsfrage eines ganzen Landes wird . . .

Autor: Nebenzal, Harold
Titel: Peking-Express
Jahr: 2006-08
Seiten: 317 | Taschenbuch
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-01225-7
Preis: 8.95 EUR

Status: Vergriffen

Preis: 8.95 EUR

Unsere Meinung:

"Mit einer energischen Bewegung zog er die Klinge aus der mit Tuch umwickelten Scheide, hob sie hoch über den Kopf und schlug dem Arzt mit einem gellenden Schrei den Kopf ab. Die Männer lachten; die Krankenschwestern schrien; die Pferde furzten; die Hufe donnerten, und der Trupp, der sein Tagewerk vollbracht hatte, ritt davon in die Dämmerung."
(Harold Nebenzal, Peking-Express, S. 176)

Was für ein eloquenter und phantasiereicher Erzähler Harold Nebenzal ist, das wissen wir bereits seit seinem furiosen Romanerfolg "Café Berlin" (1997). Daß er nun mit "Peking-Express" an diesen Erfolg wird anknüpfen können, ist allerdings unwahrscheinlich. Zu eigenwillig wirkt hier seine lakonische und schicksalhafte Erzählweise, zu bunt, abenteuerlich und flirrend erscheinen seine Figuren- und Handlungsmomente gemessen am Sujet - des gesellschaftlichen Umbruchs in China am Vorabend des 2. Weltkriegs.

"Peking-Express" erzählt vor diesem historischen Hintergrund sehr unterschiedliche Geschichten: Zum einen die Geschichte von Joseph Krasinski, einem 1931 in Peking stationierten Offizier der US-Marines, der Opfer einer politischen Intrige der Japaner wird und auf seiner anschließenden Desertion und Flucht buddhistische Erweckungserlebnisse durchleidet. Zum anderen wird die Geschichte seiner Geliebten Natalia Petrowna erzählt, einer russischen Emigrantin, die es bei ihrer Flucht vor den Bolschewisten bis ins ferne Peking verschlagen hat. Demgegenüber steht die Geschichte des skrupellosen und brutalen japanischen Geheimdienstlers Kitagawa, der aus privater Rachsucht die Intrige gegen Krasinski einfädelt, ihn erst zur Fahnenflucht aus der US-Army zwingt und danach dessen Geliebte Natalia auf niederträchtige Weise zu seiner Mätresse macht. Und nicht zuletzt spielt noch die Geschichte zweier Betrüger und politischer Hasardeure eine große Rolle, nämlich dem buddhistischen Abt Shi Fu und einem blinden Medium, genannt "der Mann mit dem China-Mal", die mit einer Zauber- und Politshow durch das ganze Land reisen und durch ihre patriotischen Parolen eine nationalistische Bewegung ins Leben rufen, die Mao Tse-Tung und Chiang Kai-shek vor Neid erblassen lassen . . .

"Peking-Express" vereinigt in diesem prickelnden erzählerischen Mischmasch sehr unterschiedliche Momente in sich: Der "Thriller" (Verlagswerbung) ist gleichzeitig Historien-, Abenteuer-, Erotik- und Spionageroman, das allerdings in so verschiedenen Qualitätsgraden, dass man sich manchmal etwas unschlüssig durch die mehr als dreihundertseitige Handlung hangeln mag und sich vor diesem seltsamen Zwitterroman immer wieder erstaunt fragt, was für Absichten denn der Autor hier genau hegt. Denn reine Unterhaltung ist der Roman keinesfalls.

"Peking-Express" ist derb, deftig und mitunter sehr heftig und brutal. Manche Szenen, so wie das Duell zwischen Joseph, den es auf seiner Flucht in die wilde Mandschurei verschlägt, und O’Connor, seinem Konkurrenten in einer Bande von Desperados, bleiben unweigerlich in der Erinnerung haften. Auch die Schilderung des bestialischen Regimes der Japaner, die sich 1931 in China (wie die Nazis in Europa) bereits auf den großen Krieg in Asien und gegen den Rest der Welt vorbereiteten, hinterlässt bleibende Eindrücke. Dennoch mag man sich nicht so recht mit diesem abenteuerlichen Roman anfreunden, den Nebenzal sehr episoden-, stellenweise fast gleichnishaft erzählt. Zu beiläufig wird die herannahende Katastrophe Chinas geschildert, von der sich das mächtige Land im Fernen Osten tatsächlich erst in unserer Gegenwart langsam erholt. Diese Beiläufigkeit mag in "Café Berlin" dem dort ebenfalls jungen und polyglotten Protagonisten Daniel Saporta vielleicht noch den Reiz eines düsteren Weltenwanderers Simplicius Simplicissimus verliehen haben, doch leider droht "Peking-Express" mit seinem Helden Joseph Krasinski gleich an mehreren Stellen in Richtung billiger Kolportage- und wildromantischer Groschenromane zu entgleisen. Von seinem dramatischen und fast befremdlich phantastischen Ende ganz zu schweigen . . .

Fazit: Bestimmt kein langweiliger, aber ein sehr, sehr eigenwilliger Roman!

[ hs/23.04.2007 ]
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