Titel: Krieg in Mirandao

Molica, Fernando Krieg in Mirandao

Mirandão ist eine Favela in Rio de Janeiro. Hier herrschen das organisierte Verbrechen, Drogenhandel und Aussichtslosigkeit. In den Augen einer Gruppe linksradikaler Studenten der ideale Nährboden für eine soziale Revolution im Sinne Che Guevaras. Der »Conexão Revolucionária« gelingt es tatsächlich, ihre theoretischen Debatten in die Praxis umzusetzen. Auf Vermittlung eines engagierten Geistlichen entsteht ein gewagtes Zweckbündnis zwischen dem Drogenboss des »Morro« und der »Conexão Revolucionária«. Was diese mit allerlei theoretischen Verrenkungen als den Beginn einer revolutionären Bewegung versteht, ist für »Marra«, den Drogenboss, schlicht eine Möglichkeit, seine Macht auszubauen. Den Pistoleros der Drogengang ist es einerlei, ob sie nun Teil der revolutionären Streitkräfte sind und statt Schutzgeldern nun Revolutionssteuern erheben, die zu einem Teil in die Infrastruktur der Favela investiert werden.
Doch in einem Punkt gehen die Revolutionäre entschieden zu weit: Im Viertel herrscht plötzlich Ruhe. Die Verbrechensrate tendiert gegen Null, und die Polizei gerät in erheblichen Erklärungsnotstand. Der zuständige Polizeiboss schmiedet seinerseits ein Kartell, um die gewohnte Un-Ordnung wieder herzustellen.
Mittendrin ein Journalist, der von all dem höchstens die Hälfte versteht.

Autor: Molica, Fernando
Titel: Krieg in Mirandao
Jahr: 2006-08
Seiten: 192 |
Verlag: Edition Nautilus
ISBN: 3-89401-495-4
Preis: 13.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Originaltitel: Notícias do Mirandão
Aus dem Portugiesischen übersetzt und mit einem Glossar versehen von Michael Kegler

„Auch heute war Ehrlichkeit natürlich nicht aus der Favela verschwunden. Wahrscheinlich war sie dort sogar immer noch stärker präsent als auf der anderen Seite der von ihm verkörperten metaphorischen Brücke. Es gab auch immer noch Mütter und ihre Ratschläge, doch sie hatten an Kraft und Bedeutung verloren angesichts einer Gesellschaft, die sich hartnäckig weigerte, ihren Teil des Vertrages mit den Armen bezüglich der Legalität und der Aufrechterhaltung und Legitimation ihrer Ordnung zu erfüllen.
Ganz im Gegenteil: Reichtum war zunehmend aggressiv und arrogant. Zu erkennen an all den Skandalen, von denen die Seiten der Zeitungen und die Fernsehnachrichten voll waren. Wer sagt denn, dass sich Verbrechen nicht lohnt?“
(Fernando Molica, Kriege in Mirandão, S. 55)

Es gibt starke Momente und Passagen in diesem gesellschaftskritischen Roman. Dennoch kommt „Krieg in Mirandão“, den der deutsche Verlag irritierenderweise mit „Krimi aus Rio“ untertitelte, leider nie richtig in Schwung, sondern ersäuft stellenweise buchstäblich in einem linksrevolutionären Verlautbarungston.
Ob es sich bei dem vorliegenden Roman wirklich um einen „Krimi“ handelt, darüber kann man sich streiten. Dennoch ist die spannendste „These“, die der Autor dieses politischen Romans, der brasilianische Journalist und Fernsehreporter Fernando Molica, zu bieten hat, ist die Frage, wie sehr sich revolutionäre Bewegungen mit kriminellen Strömungen vermischen können und womöglich müssen. Mit beinahe dokumentarischen Mitteln entwirft er die Situation einer aufblühenden Stadtguerilla in Rio de Janeiro, innerhalb derer junge Studenten versuchen, sich mit dem organisierten Verbrechen zusammenzutun, um die Strukturen für eine Revolution gegen die korrupte brasilianische Gesellschaft zu schaffen …
Deutlich wird hier wie anderswo, daß es den Reichen und den besitzenden Klassen in dieser Welt offenbar sehr weitgehend freisteht, Rechtsgrundsätze selbst auszulegen und in diesem Rahmen – auch im großen Maßstab – verbrecherisch zu handeln. Das allerdings ist nicht nur die tatsächliche Krux jeder bürgerlichen Demokratie, sondern auch eine linkskritische Binsenwahrheit. Fernando Molica nun beschreibt mit seiner Fiktion solche Zusammenhänge als äußerst brutale gesellschaftliche Realität Brasiliens, wo momentan die Linksregierung unter dem Präsidenten Lula die Geschicke einer derart zerrissenen Gesellschaft bestimmt.
Insgesamt sind Molicas politische Kritik und seine Schilderung der Zustände in den Favelas, den Slums der brasilianischen Großstädte, sicher bemerkenswert, nur erzählerisch mag es ihm bei allem wohl kaum gelingen, die Leser wirklich in seinen Bann zu ziehen.

[ hs/01.04.2007 ]
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