Titel: Das andere Gesicht Rock Hudsons

Fadanelli, Guillermo J. Das andere Gesicht Rock Hudsons

Originaltitel: "La otra cara de Rock Hudson" (Mexico 1997)
Aus dem mexikanischen Spanisch von Sabine Giersberg

Im Mittelpunkt dieses atmosphärisch dichten Romans, für den Guillermo Fadanelli den renommierten mexikanischen Premio Nacional de Literatura erhielt, steht der narbengesichtige Johnny Ramírez, das Böse schlechthin. Der Ich-Erzähler gerät immer stärker in den Bann des knallharten Kriminellen Ramírez und läßt sich in eine Welt von Delinquenz und Gewalt ziehen - ein selbstverständliches Schicksal, dem er sich klaglos fügt. Mexico City, ein Moloch der Hoffungslosigkeit, ist die Bühne des Geschehens: ein schmutziges, stinkendes, verfallenes Labyrinth, eine ausweglose Falle.
Bedingungslos und ohne falsche Scham beschreibt Fadanelli in einer wundervoll bilderreichen Sprache die Stadt als schaurig-bizarren Organismus. Er führt den Leser an die Ränder seiner Abgründe und in die Zentren der ewig wiederkehrenden Gewalt: In die heruntergekommenen Gassen, von Schatten bevölkert, die tödlich sein können.

Autor: Fadanelli, Guillermo J.
Titel: Das andere Gesicht Rock Hudsons
Jahr: 2006-09
Seiten: 192 |
Verlag: Matthes & Seitz
ISBN: 978-3-88221-871-8
Preis: 16.80 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Nach der Lektüre von Guillermo Fadanellis "Das andere Gesicht des Rock Hudson" war ich zunächst einmal ziemlich ratlos. Gefallen hat mir der kurze Roman mit seinem Inhalt nicht, dennoch spürte ich aus ihm die einen oder anderen Qualitäten heraus, die ich so nicht gleich auf einen Begriff bringen konnte.
Deshalb habe ich - wie man es eben manchmal so tut - im Internet nach entsprechenden Rezensionen gesucht, um herauszufinden, was denn andere zu diesem schmalen Büchlein meinen oder aus ihm herauszulesen vermögen.

Der Rezensent der FAZ, Florian Borchmeyer, zum Beispiel, hat eine Lesart gefunden, die man gerne nachvollziehen möchte:

"Was Guillermo Fadanelli (...) enthüllt, ist jenes andere Gesicht Mexikos, das bislang weniger durch die Literatur als durch Filme wie `Amores Perros´ zu uns durchgedrungen ist und sich in kein tequilaseliges Mariachi-Klischee zwängen lässt."
(Florian Borchmeyer: Das soll Rock Hudson sein? Großstadtlabor mit Gringo: Guillermo Fadanellis böser Roma; in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2007.)

Und vielleicht ist es gerade jene von Borchmeyer angezeigte kühle Art, mit der Fadanelli seine Protagonisten quasi "unter literarischen Laborbedingungen" agieren lässt, die einem den Zugang zum Buch erschweren. Fadanelli bemüht sich zweifellos, durch den Blick seines 15jährigen Erzählers einen "narrativen Mikrokosmos, in dem die Hauptfiguren verzweifelt um Leben, Liebe und Anerkennung ringen" lebendig werden zu lassen. Doch ob ihm dazu seine erzählerischen Mittel reichten, das sei dahingestellt.

Da würde mir die Rezensentin Soraya Levin von www.rezensionen.ch allerdings widersprechen. Doch obwohl sie sich in ihrer Interpretation sehr beeindruckt von dem Roman zeigt, bewertet sie ihn abschließend in genauso passiver wie allgemeiner Zurückhaltung:

"Fadanellis Figuren erheben nicht den moralischen Zeigefinger. Seine Figuren zeigen dem Leser vielmehr die schwarze Wirklichkeit, in der Armut und Verbrechen den Alltag und die Zukunft bestimmen. Eine atmosphärisch verhärtete, düstere und sprachmächtige Beschreibung eines realen, rohen und brutalen Lebens."
(Soraya Levin: Mexico City: Moloch der Hoffnungslosigkeit; in: http://www.rezensionen.ch/buchbesprechungen/das_andere_gesicht_rock_hudsons/3882218711.html)

Entgegen einer solchen gewissen Ratlosigkeit zeigt sich dann schließlich die TAZ-Kritikerin Cornelia Gellrich doch um einiges entschiedener und geht folgerichtig in ihrer Rezension auch um einiges hemdsärmliger vor. Sie stellt von Anfang an fest: "Mexiko stinkt". Und zur Illustration ihres ersten olfaktorischen Eindrucks wählt sie genauso prägnante wie bildhafte Beispiele aus dem Roman:

"Schlaglöcher und Geschwülste, die Gullis spien beißende Gerüche aus, als würden darin die Dutzende von Hunden gekocht, die täglich von den Autos angefahren werden."

Gellrich bringt eine Vorstellungsebene auf den Punkt, die man aus "Rock Hudson" sicher herauslesen kann, aber nicht gezwungenermaßen: Die Mythen der modernen westlichen Welt versinken in Armutsvierteln wie jenen in Mexiko City buchstäblich im Dreck und sind nicht mehr wert als ein schmutzig-feuchter Traum. Die saturierten und glänzenden Lebenswelten eines Gringo oder eines White-collar-Deutschen entfalten sich hier buchstäblich in einem Vernichtungskrieg gegen die Kultur und konkreten Lebenswelten jener mittellosen Menschen in den sogenannten Entwicklungsstaaten (die sich in einer haarsträubenden Überzahl befinden).

Diese Kritikerin hat das Buch offenbar auf ihre Weise sehr wohl begriffen. Und nach dieser Rezension würde ich den Roman gut und gerne noch ein zweites Mal lesen, wenn ich der Linie von Gellrichs Kritik dort aus der Erinnerung heraus auch nicht ganz folgen konnte, weil ich unweigerlich spüre, wie sie sich ihrerseits ein zu bestimmtes Bild zu dem Roman zurechtgemacht hat.

"Das zweite Gesicht des Rock Hudson" wird mir so in all seiner Ambivalenz und vor allem durch seine langen, anstrengenden Sätze und Perspektivwechsel im Gedächtnis bleiben, welche ein kriminelles Milieu und eine Szenerie umschreiben, die sich in einer bemerkenswerten atmosphärischen Enge abspielen. Auch der artifizielle Charakter der Erzählung hat mich mehr als nur einmal gestört.
Ich konnte dieser überlangen Short Story aus dem mexikanischen Elend und seinem Sumpf von Sex, Gewalt und Verbrechen deshalb selbst nach der Befragung anderer Meinungen und Kritiken wenig abgewinnen. Mangels Leserschaft in unserem Laden konnte ich auch keinen unserer Hammett-Kunden befragen. Welche besondere Botschaft Fadanelli in seinem Gewaltporträt auch immer versteckt haben mag - mir hat sie sich nur auf den zweiten Blick erschlossen. Und das auch nur mit dem Blick auf seine insgesamt recht wohlgesonnenen Kritiker.

Zum Trotz des Hammett-Kritikers bleibt da nun schließlich noch anzumerken, daß er in der stilistischen und thematischen Ausrichtung zweifellos schon weit begabtere Autoren und bessere Geschichten zu Gesicht bekommen hat als eben gerade Fadanellis "Rock Hudson". An die Intensität und erzählerische Kraft von Guillermo Arriagas poetischem Roman "Der süße Duft des Todes" oder Jorge Francos brutal-sinnlichem Kurzepos "Rosario Tijeras" (aka "Die Scherenfrau") reicht dieser Kurzroman bei weitem nicht heran, und was man bei jenen anderen Titeln tief durchatmend als `atmosphärische Dichte´ beschreiben würde, raubt einem hier aus dem schlichten Mief der Gosse stilistisch eher die Luft und die Lust zu lesen.
Erzählerisch möchte sich das Buch offenbar mit brachialer Direktheit und hartem Realismus seine Bahn brechen, doch sein kurzer Erzählstrom erstickt dabei paradoxerweise und förmlich in der Enge der kurzen Romanform, die sich darüber hinaus auf weite Strecken mit langen umständlichen Sätzen, Rückblenden und mit verklausulierten Dialogen abplagt.

[ hs/01.10.2007 ]
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