![]() |
Ishiguro, Kazuo Als wir Waisen warenEngland in den Dreißigerjahren. Christopher Banks ist ein erfolgreicher Detektiv, doch es gibt einen Fall, den er noch nicht lösen konnte, der ihn quält und bis in seine Träume verfolgt: das Rätsel um das Verschwinden seiner Eltern. Beide sind vor vielen Jahren in Shanghai gekidnappt worden, wo sie anscheinend in den illegalen Opiumhandel verstrickt waren. Kann es sein, dass Banks es nur deshalb zu derart grandioser kriminalistischer Meisterschaft gebracht hat, um endlich aufklären zu können, was damals mit seinen Eltern geschah?
Unsere Meinung:Kazuo Ishiguros historischer Roman "Als wir Waisen waren" kommt sehr ambitioniert daher, erzählt er doch eine genauso tragische wie komplizierte Familiengeschichte am Vorabend des 2. Weltkriegs im Fernen Osten, die mit den politischen Ereignissen in der blühenden Handelsmetropole Shanghai bis zum chinesischen-japanischen Krieg und zur japanischen Eroberung der Stadt 1937 einhergeht.
Ishigurus Hauptfigur, der "berühmte" Londoner Meisterdetektiv Christopher Banks, setzt nach großen beruflichen Erfolgen endlich alles daran, seinem "eigenen Fall", nämlich den mysteriösen Ereignissen in seiner eigenen Vergangenheit und Kindheit nachspüren: Denn Christopher wuchs bis zu seinem neunten Lebensjahr wohlbehütet in Shanghai auf, bis sein Vater, Angestellter einer großen Kolonialhandelsunternehmens, und seine Mutter, einer politische Aktivistin gegen den Opiumhandel, kurz nacheinander spurlos verschwanden. Die Polizei vor Ort ging damals in beiden Fällen von einer Entführung aus, konnte jedoch trotz des öffentlichen Skandals keinen der mutmaßlichen Entführungsfälle aufklären. Von seinen Erinnerungen jahrelang hin- und hergerissen, macht sich Christopher, der als Vollwaise in der Obhut seiner Verwandten in England aufgezogen wurde, nun schließlich auf die lange Reise in seine alte Heimat, um die geheimnisvollen Vorfälle seiner Kindheit aufzuklären. Weshalb Kazuo Ishiguro seine Geschichte unbedingt mit den Mitteln des Detektiv- und Kriminalromans erzählen mußte, bleibt mir ein Rätsel, und die billige Übernahme eines Genremusters ist mithin ein Kardinalfehler, dem schon manch anderer renommierter Autor auf den Leim gegangen ist. Ishigurus Roman hat zweifellos Stärken, so wenn er mit den Kindheitserinnerungen Christophers sehr einfühlsam die Kolonialwelt aus der Sicht eines Kindes wieder aufleben lässt. Das ist atmosphärisch recht gelungen, gerät aber auf mehr als hundert Seiten für einen Kriminalroman ziemlich langatmig und trägt überdies relativ wenig zu den Hauptmotiven des Romans bei. Der Haupteinwand gegen den Plot des Romans ist nun allerdings, daß sein "Meisterdetektiv" noch zwanzig Jahre nach dem Verschwinden seines Vaters und seiner Mutter ernsthaft daran glaubt, dass seine beiden Eltern irgendwo in Shanghai immer noch an einem bestimmten Ort als Geiseln festgehalten werden. Und daß dieser sich dann ernsthaft daran macht, beide dort und derart irgendwie noch aufspüren zu wollen, das wirkt dann vollends absurd und wirr. Der Held, dem anfangs überflüssigerweise auch noch die Attribute eines Sherlock Holmes angedichtet werden, erscheint dabei sehr unglaubwürdig. Daß der "Meisterdetektiv" dann in Shanghai von der bunten spätkolonialen Gesellschaft zudem als "Retter" in einer politischen Krise empfangen wird, möchte man fast einem Übersetzungsfehler zuschreiben, weil es aus dem Kontext der Geschichte nicht als Sinnzusammenhang herauszulesen ist. Und daß sich dies alles auch noch während der brutalen Wirren der japanischen Besetzung Shanghais 1937 abspielt, verleiht der Geschichte gerade noch einen alptraumhaften bis surrealen Charakter. Höchst fragwürdig wird die Sache aber vollends, als Christopher dann am Ende seiner Ermittlungen seine besten Vorsätze über Bord zu werfen scheint, um urplötzlich mit einer frustrierten Ehefrau und Dame der besseren Gesellschaft ins portugiesische Macau auszubüchsen. Die Wendung, mit der er dann aber dennoch in Shanghai bleibt und im größten Kampfgetümmel des chinesisch-japanischen Kriegs zu allem Überfluß noch auf seinen alten japanischen Freund aus Kindertagen stößt, der verletzt in den Trümmern Shanghais liegt, die schlägt dem Fass sozusagen endgültig den Boden aus ... Fazit: Selbst wenn Ishiguro in seinem Roman kritische Versatzstücke wie die britischen Kolonial- und Völkerbrechen gegenüber den Chinesen während der Zeit ihres äußerst einträglichen (und mörderischen) Opiumhandels einbaut, so schwächelt "Als wir Waisen waren" doch insgesamt an Sinn und Form. Auch gelungene Passagen wie der Schlussteil mit seiner bitteren Melodramatik geraten dadurch und durch die erwähnten logischen Schwachstellen in den Verdacht neunmalklug ausgedachten Edelkitsches. P.S.: Für alle Interessierten sei als Alternative zu dem zwiespältigen Roman Ishiguros (und seiner etwas seltsamen Behandlung der Geschichte Shanghais und des chinesisch-japanischen Krieges) von André Malraux der Roman "La condition humaine" empfohlen. [ hs/06.09.2006 ]
|
Krimi-Specials
Warenkorb:
-
Lieferzeiten
-
Wochentags:
Bis 18:00 Uhr bestellte Bücher sind am folgenden Morgen versandfertig und verlassen dann die Buchhandlung.
Wochenende:
Bücher die zwischen Freitag (nach 18:00 Uhr) und Sonntag bestellt werden, sind erst Dienstagmorgen versandfertig und verlassen die Buchhandlung. Ausnahme: Die Bücher sind im Hammett vorhanden.
-
Wochentags:
-
Angekündigte Bücher
- Diese Titel können Sie jetzt schon normal über unsere Warenkorbfunktion bestellen. Sobald das Buch erhältlich ist, erhalten Sie von uns nochmal eine E-Mail, daß Ihre Ware versandfertig ist.
-
Versandkosten
-

Der Versand von neuen Büchern innerhalb Deutschlands ist für Sie bei uns versandkostenfrei.
-


