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Vargas, Fred Der vierzehnte SteinOriginaltitel: Sous les vents de Neptune
Unsere Meinung:"Nun, da der Alkohol seine Muskeln betäubt hatte, konnte er anfangen nachzudenken, konnte er sich vorwagen. Und versuchen, dem Ungeheuer ins Gesicht zu sehen, das Neptuns Erscheinung endlich aus seinen eigenen Tiefen hatte auftauchen lassen. Den Eindringling, den schrecklichen Gast. Den unbesiegbaren, hochmütigen Mörder, den er den `Dreizack´ nannte. Den unbezwingbaren Schlächter, der vor dreißig Jahren sein Leben ins Wanken gebracht hatte. Vierzehn Jahre lang hatte er ihn beharrlich verfolgt, gejagt, jedes Mal in der Hoffnung, ihn zu fassen, und hatte seine bewegliche Beute doch immer wieder verloren. Er war gerannt, gestürzt, weitergerannt.
Und wieder gestürzt. Viele Hoffnungen hatte er dabei aufgegeben, vor allem aber hatte er seinen Bruder verloren. Der Dreizack war ihm immer wieder entwischt. Ein Titan, ein Teufel, ein Poseidon der Hölle. Der seine dreizinkige Waffe hob und mit einem einzigen Stoß in den Bauch tötete. Der seine Opfer aufgespießt zurückließ, gezeichnet mit drei roten Malen auf einer geraden Linie . . ." (Fred Vargas "Der vierzehnte Stein", S. 33) Kaum eine erfolgreiche und längere Kriminalserie mit einem Kommissar als zentraler Hauptfigur versäumt es, irgendwann detailliert auf die Vergangenheit oder den Ursprung ihres Serienhelden einzugehen. So war es bei Hakan Nesser und seinem Helden Van Veteren mit dem Roman "Sein letzter Fall", bei Hennings Mankell mit "Wallanders erster Fall" oder auch bei Andrea Camilleris süffisantem Rückblick auf Montalbanos Vergangenheit in "Der falsche Liebreiz der Vergeltung". Ob das als Zeichen gelten darf, daß der jeweilige Autor nun die Schnauze voll hat von seinem Helden, der wiederum bei der Leserschaft oft schon so etwas wie ein Eigenleben entwickelt hat? Oder ist es der definitive Liebesbeweis der Autoren gegenüber ihrer Hauptfigur, eine Hommage an den größten Helden der eigenen Phantasie? Wie das Eingangszitat schon furios andeutet, geht Fred Vargas in ihrem genauso spannenden wie vielschichtigen Kriminalroman "Der vierzehnte Stein" zurück in die Vergangenheit ihres Helden Adamsberg, dem eigenwilligen Pariser Kommissar, mit dem sie uns schon so viele spannende Fälle beschert hat: Mehr oder weniger zufällig stößt Adamsberg bei der Zeitungslektüre auf den Fall der Ermordung eines jungen Mädchens in Straßburg. Intuitiv liest er aus den Umständen des Mordes Zeichen für die Rückkehr eines alten Erzfeindes aus seiner Vergangenheit: Damals vor fast zwei Jahrzehnten genauso wie jetzt wurden bei den jeweils weiblichen Mordopfern die Wundspuren eines Dreizacks gefunden. (So erklärt sich mithin die genauso seltsame wie unheilsschwangere Abbildung auf dem Titelumschlag der deutschen Romanausgaben!) Daß es sich auch im Elsaß offenbar nur um einen von mehreren Morden in Serie handelt, bestätigt ihn in der Meinung, daß er den Täter kennt: Es ist Adamsbergs "Dämon" aus seiner Zeit als junger Polizist, der einstmals so einflussreiche und mächtige Richter Fulgence, einer höhergestellten Persönlichkeit, der er jedoch niemals etwas nachzuweisen vermochte, und den er in all den Jahren nie zu fassen bekam. Der Hintergrund ihrer Feindschaft: Dieser genauso einflussreiche wie gnadenlose Richter war nicht nur in üble Machenschaften verstrickt, sondern zeichnete vor vielen Jahren auch verantwortlich dafür, dass Raphael, der Bruder Adamsbergs, auf Grund von oberflächlichen Indizien eines Mordes beschuldigt wurde - den höchstwahrscheinlich Fulgence selbst begangen hatte. Sein Bruder konnte diese Anklage nie verwinden und war seither praktisch spurlos verschwunden. In Erinnerung an diese tragischen Ereignisse der Vergangenheit stellt Adamsberg im Elsaß und auch andernorts sofort fast hektische Nachforschungen an und findet bald zu seiner eigenen Verblüffung heraus, daß Fulgence offenbar schon seit Jahren tot ist und schon längst unter französischer Erde liegt. – Handelt es sich also um einen Fehlalarm? Und doch: Irgendjemand scheint da zumindest die todbringenden Methoden des mörderischen Richters nachahmen zu wollen ... Mit einem wahrhaften Katz-und-Maus-Spiel stellt Fred Vargas in "Der vierzehnte Stein" (OT: "Sous les vents de Neptune") ihren Helden Adamsberg vor eine schwere Bewährungsprobe, die sich bis zum dramatischen Ende als ein Kampf bis aufs Blut erweist. Dementsprechend birgt dieser Roman, der u. a. von einigen Hammett-Kunden bereits als der bisher beste Krimi der französischen Autorin bezeichnet wird, enorm viel Spannungspotenzial. Daß der Lesegenuß streckenweise etwas durch eine recht eigenwillige bis verfälschende Übersetzung aus dem Französischen eingeschränkt wird, wurde zwar an anderer Stelle bereits oft diskutiert, soll aber auch hier nicht verschwiegen werden. (So wird u. a. eine Mordkommission als "Mordbrigade" und das Département Bas-Rhin grundlos mit "Niederrhein" übersetzt; außerdem überträgt die deutsche Übersetzerin den Dialekt der Québécois in eine geradezu haarsträubende deutsche Version.) Trotz solcher Wermutstropfen vermögen aber insgesamt vielleicht nicht nur eingefleischte Vargas-Fans bei diesem höchst spannenden "furioso" zu konstatieren, daß die eigenwillige französische Autorin inzwischen zu den wirklich Großen der zeitgenössischen Kriminalliteratur zählt. Fazit: Lesen! [ hs/22.03.2007 ]
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Krimi-Specials
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