Titel: Der Fall Kurilow

Nemirovsky, Irene Der Fall Kurilow

Originaltitel: L'Affaire Couilof
Aus dem Französischen von Dora Winkler

Im zaristischen Petersburg der Jahrhundertwende soll der Revolutionär und Anarchist Léon M. den Erziehungsminister des Zaren ermorden den zynischen, schwerkranken, dekadenten Kurilow. Als Hausarzt verschafft Léon sich Zugang zu seinem Opfer. Doch je näher Léon Kurilow kommt, umso mehr gewinnt der Minister menschliche Züge, und Léon zweifelt am Sinn seiner Mission.

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Autor: Nemirovsky, Irene
Titel: Der Fall Kurilow
Jahr: 2006-12
Seiten: 190 | Taschenbuch
Verlag: btb
ISBN: 3-442-73614-5
Preis: 8.50 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Auf der Terrasse hörte ich Langenberg ein mit Dahl begonnenes Gespräch fortzusetzen. `Man müßte eine Geheimgesellschaft schaffen, deren Aufgabe es wäre, diese verdammten Sozialisten, Revolutionäre, Kommunisten, Freidenker und alle Juden, selbstverständlich auszurotten ... Man könnte ehemalige Banditen, nach gemeinem Recht Verbrecher, anstellen und ihnen Straferlaß versprechen. Diese Leute, diese revolutionäre Kanaille, die verdienen nicht mehr Mitleid als tollwütige Hunde ...´
Kurilow und der Fürst waren stehengeblieben und hörten ihm lächelnd zu.
`Teufel! Mein Lieber, was für eine radikale Lösung´, bemerkte der Fürst. `Davon sind wir noch weit entfernt, leider!´"
(Irène Némirovsky: Der Fall Kurilow, S. 97)

Hätte man versucht, alle im 1. und im 2. Weltkrieg begangenen Verbrechen gerichtlich zu verfolgen und abzuurteilen, dann hätte dies wohl das Ausmaß des Jüngsten Gerichts angenommen. Die Nürnberger Prozesse nehmen sich dagegen, nebenbei gesagt, wie eine Jahrmarktsveranstaltung aus. Dieser so bis heute kaum ausgesprochene Gedanke lastet gleichwohl schwer auf der Zunge ...

Irène Némirovsky fühlt in ihrem Roman "Der Fall Kurilow" einer untergegangenen Welt auf den Puls. Gleichwohl leidet unsere Welt tatsächlich noch bis heute am Untergang der alten Monarchien der Vorweltkriegszeit und am Beharrungsvermögen eines Autokratismus, der sich ausgangs des 19. Jahrhunderts mit einer brutal fortschreitenden Moderne verknüpfte. Das aber nicht, weil jene Monarchien etwa so "gut" waren, sondern weil sie eben so ungeheuerlich verrottet und verkommen waren, weshalb sie in einer großen Krise auch zwangsläufig implodierten. Es waren unterdessen Herrschaftssysteme, welche die Jahrhunderte und Jahrzehnte zuvor selbst allemal keinerlei Scheu hatte, Millionen Menschen in den Tod zu schicken. Die Nazis sind so ja mithin und buchstäblich nur ein Ausschiss dieser autokratischen Welt – und das Sodbrennen der hypermodernen Zivilisation. Die Kommunisten übrigens auf ihre, aber wiederum auf total andere, verfangen tragische Weise, genauso.

In Némirovskys mörderischem Drama "Der Fall Kurilow" sind es die zaristischen "Verbrecher", die im 19. Jahrhundert noch nicht allein vom Schreibtisch aus als "Schreibtischtäter" agierten, sondern die bei ihren Anstrengungen, ihre Macht, ihren Reichtum und ihre gnadenlose Herrschaft über ihre Untergebenen mit allen Mitteln zu erhalten, unter Umständen noch selbst Hand anlegten. Das "Sklaventum" scheint für solche "Herrschaften", die sich späterhin keineswegs mehr selbst die Finger schmutzig machen mussten, übrigens bis heute noch eine recht reizvolle Herrschaftsweise zu sein. Wie sonst wären so erbarmungswürdige Arbeitsverhältnisse, wie sie heute mitunter wieder in Deutschland und ganz Europa auftreten, die Prostitution, die bis ins hinterste Gehirnstübchen von Medienmachern syphilisiert, oder das ganz reelle Sklaventum in vielen Teilen der sogenannten dritten Welt möglich und denkbar?

Némirovskys Roman wirkt wie eine "schöne" kleine Miniatur zu diesem großen Weltendrama. Ihr Held ist der Bolschwik und internationale Terrorist Léon M., ein ideologisch über Jahre hinweg gefestigter Killer, dem in einer Art Lebensbeichte Zweifel am Leben kommen:

"So fing ich also mit achtzehn Jahren mein Revolutionärsleben an; ich wurde mit einigen Aufträgen in den Süden Frankreichs beordert; danach lebte ich eine Zeitlang in Paris. 1903 schickte das Komitee mich nach Russland. Ich sollte den Minister für das Schulwesen exekutieren. Nach dieser Episode trennte ich mich von der terroristischen Fraktion der Partei und schloß mich T. an. Nach dem Fall Kurilow wurde ich zu Tode verurteilt, aber einige Tage vor der Hinrichtung wurde der Thronfolger Alexis geboren, und ich kam in den Genuß der aus diesem Anlaß gewährten Amnestie. Meine Strafe wurde in lebenslängliche Zwangsarbeit umgewandelt. Ich erinnere mich nicht, etwas anderes als tiefe Gleichgültigkeit empfunden zu haben, als ich von meiner Begnadigung erfuhr. Außerdem war ich krank, ich spuckte Gläser voll Blut, und ich war sicher, auf dem Transport nach Sibirien zu sterben. Aber man darf auf den Tod auch nicht mehr zählen als auf das Leben."
(Aus der Lebensbeichte des bolschewistischen Terroristen Léon M. – In: Irène Némirovsky: Der Fall Kurilow, S. 26)

Dies alles ist aber nur eine Momentaufnahme, nur ein kurzer ungeheurer gedanklicher Ausflug aus einem schmalen Buch heraus, das den Kern des menschlichen Aufstands im Rahmen der russischen Revolution(en) um die Jahrhundertwende hin zu den verheerenden Verbrechen des 20. Jahrhunderts auf den Nerv fühlt. Ein Buch, das mit seiner einfühlsamen Erzählweise aber auch buchstäblich wütend macht. Und dies geschieht erzählerisch alles beinahe "en passant", wie ein Bauer, der im Schach den anderen Bauer kalt und gnadenlos aussticht.

Im "Fall Kurilow" ist es der besagte bolschewistische Terrorist Léon M., der sich – von langer Hand vorbereitet - in die Familie des hohen zaristischen Staatsdieners Kurilow als Hausarzt einschleicht, um ihn bei passender Gelegenheit zielgenau und öffentlichkeitswirksam zu ermorden. Allerdings kommen Léon M. während seinem "Einsatz" einige Zweifel an der Aktion. Er lernt den Menschen Kurilow, der unter seinem fortschreitenden Alter und verschiedenen Krankheiten schwer leidet, und dessen Familie näher kennen. Vor allem die zweite Frau Kurilows, eine ehemalige Dame der französischen Halbwelt, von der zaristischen Hofgesellschaft als unwürdig empfunden und dabei eher geduldet als geachtet, konterkariert dabei Léons absolutes Feindbild der "herrschenden Klasse" ...

Irène Némirovsky (1903-1942) hat mit ihrem Roman von 1933 sehr feinfühlig erkannt, dass die Konfrontation zwischen den Ärmsten und den Reichsten, der Entrechteten und dem Recht der Stärkeren in seiner Absolutheit wohl fast zwangsläufig in einer Katastrophe kulminieren musste. Die einen forderten schlicht ihre lange verwehrten Menschenrechte und verteidigten ihre Menschenwürde, die anderen beharrten selbstherrlich, gönnerisch und letztlich mit aller Brutalität auf "gottgegebene Traditionen" und meinten damit scheinheilig das "gottverdammte Recht" auf ihre Macht und ihr Geld und ihre Laster.

"Kennen Sie den Ausspruch, der Zar Alexander I. zugeschrieben wird? `Die Herrscher finden gelegentlich durchaus Gefallen an Verbrechen, aber selten an denen, die sie ausführen.´ Hübsch, nicht wahr? Ganz zu schweigen von dem, was die Presse zu sagen haben wird, die zwar bei uns, Gott sei Dank, einen gehörigen Maulkorb trägt, aber doch eine gewisse Macht hat."
(Kurilow im Gespräch mit Léon M. – In: Irène Némirovsky: Der Fall Kurilow, S. 170)

Mit ihrem Psychogramm eines Attentäters ist Némirovsky übrigens weiter gegangen als zum Beispiel Ricarda Huch (1864-1947), die 1910 mit "Der letzte Sommer" bereits ein ähnliches, aber dabei leider auch recht sentimentales Drama als Briefroman literarisch verarbeitet hatte. (Und dabei dennoch einen für mich bisher einzigartigen Romanschluss erschuf.)

"Der Fall Kurilow" ist meiner Ansicht nach so nicht nur ein Personendrama, sondern eine bemerkenswerte und bitter-ironische Miniatur des Weltendramas. Und es liegt genau in dieser kleinen Zuspitzung von Némirovskys fast beiläufigen Passagen, mit denen man mithin bereits 1933 erkennen konnte, in welches noch größere Schlamassel sich die Menschheit nach der Katastrophe des 1. Weltkriegs hineinmanövrieren sollte. - Wobei jeder auf seinem Standpunkt, seinem kranken Weltbild und seinem Wahn beharrte.

"Ich sah die Kutschen des kaiserlichen Hofes hintereinander auf den breiten Alleen heranrollen. Hinter den Wagenschlägen konnte ich einen flüchtigen Blick auf außerordentliche Köpfe erhaschen, Frauen mit mageren, verkniffenen Gesichtern, mit Juwelen überladen wie Reliquienschreinen, glitzernde Diademe auf der Stirn, Männer in bizarr funkelnden Uniformen, strotzend vor Gold und Diamanten Das seltsame Licht dieser Sommernächte verlieh ihrer Erscheinung etwas Totenähnliches, Traumhaftes ... Ich erinnere mich ... Später verhörte ich als Sonderbeauftragter in solchen Nächten die Verdächtigen, die man mir schubweise vorführte und gegen Tagesanbruch hinrichtete. Ich erinnere mich an diese bleichen Gesichter, an die Helligkeit der Nacht, die ihre Züge beleuchtete, an ihre auf mich gehefteten Blicke. Einige unter ihnen waren so erschöpft, dass ihnen alles gleichgültig zu sein schien, sie antworteten nur mit einem matten Lächeln auf meine Frage. Sie ließen sich widerstandslos wegführen und hinmetzeln. Was für ein Schlachthaus, eine Revolution! Ist das alles der Mühe wert ...? Im Grund ist nichts der Mühe wert, nicht einmal das Leben."
(Aus der Lebensbeichte des bolschewistischen Terroristen Léon M. – In: Irène Némirovsky: Der Fall Kurilow, S. 144 f.)

Solche beinahe poetischen Passagen, die kurz und präzise eine ganze untergegangene Welt und ihre Vorstellungen aufscheinen lassen, machen die erzählerische Qualität Irène Némirovskys aus. Stil und Sprache des Romans hinterlassen deshalb einen so nachhaltigen Eindruck, weil sie trotz des Ich-Erzählers Léon, (der ja alle Gründe hätte, parteiisch zu sein) "einfühlsam" sowohl die Psychologie der Täter als auch die der Opfer in Szene setzt und gleichzeitig präzise die politische Mechanismen von Macht und Gewalt skizziert.

In der Miniatur geht Némirovskys "Fall Kurilow" trotz seiner weitreichenden Thematik übrigens durchaus als Kriminalroman durch, weil es sich nach wie vor um die Beschreibung eines Verbrechens und seiner Motive handelt. Doch einmal nebenbei bemerkt: Wollten wir neben solchen weittragenden Miniaturen auch noch all die Literatur zu den großen Menschheitsverbrechen in unserem Laden versammeln, dann würden die knapp 40 qm hier in Kreuzberg niemals nicht ausreichen, da müssten wir eisern sparen oder durch einen Großbetrug Geld gewinnen, vielleicht sogar die sicher unbestechliche Deutsche Bank bestechen, um irgendwann Hugendubel am Tauentzien oder Dussmann in der Friedrichstraße aufkaufen und dann eine solche kriminologische "Weltbibliothek" gründen zu können.

Schwarze Randnotiz: Irène Némirovsky fiel als Jüdin im Sommer 1942 in Auschwitz übrigens selbst jenem Weltenwahnsinn zum Opfer, den sie in ihrem Roman so meisterlich beschrieb.

[ hs/01.11.2010 ]
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