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Persson, Leif G. W. Zwischen der Sehnsucht des Sommers und der Kälte des WintersStockholm, im November: Ein amerikanischer Journalist ist aus dem 15. Stock eines Studentenwohnheims gesprungen und hat einen äußerst poetischen Abschiedsbrief hinterlassen. War es ein Unfall oder Mord? Für die herbeigerufene Polizei ist die Sache schnell klar: Der Mann ist freiwillig aus dem Leben geschieden. Nur einer zweifelt daran und beschließt, der Sache nachzugehen Kriminaldirektor Lars M. Johansson . . .
Unsere Meinung:Das Attentat und der Mord an Schwedens ehemaligem Ministerpräsidenten Olof Palme, der am 28. Februar 1986 in Stockholm auf offener Straße erschossen wurde, ist bis heute nicht aufgeklärt. So ging erst kürzlich, mithin zwanzig Jahre nach dem Verbrechen, die Nachricht durch die Presse, daß eine Waffe gefunden worden sei, mit der damals der oder einer der Täter den Ministerpräsidenten getötet haben könnte (vgl. z.B. Süddeutsche Zeitung Nr. 269 vom 22.11.2006, S. 9).
Selten hat man an einer Stelle wie dieser, also auf unseren recht bescheidenen Rezensionsseiten zur Kriminalliteratur, Gelegenheit, sich über öffentliche und politische Tatbestände empören zu können. In diesem Fall tun wir es: Wie kann das sein? Wie kann in einer offenen demokratischen Gesellschaft und in einem modernen Staat mit hoch ausdifferenziertem Sicherheitsapparat ein Verbrechen, zumal an einer öffentlich herausragenden Persönlichkeit, so etwas geschehen, ohne daß die Behörden nicht schon nach kurzer Zeit Tatvorgang oder Tatverdächtige benennen könnten? Im Mordfall Olof Palme dauerte es Jahre, bis man überhaupt einen (und dann sehr fragwürdigen) Tatverdächtigen präsentieren konnte. Dieses fortgesetzte Versagen eines demokratischen Staatsapparats stimmt nachdenklich, abgesehen davon, daß es schädlichen Verschwörungstheorien jeglicher Couleur natürlich Tür und Tor öffnet. Nun hat der schwedische Autor Leif G.W. Persson, der als hochrangiger Professor der Kriminologie, Medienexperte und Polizeiberater die Strukturen eines solchen Polizeiapparats aus eigener Anschauung in- und auswendig kennt, einen Politthriller vorgelegt, der in einer gelungenen Fiktion eine genauso plausible wie unspektakuläre Erklärung der damaligen Vorkommnisse liefert: Als in einer kalten Novembernacht 1985 der amerikanische Journalist Krassner, der offenbar aus dem 15. Stock eines Studentenwohnheims gestürzt ist, tot aufgefunden wird, deutet zunächst alles auf einen Selbstmord hin. Die Polizei findet einen Abschiedsbrief, um die Lebenssituation des Mannes war es zuletzt auch nicht besonders gut bestellt und auch die Aussagen seiner Bekannten machen einen solchen Schluß durchaus plausibel. Nur einer der ermittelnden Polizisten, Inspektor Jarnebring, stößt über sein gesundes Misstrauen auf einige Ungereimtheiten in diesem Fall: Was hat z. B. die geheime Nachricht im Stiefelabsatz des Journalisten zu bedeuten? Zumal diese Nachricht an Kriminaldirektor Lars M. Johansson, einem alten Freund und Kollegen von Jarnebring, gerichtet ist!? Doch nicht nur diese persönliche Nachricht "an einen aufrichtigen schwedischen Polizisten", die mit Johanssons Adresse versehen war, geben den beiden Polizisten Rätsel auf. Denn Johansson kann mit dem Namen und Journalisten Krassner absolut nichts anfangen. Auch die poetischen Formulierungen in Krassners zweitem "Abschiedsbrief", so eben u. a. auch die mysteriöse Gedichtzeile "zwischen der Sehnsucht des Sommers und der Kälte des Winters", lassen die Polizisten aufhorchen, denn dahinter scheint sich eine ernstzunehmende tiefere Bedeutung zu verbergen. Weder Jarnebring noch Johansson können bis dahin allerdings wissen, dass sich zuvor hochrangige Geheimdienstler für den amerikanischen Journalisten interessiert hatten. Und noch weniger vermögen sie zu diesem Zeitpunkt zu erahnen, welchen zwielichtigen Plänen der Journalist auf der Spur war. Auf ganz anderer Ebene gerät gleichzeitig Berg, der Leiter der schwedischen Sicherheitspolizei, zunehmend unter Druck, weil sich die Hinweise häufen, dass eine hochrangige Persönlichkeit Ziel eines politischen Attentats werden soll. Der altgediente Geheimpolizist veranlasst sofort, mögliche Attentäter und Ziele ausfindig zu machen, doch die Maßnahmen seines Sicherheitsapparates erweisen sich letztlich als äußerst dilettantisch. Was Berg dabei allerdings verborgen bleibt: Sein engster Vertrauter, der zwielichtige Waltin, hintertreibt seine Maßnahmen. Und während Kriminaldirektor Lars M. Johansson im Fall Krassner dem Geheimnis im Fall Krassner zunehmend näher kommt, brütet der psychopathische Geheimdienstler Waltin ein genauso simples wie furchtbares Komplott aus ... "Zwischen der Sehnsucht des Sommers und der Kälte des Winters" (was für ein Titel!) ist zweifellos ein Schlüsselroman. Er mag unter den Aspekten der Spannungsliteratur zwar zunächst streckenweise etwas bedächtig oder langatmig wirken, doch Persson erzählt wider jede Erwartungshaltung wohltuend unspektakulär und mit Bedacht. Seine Figuren entwickelt er genauso behutsam wie schonungslos. Und trotz seiner galligen Darstellung eines offenbar zumindest während der 80er Jahre hoffnungslos korrupten und praktisch faschistoiden schwedischen Polizeiapparats, macht es sich Persson keinesfalls zu einfach. Denn auch die Realität hält keine einfachen Antworten bereit. Wie in einem Puzzle führt er uns Stück vor Stück vor Augen, wie ein solcher Geheimdienst "tickt" (und zuweilen eben auch "austickt") und welche zersetzende und zerstörerische Wirkung letztlich von einem unkontrollierten "Sicherheits"apparat ausgehen kann. Dazu hat er keine subtilen Verschwörungstheorien nötig, keine Illuminaten oder andere Hirngespinste des so weithin verbreiteten publizistischen Gehirnbreis. All diesen offensichtlichen und fiktionalen Blödsinn, der mithin die Öffentlichkeit über den wahren Charakter autoritärer Macht in die Irre führt, wird man bei dem schwedischen Autoren nicht finden. Unter dem Strich wirkt die Katharsis dieses desillusionierenden und doch aufklärerischen Romans äußerst wohltuend, und das trotz seiner tragischen Geschichte: Die Arbeit von Geheimdiensten ist schmutzig und allzu oft illegal. So sehr sie auch in James-Bond-Manierismen und mit abenteuerlichen Vorstellungen verbrämt wird, - letzten Endes stellt sie sich nur als jämmerlicher und obendrein brandgefährlicher Budenzauber dar. Versuchte James Ellroy in seinem "Amerikanischen Albtraum" ein politisches Sittengemälde amerikanischer Politik und Gesellschaft seit den 60er Jahren zu zeichnen, deren Wirkungen bis heute noch anhalten, so findet er in Perssons "schwedischem Albtraum" ein europäisches Pendant zu den allgemeinen Usancen und Selbstverständlichkeiten geheimer Machtpolitik. Wie diese entgegen ihrem Machtanspruch und ihrer Selbstherrlichkeit zum Teil mit schier unglaublicher Dummheit und Fahrlässigkeit agiert, mag man als einen von vielen Treppenwitzen der Weltgeschichte betrachten, doch dies zweifellos auf einer Treppe, die man lachend weder hinaufgehen noch hinunterfallen möchte. [ hs/09.12.2006 ]
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Krimi-Specials
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