Fjorde, Elche, Mörder.
 Der skandinavische Kriminalroman. - Hindersmann, Jost (Hrsg.) - NordPark

Hindersmann, Jost (Hrsg.) Fjorde, Elche, Mörder. Der skandinavische Kriminalroman.

Erste deutschsprachige Gesamtübersicht über die skandinavische Kriminalliteratur
Der skandinavische Kriminalroman gehört seit Jahren auf dem deutschen Buchmarkt zur beliebtesten Sparte der Gattung. Geschichten von Mord und Totschlag aus dem hohen Norden erleben einen Boom. Was aber zeichnet den typisch nordischen Kriminalroman aus?
Autoren aus sieben Ländern unternehmen eine Bestandsaufnahme dieses Phänomens, stellen die bekanntesten Krimiautoren vor und dokumentieren die Entwicklung des Kriminalromans in Schweden, Finnland, Dänemark, Island und Norwegen vom Beginn bis zur Gegenwart.

Autor: Hindersmann, Jost (Hrsg.)
Titel: Fjorde, Elche, Mörder. Der skandinavische Kriminalroman.
Jahr: 2007-01
Seiten: 316 | Taschenbuch
Verlag: NordPark
ISBN: 978-3-935421-16-4
Preis: 22.00 EUR

Status: Nicht mehr lieferbar

22.00 €

Unsere Meinung:

"Der moderne Kriminalroman - und hiermit meine ich den in Hauptzügen amerikanischen - ist in Wirklichkeit der Kollektivroman unserer Zeit, so umfassend wie die Feuilletonschreiber alter Tage, ein Balzac, ein Dumas, ein Dickens sich zu sein erlauben konnten. Er bezieht die ganze Gesellschaft mit ein, da alle vorhandenen Fäden sich mit anderen verbinden. (...) Der moderne Kriminalroman bewegt sich von der Post zur Zeitungsredaktion, vom Parlament zur Reinigungsfirma. Der moderne Kriminalroman ist nicht zuletzt das Lied von den kleinen Rädern im städtischen Alltag: dem Taxifahrer, dem Hotelportier, der Telefondame. (...) Heute halte ich den Kriminalroman für das Genre, das so kurz und knapp wie möglich uns allen davon erzählt, (...) wie es uns modernen Menschen geht, allein und besonders mit/gegeneinander."
(Turèll, Coda: ET LIV MED KRIMINALROMANER, S. 4-5, Übersetzung aus dem Dänischen von Nina von Zimmermann, zit. nach ders. Aus: Kopenhagen revisited: Dan Turèlls MORD-Serie, in: Hindermann (Hrsg.), Fjorde, Elche, Mörder; S. 206)

Daß es im deutschsprachigen Raum so wenig Sekundärliteratur und Überblicksdarstellungen zum Genre des Kriminalromans gibt, diese Tatsache haben wir hier schon oft und an anderer Stelle zuvor bemängelt. Deshalb ist der Versuch einer systematischen Übersicht zum "skandinavischen Kriminalroman", die Ende 2006 von dem Literaturwissenschaftler Jost Hindermann herausgegeben wurde, fast schon a priori zu loben.
Nun hat sich das Genre des Kriminalromans in Deutschland aber gerade in den letzten Jahren viel an Terrain erobert. Er wird in der deutschen Literaturszene ernster genommen als je zuvor. Da wurden erstmals überhaupt und dann gleich vier Krimis (bei 16 vorgeschlagenen Büchern) auf die Nominierungsliste des Deutschen Bücherpreises gesetzt. Da kommt selbst die populäre "Großkritikerin" Elke Heidenreich, die wahrlich keine Krimi-Liebhaberin ist, auf den Geschmack, mit Andrea Maria Schenkels Roman "Tannöd" ihren Zuschauern/innen auch einmal einen Krimi nahe zulegen. (Daß der Roman inzwischen auch den Deutschen Krimipreis 2006 eingeheimst hat, wirkt da fast nur noch wie eine Randnotiz der Krimi-Fachwelt.) Und so schwingen sich auch seit einiger Zeit bis dahin mittelmäßige und eher erfolglose Krimiautoren auf, mit geschickt konstruierten Öko-Thrillern uns die Welt zu erklären. (Frank Schätzing hätte vor dem „Schwarm“ mit seinen ganz passablen historischen Kriminalromanen und kritischen Psychothrillern beim Massenpublikum kaum einen Blumentopf gewinnen können.)
Das alles tut für Intellektuelle, Literaturinteressierte und für die ganze geistige Welt Erklärung Not. Nur tritt kaum jemand an, dieses Phänomen zu erklären, geschweige denn neben dem Warenwert (man schaue nur auf die Präsenz der Kriminalliteratur auf den Bestsellerlisten) den wahren Wert dieser Literatur bestimmen zu wollen.
Große Übersichtsdarstellungen wie Jochen Schmidts populäre Geschichte der Kriminalliteratur "Gangster, Opfer, Detektive" liegen lange zurück (Ullstein, Berlin 1989), und schon manches Mal hatten wir den Eindruck, die Literaturwissenschaft kapituliere vor dem vielschichtigen Phänomen der Populärliteratur "Krimi". Nun, wenn man den ganzen Wald vor Bäumen nicht mehr sieht, dann knüpft man sich eben ein paar einzelne Bäume vor, um dem eigenen Denken eine Lichtung zu schaffen.

Genau auf diese Weise haben 15 Autoren/innen und Kenner der nordischen Literatur versucht, mit ihren Beiträgen dem herausragenden Phänomen auf die Spur zu kommen, was den skandinavischen Kriminalroman "so erfolgreich" macht. Doch sind die Antworten, die das vorliegende Kompendium mit seiner detaillierten Spurensuche zu geben versucht, sehr unterschiedlich zu bewerten. Die Systematik der Zusammenstellung, die im ersten Teil drei "Thesen" zum Erfolg des Subgenres "Skandinavienkrimi" aufstellt, danach im zweiten Teil "Die Tatorte" in streckenweise etwas umständlichen Einzeldarstellungen die Historien der dänischen, schwedischen, finnisch-schwedischen (sic!), norwegischen, finnischen und isländischen Kriminalliteratur aufzählt, um dann im dritten Teil der Abhandlung "Die Täter" darzustellen, was schlicht bedeutet, das man beispielhaft die Einzelwerke der nordischen Krimistars Dan Turèll (Dänemark), Henning Mankell, Hakan Nesser, Liza Marklund und Arne Dahl (Schweden), Leena Lehtolainen (Finnland) sowie Arnaldur Indridason (Island) abhandelt.
Leider werden die genauso prägnanten wie diskussionswürdigen Ausgangsthesen, die die kundige Expertin Alexandra Hagenguth in ihrem Beitrag formuliert und zuspitzt, in den darauffolgenden Beiträgen zum Teil nur unzureichend illustriert und reflektiert. Und leider haben die historischen Überblicke, die es offenbar - was mithin teilweise recht verkrampft wirkt - auf "Vollständigkeit" abgesehen haben, vor allem Kuriositäten zu bieten.
Die Einzeldarstellungen skandinavischer Krimiautoren bieten dagegen weit mehr Einsichten in die Mechanismen des Literaturbetriebs und dem wohl eher zufälligen Erfolgsweg des skandinavischen Kriminalromans. Herausragende Kraftfelder dieser Erfolgsgeschichte sind vor allem das schwedische Autorengespann May Sjöwall und Per Wahlöö, die in den 60er und 70er Jahren mit ihren geradezu programmatischen sozialkritischen zehn Kriminalromanen buchstäblich die zehn Gebote des Subgenres aufgestellt haben. Aus dieser Tradition heraus bildete sich seit den ausgehenden 90er Jahren um einen weiteren schwedischen Autoren, dem heutigen Star der Szene: Henning Mankell, ein weiteres Kraftfeld, daß geradezu eine breite Literaturbewegung in Gang setzte. Wie Mankell seinen Erfolg zunächst vor allem einer geschickten Marketing-Kampagne zu verdanken hat, wird hier sehr schön und plausibel aufgezeigt. Genauso wird beschrieben, welche Ausstrahlungskraft sein literarisches Schaffen und sein großer moralischer Impetus hatte. Denn in seiner Nachfolge etablierten sich hierzulande so unterschiedliche Autoren wie Arne Dahl, Ake Edwardson oder Hakan Nesser, aber auch Autorinnen wie Anne Holt, Liza Marklund und Leena Lehtolainen.
Damit sei noch ein bemerkenswerter Schwerpunkt des Buches erwähnt: feministische Krimis, die mit dem schwedischen Gleichheitsmodell offenbar vor allem bei deutschen Leserinnen großen Anklang fanden.
Nun ist "Fjorde, Elche, Mörder" ein eher flapsiger Titel für die versammelten Bemühungen, das Phänomen des Erfolgs und der vielfältigen Wirkungen des skandinavischen Kriminalromans aufzuklären. Dem vorliegenden Sachbuch gelingt zwar ein schlüssiges Gesamtbild der literarischen Entwicklung des Subgenres für sich genommen, doch leider weiß es das Phänomen nicht in dem Gesamtkontext der internationalen Kriminalliteratur einzuordnen (zumindest hätte man sich z. B. noch einen konterkarierenden Beitrag oder mehr Vergleichsmaßstäbe zu der internationalen Krimiszene gewünscht).
Fraglich bleibt letztlich auch der Nutzen des Buches, denn dieses Kompendium schwankt merklich zwischen dem akademischen Ernst der Wissenschaftlichkeit und dem Bemühen, dem populären Gegenstand der Untersuchung mit entsprechenden Motiven und Detailinformationen für Fans der erwähnten Autoren entgegenzukommen. So fragt man sich als Kritiker bald unweigerlich, für wen das Buch nun eigentlich geschrieben ist ...
Dan Turèll hat einmal mit einfachen Worten die Dimensionen der Wirkung des modernen Kriminalromans beschrieben (siehe Eingangszitat). Wie sehr die Kriminalliteratur den Nerv der Menschen zu treffen vermag, scheint also auf der Hand zu liegen. Dafür bietet "Fjorde, Elche, Mörder" auch reichlich Anschauungsmaterial. Welche Bedeutung und "Funktion" aber der Kriminalroman als solcher in Form einer Literaturbewegung vergleichbar mit dem Realismus des 19. Jahrhunderts, dem expressionismus des 20. Jahrhunderts oder den großen Werken der Romanciers zwischen den Epochenstilen zu entfalten vermag, das bleibt hier zweifellos unbeantwortet. Was den fortschrittskritischen Lesern Anfang des letzten Jahrhunderts Thomas Manns "Zauberberg" zu bedeuten vermochte, das - so seltsam das klingen mag - ziehen heutige (geistig sicher nicht minderbemitteltere) Leser vielleicht aus Peter Hoegs "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" oder Frank Schätzings "Schwarm". Welche erzählerische Kraft zum (rein negativen?) Weltentwurf der Kriminalroman tatsächlich zu entfalten vermag, das zeigten spätestens seit den 60er Jahren z. B. die großen Romanwerke Patricia Highsmiths in ihren fortgesetzten Versuchen, das Böse in der Normalität unserer Welt zu verorten. Auch Umberto Ecos Hinweis in "Der Name der Rose", wie man gerade mit dem absolutem und erklärtem Willen zum Guten Böses schafft, zählt zu den Meilensteinen einer bewussten Kriminalliteratur der gesellschaftlichen Zerwürfnisse im Hier und Jetzt.
Die moderne Kriminalliteratur scheint in ihren besten Teilen eine Literatur des permanenten Ausnahmezustands zu sein. Sie beschreibt sui generis Extreme und sucht in solchen extremen existenziellen Situationen (Mord, Betrug, Gewalt, Eifersucht und organisiertes Verbrechen) im besten Fall Antworten auf unsere gegenwärtige condition humaine. Das Böse als allgegenwärtige und fast übermächtige Erfahrung ist in unseren heutigen Gesellschaften zweifellos (vielleicht sogar mehr als in früheren Zeiten) als Gefahr und Drohung eingeschrieben.
Und will man nicht gerade Henning Mankell und dessen moralisierenden Kriminalromane als sehr populären und hundertfach vermarkteten Zeugen dieser sehr gegenwärtigen und existenziellen Situation heranziehen, dann blicke man z. B. auf die Romane des linkskritischen und viel zu früh verstorbenen französischen Journalisten und Krimiautoren Jean Claude Izzo. In seinem Marseille-Epos zeigt er aus der Begegnung unterschiedlicher (Lebens)Kulturen heraus, wie sehr die Unfähigkeit, in Friedfertigkeit zusammenzuleben, sich zu einer existenziellen Gefahr entwickelt und wie sehr wir uns als Einzelne jeweils ganz individuell der Kriminalität als Ausdruck der Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit oder auch der schieren Gier nach gesellschaftlichem Aufstieg und Reichtum ausliefern. Der lakonische Tonfall, mit dem dies beobachtet wird, hat große Vorbilder wie Dashiell Hammett, entwickelt aber in dem Kosmos der mediterranen Metropole Marseille seine eigene grandiose Ausdruckskraft. (Wobei man sich bei Izzo über seine Wankelmütigkeit zwischen Sozialrealismus und Sozialromantik durchaus streiten könnte.)
Welchen Beitrag die skandinavische Kriminalliteratur aber zu solchen mutmaßlichen Versatzstücken der Wirkungskraft moderner Kriminalliteratur zu leisten vermag, daß bleibt auch nach "Fjorde, Elche, Mörder" dahingestellt.
[ hs/20.01.2007 ]
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