Titel: Der verlorene Spion

Kanon, Joseph Der verlorene Spion

Während 1950 im Amerika der McCarthy-Ära die Kommunistenjagd auf Hochtouren läuft, flieht Staatssekretär Walter Kotlar, dem nachgesagt wird, er habe für die Russen gearbeitet, aus Washington. Von da an bleibt er spurlos verschwunden. Als seinem kleinen Sohn Nick klar wird, dass der Vater nicht wiederkommt, versucht er, die Erinnerung an ihn zu verdrängen. 1969 - Nick ist längst erwachsen - erreicht ihn ein Hilferuf seines Vaters aus Prag, der besiegten Stadt, die gerade von russischen Panzern überrollt wurde. Von da an beginnen die Ereignisse sich zu überschlagen...

Autor: Kanon, Joseph
Titel: Der verlorene Spion
Jahr:
Seiten: 508 | Taschenbuch
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-44876-0
Preis: 8.95 EUR

Status: Vergriffen

Preis: 8.95 EUR

Unsere Meinung:

Der Roman "Der verlorene Spion" ist eine handfeste und tiefgründige Parabel auf den Kalten Krieg. Eindrucksvoll zeigt Kanon zeitumspannend zum einen die Hysterie und ambivalente politische Situation in den U.S.A. während der McCarthy-Zeit auf (erzählt aus der direkten Perspektive des kleinen Jungen Nick, der 1950 die politische Angriffe auf seinen Vater, einen hohen Staatsbeamten, miterlebt), zum anderen schildert er eindrucksvoll die Desillusionierung und den frühen Bankrott des kommunistischen Werte- und Gesellschaftssystems (erzählt aus der naiven Perspektive des 1969 inzwischen erwachsenen Nick, der als Historiker in Prag seine eigene Familienvergangenheit aufzuarbeiten sucht).

Joseph Kanon, Spezialist zeitgenössischer historischer Kriminalromane, hat mit "Der verlorene Spion" also erneut einen genauso düsteren wie subtilen Spionageroman geschaffen. Dabei spielen hier weniger die Spionage als solche, denn die von ihr betroffenen Menschen eine Rolle. Nun kommt der Romanheld Nick nicht gerade daher wie der "Marathon Man" (wobei ein Vergleich aber vom Motiv her durchaus interessant ist). Statt atemloser Hochspannung und Thrilleratmosphäre erlebt man hier vielmehr einen Helden, der Prag während der Eiszeit nach dem "Prager Frühling" erlebt; doch eben nicht allein das, sondern bald in Folge der Ereignisse und seiner Entdeckungen auch eine Umdeutung seiner Familienwerte und Weltsicht . . .

Vor diesem Hintergrund mögen manche den Plot insgesamt als vorhersehbar bezeichnen. Dabei verfolgt "Der verlorene Spion"“ einfach und geradlinig seine Linie und verzichtet weitgehend auf irgendwelche spektakulären Cliffhanger und Perspektivwechsel. Nun hat es Kanon einerseits auch nicht nötig, sich auf solche Tricks und Kniffe versteigen zu müssen, andererseits entsteht aus der Figurenzeichnung und der Psychologie seiner Protagonisten ohnehin eine ganz andere und besondere Art der Spannung.

Fazit: Zeitgenössischer historischer Kriminalroman, der genauso einfach wie eindrucksvoll die psychologischen Folgen des Kalten Krieges aufzeigt: Intelligente Menschen, die sich in das tödliche Netz politischer Ideologien verfangen haben, und mehr oder weniger ahnungslose Menschen, die um ihre Biographie betrogen werden.

[ hs/01.04.2006 ]
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