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Dürrenmatt, Friedrich JustizEin Zürcher Kantonsrat erschießt in einem überfüllten, von Politikern, Wirtschaftskoryphäen und Künstlern besuchten Restaurant der Stadt vor aller Augen einen Germanisten, Professor an der Universität, läßt, zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt, im Gefängnis einen jungen, mittellosen Rechtsanwalt zu sich kommen und erteilt diesem den Auftrag, seinen Fall unter der Annahme neu zu untersuchen, er sei nicht der Mörder gewesen. Der junge Anwalt, der den scheinbar sinnlosen Auftrag annimmt, erkennt zu spät, in welche Falle ihn die Justiz geraten läßt, weil er sie mit der Gerechtigkeit verwechselt.
Unsere Meinung:"Dieser Roman beruht nicht auf Tatsachen. Namen, Personen, Ort und Handlung sind vom Autor frei erfunden. Irgendwelche Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten, Orten oder Personen, seien sie lebend oder tot, sind rein zufällig."
(Friedrich Dürrenmatt, Justiz, S. 5) Friedrich Dürrenmatt war zeitlebens mit dem Genre des Kriminalromans verbunden. Doch bemerkenswert ist dabei, dass sich der berühmte Autor um dieses Genre nur zu Anfang und dann wieder zum Ende seines literarischen Schaffens kümmerte. Seine frühen Kriminalromane ("Der Richter und sein Henker" 1952, "Der Verdacht" 1953 und "Das Versprechen" 1958) sind quasi legendär und schon längst in den Kanon der Weltliteratur eingeflossen. Dagegen sind seine späteren "Kriminalstücke", also der experimentelle Text "Der Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter" (1986) und der hier betrachtete Roman "Justiz" von 1985 eher eine Replik auf die frühen Grundthemen seines Werkes. Von Anfang an warf das literarische Schaffen Dürrenmatts immer einen kritischen Blick auf die verbrecherischen Energien der Menschen und die schuldhafte Verstrickung derer Mitmenschen. Darüber wölbte sich dann die Kritik des Moralisten Dürrenmatt an den Widersprüchen und Selbsttäuschungen seiner Zeit. Das schließt selbstverständlich seine genauso ätzende wie prägnante Darstellung des Schweizer Mikrokosmos mit ein, einem Land mit einem Völkchen, das sich im Schutze der Neutralität und der alpinen Eingegrenztheit in dem folgeträchtigen Glauben befangen sieht "sich einen besonderen Wert nur aus der Tatsache zuzuschreiben", dass sie Schweizer sind "wie dies etwa den Amerikanern, den Russen, Deutschen oder Franzosen zustoße, die a priori des Glaubens seien, ein Deutscher oder ein Franzose sei an sich ein höheres Wesen." (Friedrich Dürrenmatt, Justiz, S. 103) Vor diesem Hintergrund erzählt Dürrenmatt in "Justiz" die Geschichte einer verbrecherischen Intrige, der ein junger, mittelloser Anwalt zum Opfer fällt und die im gleichen Zuge von einem einflußreichen Züricher Patrizier und Mörder dazu genutzt wird, die Machtverhältnisse in dieser Welt mit einem offenen symbolischen Mordakt festzuschreiben, ohne dafür letztlich belangt zu werden. Die Moral dieser Geschichte mit all ihren spannenden chandleresken und hammettschen Wendungen ist offensichtlich: Verwechsele nie Gesetz oder Justiz mit Gerechtigkeit. Mithin: Mißtraue den Gesetzlichkeiten. Daß die gesellschaftspolitischen Probleme des Missbrauchs von Macht und der schuldhaften Verstrickung der Ohnmächtigen, die Dürrenmatt behandelt, im Grunde wenig an Aktualität verloren hat, ja immer aktuell bleiben werden, ist ein Allgemeinplatz. Daß einen aber angesichts der Romane Dürrenmatts das deutliche Gefühl beschleicht, sie stammten allesamt aus einer längst vergangenen Zeit, ist dabei in seiner Widersprüchlichkeit der besonderen Erwähnung wert. Dies ist in etwa so, als fände man das geheime Tagebuch seines Vaters und müsse, nachdem man den dicken Staub von dem Buchdeckel geblasen hat, daraus erfahren, dass der Vater ein skrupelloser Mörder war. In dieser Hinsicht ist und bleibt "Justiz" eine beunruhigende Lektüre mit einigen gedanklichen Folgen - die eigentlich gar nicht mit Kugeln zu bewerten, geschweige denn mit homöopathischen Kügelchen zu behandeln ist. [ hs/14.04.2007 ] 8 von 10 Kugeln
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Krimi-Specials
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