Titel: Krimijahrbuch 2007

Bacher, Christina; Menke, Ludger; Noller, Ulrich u. a. Krimijahrbuch 2007

Deutsche Originalausgabe
Herausgegeben von Christina Bacher, Ludger Menke, Ulrich Noller und Dieter Paul Rudolph.

Das Krimijahrbuch aus dem Nordpark-Verlag geht in seinen zweiten Jahrgang – und navigiert wieder durch ein spannendes Jahr voller Neuerscheinungen in Sachen Kriminalliteratur. Neu im Programm des 2007er-Jahrgangs: Spannende Themen aus Film und Fernsehen, ein Jahrbuch sozusagen als Link zwischen Literatur und "neuen" Medien. Mit besonderem Augenmerk auf den Rundfunk, sprich einer Hommage an Pieke Biermann, der quicklebendigen und multiplen Legende des Krimi made in Germany, die das Kriminelle und sein Personal nicht nur zu einem faszinierenden Gegenstand des Radios gemacht hat, sondern auch in Kriminalromanen, Übersetzungen, Diskussionen und Kritiken immer schon mehr war als nur "genredienlich". Sie war und ist Türöffnerin für eine ganze Kultur des Verbrechens.
Der obligatorische Blick auf die deutschsprachige Kriminalliteratur wird auch im Krimijahrbuch 2007 ergänzt durch genaue Beobachtungen der Krimikulturen der Welt. Dazu bat das Herausgeberteam Christina Bacher, Ludger Menke, Ulrich Noller und Dieter-Paul Rudolph auch diesmal wieder eine illustre Runde an Autorinnen und Autoren zur Feder, darunter Thomas Wörtche, Tobias Gohlis und Gabriele Wolff. Das Ergebnis sind 340 Seiten Krimikultur vom Feinsten: Mit Interviews, Portraits, "Besinnungsaufsätzen", Kritikergesprächen und den besten Rezensionen des Jahres.
Kurz: Ein Buch von Krimifans für Krimifans. Friede, Freude, Eierkuchen, also? Nur bedingt: Das Krimijahrbuch 2006 ist kein Jubelalmanach, keine Kuschelrunde mit Duftkerzen, dafür eine Mischung aus Information und Unterhaltung. Wo es krachen muss, da kracht es – wie es sich auch für einen guten Krimi gehört.

Autor: Bacher, Christina; Menke, Ludger; Noller, Ulrich u. a.
Titel: Krimijahrbuch 2007
Jahr: 2007-05
Seiten: 339 | Taschenbuch
Verlag: NordPark
ISBN: 978-3-935421-20-1
Preis: 20.00 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Zum zweiten Mal in Folge bringt der Nordpark Verlag in seiner Reihe Krimikritik ein Krimijahrbuch auf den Markt und etabliert damit endlich wieder ein Forum, das der deutschen Literaturszene zuvor jahrelang gefehlt hat. Dabei gehen die Herausgeber und Autoren/innen so akribisch und mit einem solch respektablen Ernst zur Sache, dass man das 339seitige Krimijournal als Pflichtlektüre fast zwingend für alle ausgemachten Genreliebhaber und Literaturfreunde empfehlen muß, deren Krimilektüre und Interesse über die reine Unterhaltung hinausgehen. Dieses Lob gilt für seine guten wie für seine schlechten Seiten, denn gerade die Vielfalt der Aspekte und Meinungen wirft ein genauso aufschlussreiches wie buchstäblich spannendes Schlaglicht auf die deutsche Krimiproduktion und ihre Literaturkritik.
In einem Zug durchlesen mag man das Buch ohnehin nicht. Das ist dann doch zu trocken und ungefähr so, als würde man beim Döner zuerst das Fladenbrot und danach die Sauce und Beilagen essen. Deshalb empfiehlt es sich, die geballte Ladung Krimikritik in eigener Zusammenstellung und ganz nach eigenen Interessen zu goutieren, wobei man die fraglosen Highlights des Jahrbuchs, nämlich den Themenschwerpunkt zu der seit Jahren herausragenden deutschen Krimiautorin Pieke Biermann und die beiden galligen Kritiken zur deutschen Krimilandschaft von Thomas Wörtche keinesfalls auslassen sollte. (Vgl. seine zur leichten Verunsicherung des eigenen Geschmacks beitragenden Essays "Designermorde" auf S. 245-249 und "Alle wahnsinnig geworden? Über das fatale Bescheiden mit sinnloser Kriminalliteratur" auf S. 288-296.)
Zahlreiche Rezensionen zur Krimiproduktion des Jahres 2006 sowie sehr kundige Einzeldarstellungen zu Autoren (u. a. Porträts zu James Lee Burke, Robert B. Parker, dem Polen Marek Krajewski oder der schottischen Autorin Louise Welsh) und aufschlussreiche Interviews mit deutschen Autoren wie Oliver Bottini und Thomas Kastura, deren `Machwerke´ Thomas Wörtche an anderer Stelle dann mit spitzer Feder als wohl kalkulierte Designer-Krimis und Marketing-Produkte kritisiert, komplettieren das differenzierte Gesamtbild eines gelungenen Jahrbuchs.
Daß andere Beiträge subjektiv wie objektiv als weniger gelungen betrachtet werden müssen, liegt in der Natur der Sache. Persönlich störten den Rezensenten vor allem die beiden recht selbstgefälligen Beiträge "Kritikerstammtisch deutschsprachige Krimis" (S. 35 f.) und "Kritikerstammtisch international" (S. 127 ff.), bei denen nicht klar wurde, für wen und wozu sie geschrieben wurden, außer vielleicht um die Tatsache zum Ausdruck zu bringen, wie gut sich das kundige Herausgeber- und Autorenteam offenbar bei seinen Kneipengängen bei Bier, Wein, Schnaps und anderen Lustbarkeiten verstanden hat. Schaut man über diese Leutseligkeit von Studenten- und Akademikerstammtischen hinweg, dann hat das Krimijahrbuch nur noch wenig wirklich Schwaches zu bieten:
Dabei fallen für mich im Negativen Gabriele Wolffs etwas langatmige "Überlegungen zur Sprache im Kriminalroman" (S. 263-275) auf. Diese bleiben auf dreizehn klein bedruckten Seiten viel zu sehr im Allgemeinen, und überdies scheut sich die Autorin offenbar, ihre Weisheiten an der aktuellen Krimiproduktion oder Literaturkritik zu messen. Sie landet mit dieser weitgehenden Weigerung, Ross und Reiter zu nennen, fast zwangsläufig bei einem bildungsbürgerlichen Reflex, nämlich beim Rückgriff auf Friedrich Schillers "Francois Gayot de Pitaval: Merkwürdige Rechtsfälle als ein Beitrag zur Geschichte der Menschheit" und seiner Kriminalgeschichte "Verbrecher aus Infamie", woraus sie dann auch lang und breit zitiert.
Schwach. Dabei ist ihre seltsame Ausgangsfrage, ob es "eigentlich" von Belang sei, "wie ein Kriminalroman geschrieben ist", trotz ihrer Schwammigkeit nicht uninteressant, entwicklungsfähig und durchaus einer heftigen Diskussion wert (auch und gerade über mögliche objektive Bewertungsmaßstäbe von Genre- und Unterhaltungsliteratur über das reine Geschmacksurteil hinaus). Nur viel zu sagen hat Frau Wolff, die in ihrem wahren Leben Gabriele Gordon heißt und seit einigen Jahren als lang gediente Juristin und Oberstaatsanwältin in Brandenburg arbeitet, dazu nicht. Sie markiert Ihre Ausgangsfrage(n) zwar sogleich als rhetorische Frage(n), weicht damit aber eher ernstzunehmenden Thesen und möglichen Antworten von vorneherein aus. So schließt die Autorin ihren Aufsatz beinahe tautologisch und buchstäblich in einem intellektuellen Schein- und Rückzugsgefecht auf besagte Schiller-Werke. Ihr Aufsatz endet zudem mit einer haarsträubenden Platitude, die sie selbst wohl als Pointe aufgefasst haben mag:

"Es ist also von Belang, wie ein Kriminalroman geschrieben ist. Je besser er geschrieben ist, desto spannender ist er auch. Klar. War ja auch nur eine rhetorische Frage." (Schlußsätze auf S. 275)

Zum Glück bewegen sich nur wenige Beiträge des Krimijahrbuches auf solchem fragwürdigen Niveau. Eigenwilligkeiten wie den französischsprachigen Kriminalroman 2006 nur mit einem einzigen Überblicksbeitrag und dann auch noch mit dem besonderen Blick auf Quebec und das französischsprachige Kanada zu bedenken, mögen dem nötigen Platz und zudem fehlender Fachkundigkeit geschuldet sein, sind aber durchaus einmal zu verzeihen.
Zum Schluß sollen allerdings noch der fast elegische und kurze Beitrag von Alexander Kissler ("Warum sind die Menschen so aufdringlich?", S. 241-244) erwähnt werden, der sich mit uns fragt, weshalb das schriftstellerische Schaffen Patrick Süßkinds praktisch erloschen ist, Süßkind, der 1986 mit "Das Parfum" immerhin einen furiosen Welterfolg gelandet hat und mit dem Buch mithin - was man oft vergisst - explizit einen Kriminalroman geschrieben hatte. Lesenswert ist im Besonderen aber noch vor allem Beate Hinrichs prägnanter Beitrag "Eine Kinderleiche wiegt 50 tote Mafiosi auf" (S. 276-280), in dem sie die zynischen, verlogenen und mithin obszönen Verwertungsmechanismen vieler Kriminalromane offen legt, in denen sexualisierte Gewalt gegen Kinder wohlfeil zum Thema gemacht werden; - und dabei durchaus an konkreten Beispielen ihre berechtigte Kritik nachzuweisen vermag, wie man im Rückblick auf Frau Wolffs Aufsatz zuletzt noch hinzufügen möchte.

Fazit: Das Krimijahrbuch 2007 ist in seinem ganzen für und wider für alle anspruchsvollen Krimiinteressierten eine lohnende Investition! (Denn das Ding kostet immerhin "20 Eier", wie einer unserer Stammkunden so schön sagen würde.)

[ hs/23.05.2007 ]
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