Titel: Rumble Tumble

Lansdale, Joe R. Rumble Tumble

Originaltitel: Rumble Tumble" (The Mysterious Press 1998)
Aus dem Amerikanischen von Richard Betzenbichler

Hap arbeitet als Rausschmeißer in einem Nachtclub und wohnt, seit ein Tornado sein Haus zerstört hat, bei Leonard – sehr zu dessen Mißvergnügen. Haps zweite Stütze ist seine Freundin Brett. Als deren Tochter, eine drogenabhängige Prostituierte, an eine brutale Biker-Gang »verliehen« wird, ist Brett wild entschlossen, sie nach Hause zurückzuholen. Daß sie das allein nicht schaffen kann, ist klar. Leonard besorgt einen Kofferraum voller Waffen und adoptiert nebenbei einen »Sohn«, Hap steuert seine Treffsicherheit und gelegentliche Gewissensbisse bei, und Bretts Mutterinstinkt verwandelt sie in eine Furie. Eine wilde Jagd durch Texas, Oklahoma und Mexiko beginnt.

Autor: Lansdale, Joe R.
Titel: Rumble Tumble
Jahr: 2007-07
Seiten: 218 | Taschenbuch
Verlag: Shayol
ISBN: 978-3-926126-68-9
Preis: 12.90 EUR

Status: Lieferbar

Preis: 12.90 EUR

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Unsere Meinung:

"Auf dem Tisch lag ein Stapel zerlesener Westerntaschenbücher, eines davon aufgeschlagen und mit der Schriftseite nach unten. Daneben stand eine Limoflasche voller Tabakspucke. Auf dem Flaschenhals saß eine Fliege, eine weitere war in der Flasche und offenbar zu dumm, den Ausgang zu finden. Sie summte herum, prallte gegen das Glas, kam aber nicht nach oben zur Öffnung. Nach oben waren ihr keine Grenzen gesetzt, aber sie war einfach zu blöd, das zu erkennen. Schließlich wurde es der Fliege zu bunt. Sie flog nach unten, setzte sich auf ein Stück Kautabak am Boden der Flasche und trieb auf ihrer ekligen kleinen Insel inmitten des Ozeans aus brauner Spucke. Ein paar mal schlug sie noch mit den Flügeln, wie um die Zeit totzuschlagen. Dann hörte sie auch damit auf, saß bloß noch da, verwirrt, überrascht. Eine totale Versagerin.
Ich fühlte mit ihr."
(Joe R. Lansdale: Rumble Tumble, S. 74)


Liebe Freunde des schmutzigen Kriminalromans!

Man kann über den amerikanischen Autoren Joe R. Lansdale sagen, was man will, nur eines nicht: Er nimmt kein Blatt vor den Mund. - Schmutzige Milieus, die Sprache der Gewalt und die ganze Schlechtigkeit der Menschen schlagen einem aus seinen Erzählungen und Romanen so sehr ins Gesicht, daß man sich die Augen reibt und dann schließlich auch zurecht davon abgestoßen sein kann.
Doch Lansdale ist zugleich ein sehr agiler und lustvoller Erzähler, der jeden Bereich des seltsamen und mitunter brutalen menschlichen Zusammenlebens so intensiv ausleuchtet, wo Moralisten schon längst drei Kreuze schlagen oder die Flucht ergreifen. Also lohnt es sich, in seine Bücher hineinzuschauen!
Dreck ist Dreck, Scheiße ist Scheiße und Sex ist Sex, und wer bei vollem Geisteszustande ist, sollte auch davor auch nicht seine Augen verschließen. Dennoch bewegt sich Lansdale in einem heiklen Grenzbereich zwischen kritischer Literatur und reißerischem Schund. Auch diese Geduldsprobe haben nichtsahnende Leser/innen, die den Geschichten des amerikanischen Autoren erstmals begegnen und seinen teilweise Brachialstil noch nicht kennen, zu verdauen ...

So erzählt Lansdale also auch in seiner neuerlichen Gewaltgroteske „Rumble Tumble“ von den sehr ambivalenten Bemühungen der beiden Freunde Hap Collins und Leonard Pine, in einem sehr verwickelten Entführungsfall wieder Gerechtigkeit herzustellen.
Hap, in diesem Serienteil Rausschmeißer in einem ziemlich schmierigen und abgetakelten Nachtclub in Texas, fackelt nicht lange, als ihm seine Geliebte Brett aufgeregt davon berichtet, wie ihre kaum erwachsene Tochter offenbar in die Gewalt von skrupellosen Menschenhändlern geraten ist. Er und sein schwarzer Freund Leonard zeigen sich sogleich wild entschlossen, der verzweifelten Mutter zu helfen, obwohl ihnen klar ist, daß Bretts Töchterlein Tillie eine drogenabhängige Prostituierte ist, die wohl einiges selbst zu ihrem sicher bedauernswertem Schicksal beigetragen hat.
„Hals über Kopf“ packen Hap, Leonard und Brett den Kofferraum ihres Wagens voll mit Waffen, weil sie wissen, daß mit der in Drogen- und Zuhältergeschäfte verwickelten Biker-Gang, die Tillie festhält, nicht zu spaßen ist. Und sie ahnen zudem, daß sie sich auf einen weiten und verschlungenen Weg machen müssen. Denn zunächst gilt es den genauen Aufenthaltsort der verlorenen Tochter ausfindig zu machen. Auf dem Weg dorthin gabelt das Dreiergespann zwangsläufig den Liliputaner Red und seinen Bruder Herman auf. Herman ist ein missionierter Auftragskiller, der sich zum Priester gewandelt hat. Und Red ist ein wahrer Giftzwerg, dem kein Zentimeter über den Weg zu trauen ist. Entsprechend unfreiwillig bzw. gezwungenermaßen setzen sie ihre Suche dann zu fünft fort, was sie nach ihrem Ausflug nach Oklahoma in das westtexanische Grenzgebiet von Mexiko führt, wo die Biker-Gang das Mädchen jenseits der Grenze gefangen halten soll ...

„Mann, wir waren vielleicht ein Team. Ein Rausschmeißer aus Osttexas, eine schwarze Schwuchtel, eine ehemalige Süßkartoffelkönigin, ein fast zwei Meter großer Profikiller im Ruhestand und Ex-Pfarrer mit Übergewicht und ein rothaariger Giftzwerg.“
(Joe R. Lansdale: Rumble Tumble, S. 152)

Und so kommt die schräge und reichlich abgefahrene Geschichte zwischen schmutziger Texas-Mafia und desperater Selbstjustiz unweigerlich und buchstäblich „Holterdiepolter“ ins Rollen. Und man ahnt schon, daß das alles ein blutiges Ende nehmen wird.

Alle Achtung für jede und auch diese Neuveröffentlichung des engagierten Berliner Shayol Verlags, dessen Arbeit wir von Anfang an kritisch begleitet haben. Mit der bisher noch kleinen, aber für deutsche Verlagsverhältnisse im besten Sinne außerordentlichen Krimireihe „funny crimes“, die von dem Übersetzer und Krimispezialisten Richard Betzenbichler herausgegeben wird, bewegt sich Shayol nämlich keineswegs auf einem Gebiet, wo man sich mit Büchern eine goldene Nase verdienen könnte (oder wollte). Im Gegenteil. Gäbe es dementsprechend publizistische Rasierklingen, die Shayol-Mannschaft wäre wohl in der Gesamtheit zumindest glattrasiert.

Auch Lansdale bietet in seinen Romanen gewissermaßen einen Tanz auf der Rasierklinge – wenn man ihn ernst nehmen will. Er bietet speziell in „Rumble Tumble“ sicher keine große Kriminalliteratur, dennoch schildert er wie schon in seinen vorangegangenen Romanen glaubwürdig, nachvollziehbar und vor allem ungeschminkt die brüchige Realität am Bodensatz der amerikanischen Gesellschaft. (Und wenn die so ist, wie sie hier z. B. sich darstellt, dann mag man sich in das Innere des Landes der Träume und unbegrenzten Möglichkeiten eigentlich nur noch mit parlamentarischen Untersuchungsausschüssen wagen.)
Diese Realität ist geprägt von waffenstarrender Gewalt, unversöhnlichem Haß sowie Sex & Crime. Und wem das nicht passt, am Bodensatz der Gesellschaft, der greift selbst zur Waffe und schlägt zu.

„Haargenau“, stimmte Leonard zu. „Wir geben jedem gern was auf die Mütze, und nicht zu knapp. Und bei Bedarf liegen im Kofferraum noch Flinten.“
„Und massenhaft Munition“, ergänzte ich.
„Und wenn das immer noch nicht reicht“, fuhr Leonard fort, „dann reden wir auch noch ordinär daher.“
(Joe R. Lansdale: Rumble Tumble, S. 135)

Rassismus, Sexismus, Gewalt – alles wird hier umstands-, schonungslos und temporeich beschrieben, daß es praktisch schon fast obszön ist, aber wie es sich wohl mitunter oft und tatsächlich abspielt. Dennoch droht aus dieser „Poesie des Abschaums“ weder der „Untergang des Abendlandes“ noch von „God’s Own Country“. Jenen hart- oder „red“näckigen Vertretern des amerikanischen Traums wird hier gerade einmal von ein paar Präriehunden ans Bein gepinkelt, aber wie wir ironischerweise seit diesem Roman wissen: auch diese holt bzw. saugt man – wenn’s sein muß – mühelos aus ihren Löchern.

Am Ende von „Rumble Tumble“ haben die Serienhelden Hap und Leonard erneut ein wildes Abenteuer mit wildem Massaker durchstanden. Und der Leichenberg wurde „Hals über Kopf“ so gründlich aufgeschichtet, daß eigentlich kaum noch Fragen offen bleiben. Dennoch mag sich für Fans die eine Frage stellen, nämlich ob es mit der eigenwilligen Lovestory zwischen Hap und dem „Superweib“ Brett weitergeht. - Wir wollen diese heikle Frage mit ein paar Liedzeilen aus einem der wilderen Beatles-Songs beantworten:

„When I got the bottom I go back in the top of the slide
Where I stop and I turn and I go for a ride
Till I get to the bottom and I see you again.“
(Aus: The Beatles, The White Album, 1968, „Helter Skelter”)

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[ hs/13.08.2007 ]
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