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Schenkel, Andrea Maria KalteisMünchen, Ende der 30er Jahre: Süß und sehnsüchtig ist der Traum vom Glück in der großen Stadt - auch Kathie träumt ihn und entflieht der Enge des dörflichen Lebens. Manch eine ist hier schon unter die Räder gekommen, aber sie wird es schon schaffen. Oder? Dunkelhaarig, kräftig und hübsch ist sie, wie die Frauen, die seit einiger Zeit in München und Umgebung spurlos verschwinden. Der Teufel scheint auf dem Fahrrad unterwegs zu sein. In München und Umgebung werden junge Frauen vergewaltigt und umgebracht. Josef Kalteis ist verhaftet worden, aber gehen wirklich alle Verbrechen auf sein Konto? Wurde vielleicht der Falsche hingerichtet und der Mörder läuft immer noch frei herum? Der Leser verfolgt die Geschichte der Frauen, insbesondere die der jungen Kathie, die ihr Dorf verlassen hat und in München gelandet ist: zwischen ihrer hoffnungsfrohen, naiven Suche nach dem Glück und konkreten existenzielle Sorgen, zwischen Gelegenheitsprostitution und der ersehnten großen Liebe braut sich das Unheil zusammen.
Unsere Meinung:"Der Teufel, der Teufel, der Teufel, im Takt der ratternden Räder des Zuges wiederholt sich dieses Wort immer und immer wieder in ihrem Kopf. Der Teufel, der Teufel." (Andrea Maria Schenkel, Kalteis, S. 12) Andrea Maria Schenkels Roman "Tannöd" war die Überraschung des Krimijahres 2007. Nach diesem großen und bemerkenswerten Debüt stürzt sich die Autorin nun mutig in die Erzählung ihres zweiten Romans: "Kalteis". Die Gegenwartsform "stürzt" ist hier bewusst gewählt, obwohl die Autorin ihren zweiten Roman "Kalteis" wohl schon längst geplant, konzipiert und in großen Teilen geschrieben hatte, bevor sich der Erfolg ihres Erstlings "Tannöd" am literarischen Horizont der Bestsellerlisten abzeichnete. Zumal ist die erzählerische Kraft der Autorin hier präsenter denn je. Und auch ihr Roman, der auf verschiedenen Zeitebenen spielt und wieder aus verschiedenen Perspektiven dargestellt wird, beginnt mit der "Gegenwart" einer geheimen Aktennotiz. München im Oktober 1939: Der Rangierer bei der Reichsbahn Josef Kalteis, Mitglied der NSDAP, wird wegen der Morde an mehreren Frauen, die er seit Anfang der 30er Jahre begangen haben soll, zum Tode verurteilt. Was mit dem brüsken und krankhaften Verlautbarungston eines Nazi-Todesurteils und dem Fallbeil seinen Anfang nimmt, beschreibt Andrea Maria Schenkel fortan akribisch aus der Perspektive der verschiedenen Beteiligten. Da ist im Rückblick seiner Verhöre Josef Kalteis selbst, dem klar ist, dass es bei dieser Justiz sehr schlecht um ihn bestellt ist, der aber in den mehrmonatigen Verhören die ihm vorgeworfenen Taten standhaft leugnet. Er soll Frauen, die mit dem Fahrrad unterwegs waren, in dunklen Ecken Münchens und an der Landstraße aufgelauert haben, sie dann vergewaltigt und bestialisch umgebracht haben. - Für die Nationalsozialisten ist dies ein genauso peinlicher wie ungeheurer Skandal. Denn ein solch teuflisches Verbrechen ist im neu geschaffenen und vorgeblichen Ordnungsstaat der Hitler-Diktatur offiziell ein Unding, das es nach dem Ideal der Volksgemeinschaft niemals geben dürfte. Zumal begangen von einem Mitglied der NSDAP! Zum anderen hören wir in "Kalteis" die Stimmen eines weiblichen Klagechors. Auch hier ist Schenkel vom Erzählprinzip her ihrem Vorgängerroman treu geblieben. Aus der Sicht verschiedener Frauen werden in der Folge aus verschiedenen Erzählperspektiven heraus zwei Männer beschrieben: Der mutmaßliche Mörder Kalteis und der "tatsächliche", geheimnisvolle Frauenmörder. Ist nun aber Kalteis wirklich mit dem bestialischen Serientäter identisch? Während man in den Verhörprotokollen also nachlesen kann, wie Josef Kalteis langsam unter dem Druck der drängenden Fragen psychisch zusammenbricht, geht die Erzählung gleichzeitig zurück auf die verschiedenen Frauenmorde, die sich in den vorangegangenen Jahren in München und Umgegend zugetragen haben. Der makabre Reigen der Opfergeschichten beginnt mit Kathie, dem letzten Opfer, das sich der Frauenmörder ausgespäht hat. Ihre Geschichte wird mit den erwähnten Unterbrechungen chronologisch erzählt, und fast wie in einem Kalender entblättern sich die Verzweiflung ihres ärmlichen Landlebens, ihrer unglücklichen Lebenslage und ihre letzten Tage bis zur Begegnung mit dem Täter. Dabei wird zunächst keineswegs klar, ob Kalteis oder wer tatsächlich der gesuchte Frauenmörder ist, oder ob Kalteis z. B. nur als Sündenbock für eine NS-Lynchjustiz herhalten muß. Wie in einem Puzzle fügt sich erst aus seinen Verhörprotokollen, den Berichten seiner Frau Walburga und der vielschichtigen Erzählung der früheren Mordfälle, die zum Teil viele Jahre zurückliegen, zusammen, was sich tatsächlich zugetragen hat und wer der Täter ist. Dieser Wechsel zwischen einer sehr persönlichen, einer protokollarischen und einer beinahe flirrenden chronologischen Erzählperspektive baut die besondere Spannung des Romans auf. Zudem trifft Schenkel sehr gut den Ton der Zeit und lässt auch sehr unaufdringlich und dezent die sprachlichen Eigenheiten ihrer Protagonisten aus dem einfachen Volk im Bayerischen der 30er Jahre einfließen. Das zum Teil recht bemerkenswert, denn wie lange hat der Rezensent, der selbst aus dem Süddeutschen stammt, schon nicht mehr solche Begriffe im Ohr oder im Mund gehabt wie "Hafen" (Kaffeekanne/-becher) und "Buzerl" (kleines Kind). Gleichzeitig gibt Schenkel damit sehr gut die Naivität und Unbekümmertheit, aber auch die Einfachheit und Direktheit des Landlebens wider. Deutlich wird hierbei: Die Wahrheit kennt verschiedene Geschichten und Deutungen, selbst wenn es um so eindeutige Tatbestände wie die eines Mordes geht. Das haben moderne Erzähler spätestens seit Akira Kurosawas Film "Rashomon" (1951) wieder klar vor Augen. Es ist wirklich bemerkenswert, wie sich Andrea Maria Schenkel mit der kritischen Bearbeitung von wahren historischen Kriminalfällen eine literarische Stimme verschafft. Wie schon in "Tannöd", doch mit noch feineren erzählerischen Mitteln, schildert sie in "Kalteis" eine grauenvolle Mordserie aus der Perspektive der verschiedenen Augenzeugen und Beteiligten. Damit gelingt ihr mehr als zuvor eine genauso bedrückende wie faszinierende Rekonstruktion eines brutalen Verbrechens. Einen Kommissar oder Polizisten gibt es hier nicht. Fast logischerweise, denn die Verbrechen finden in einer Zeit des größten Unrechts statt, in einer Zeit, bei der man über die Urteilsfähigkeit einer vom Nationalsozialismus infizierten und korrumpierten Justiz und ihres Polizeiapparats berechtigterweise mehr als nur zweifeln muß. Wiederum beschreibt Andrea Maria Schenkel in "Kalteis" ein ländliches Milieu, doch nimmt sie hier die rigide Starre einer Gesellschaft dieses Mal aus der Sicht verschiedener Frauenschicksale in den Blick. Das alles klingt vielleicht etwas nach Wiederholung, ist es aber nicht. Stilistisch wie sprachlich hat die Autorin eher dazu gewonnen und dabei noch um einiges zugelegt. Die in sich gewundenen Erzählperspektiven sind hier durch den einerseits sehr chronologischen Ablauf der Ereignisse, andererseits durch die verschiedenen, fast unmerklichen Rück- und Vorblenden um einiges komplexer geworden - dabei aber keineswegs unverständlicher. Und wie schon bei "Tannöd" drängen sich Analogien zu anderen Werken auf, so z. B. bei Motiven des Verhörprotokolls in "Kalteis", die mich unweigerlich an Romuald Karmakars "Totmacher" (Deutschland 1995) erinnerten. So mag mir vielleicht nur eine wichtige Ebene in der Erzählung fehlen: die der Zeitungsberichterstattung. Ein solches Moment wäre vor dem Hintergrund des NS tatsächlich noch aufschlußreich gewesen. Aber möglicherweise doch entbehrlich und wohl letztlich auch ein "Zuviel" im sensiblen Erzählgespinst des Romans. Wenn man dennoch nüchtern bedenkt, wie scharf die heutige Boulevardpresse auf solche Themen ist ("Sex & Crime ist geil!"), so tut sich dagegen zuletzt doch noch die Frage auf, welche Lebensbedingungen immer wieder zu solch beschädigten Psychen führen, die dann das Schicksal anderer wie aus dem Nichts auslöschen? Und aus welchen Lebenszusammenhängen stammen die Opfer, deren zum Teil grotesken Hoffnungen auf ein besseres und gutes Leben im Keim erstickt und abgetötet werden? "Kalteis" hat darauf eine buchstäblich sehr kühle Antwort gegeben. [ hs/06.08.2007 ]
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Krimi-Specials
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