Titel: Am Strand

McEwan, Ian Am Strand

Originaltitel: On Chesil Beach (Jonathan Cape: London 2007)
Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben

Das Schlimmste am Heiraten ist die Hochzeitsnacht. Zumindest für Edward und Florence, 1962 im prüden England. Begierde und Befangenheit, Anziehung und Angst sind miteinander im Widerstreit in der Hochzeitssuite mit Blick aufs Meer. Die Nacht verändert das Schicksal der Liebenden für immer.

Ian McEwan, geboren 1948, lebt in London. Schon seine ersten Erzählungen wurden 1976 mit dem Somerset-Maugham-Award ausgezeichnet. 1998 erhielt er den Booker Preis für Amsterdam, im Jahr darauf den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für das Gesamtwerk. Abbitte erhielt nicht nur amerikanische und britische Preise, sondern wurde außerdem 2004 in Santiago de Compostela als Bester Europäischer Roman ausgezeichnet. Ian McEwan ist Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences.

Autor: McEwan, Ian
Titel: Am Strand
Jahr: 2007-06
Seiten: 208 |
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06607-4
Preis: 18.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Jupiter lacht aus der Höhe über die Meineide der Liebenden und läßt sie bedeutungslos im aeolischen Südwind verwehen."
(Ovid, Liebeskunst, Erstes Buch)

Tragisch-melancholische Liebesgeschichte, die im stockkonservativen England Anfang der 60er Jahre spielt: Edward und Florence, ein recht junges und eher zaghaftes Liebespaar, haben sich entschlossen, den Bund der Ehe einzugehen. Doch bis zu ihren Flitterwochen am Meer von Chesil Beach haben sie ihre Liebe weder körperlich vollzogen noch realisiert, wie sie seine Begierden, ihre Schüchternheit und Zurückhaltung und nicht zuletzt die gesellschaftlich geforderte Norm der ehelichen Pflichterfüllung unter einen Hut bringen sollen. Schon bald quälen die beiden vielfältige Ängste. Die Irrungen und Wirrungen der Liebe überfordern beide letztlich so sehr, dass sie sich bald heillos verrennen. Bis es dann passiert...

Und hier hält der Krimi-Rezensent, der den Autoren McEwan und seine Innenansichten des Bösen im Menschlichen außerordentlich schätzt, erst einmal ironisch inne, um eine Passage zu zitieren, mit der sich dieser seltsam bedrückende `Roman sentimental´ mit all seinen Motiven mühelos in einem Kriminalroman verwandeln könnte.
– Obwohl taufrisch vermählt, macht Florence ihrem Gemahl Edward nämlich nach einem genauso plötzlichen wie längeren, verletzenden Zerwürfnis den merkwürdigen Vorschlag, der gemeinsamen Ehe in Zukunft den sexuellen Vollzug doch zu ersparen und dafür ihm, Edward, sexuelle Ersatzbefriedigungen bei anderen Frauen zu verschaffen. Die Situation kulminiert:

Die untere Wolkendecke riß wieder auf, und obwohl kein direktes Mondlicht einfiel, wanderte ein schwacher, von einer höheren Wolkenschicht gedämpfter Schimmer über den Strand und erreichte auch das Paar, das neben dem mächtigen, entwurzelten Baum stand. In seiner Wut bückte sich Edward, um einen großen, glatten Stein aufzuheben, den er in seine rechte Hand klatschte, dann in seine Linke.
Er schrie jetzt fast. „`Mit meinem Leib verehre ich dich!´ Das hast du mir heute versprochen. Vor allen Leuten. Begreifst du nicht, wie widerlich und lächerlich dein Vorschlag ist? Und wie du mich damit beleidigst? Mich beleidigst, mich! Ich meine, ich …“ Er suchte nach Worten. „Wie kannst du es wagen!“
Er machte einen Schritt auf sie zu, die Hand mit dem Stein erhoben, dann...
(Ian McEwan, Am Strand, S. 194)

Na, was denken Sie? Schlägt er ihr mit dem Stein den Kopf ein? - In Ian McEwans kleinem Meisterwerk "Amsterdam" nahm die Romanhandlung aus einem schwierigen Beziehungsgeflecht heraus genau eine solche Wendung. Ohnehin scheint der britische Schriftsteller offenbar einen Hang zur düsteren psychologischen Kriminalliteratur zu hegen. Doch gleichzeitig stellt McEwan immer wieder seinen scharfen Blick für die kleinen Veränderungen im Denken und Fühlen des 20. Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart unter Beweis. Man reibt sich die Augen, aber das, was er hier in einer beinahe ätherischen Erzählung heraufbeschwört, lag schließlich noch bei unseren Elterngenerationen wie ein düsterer Alpdruck auf den Denk- und Gefühlswelten.

Der Fortgang jener Strandepisode wird Ihnen hier natürlich nicht verraten. Nur soviel noch: "Am Strand" ist sicher nicht Ian McEwans stärkstes Buch, dennoch lohnt sich die Lektüre hier wie bei jedem seiner Romane allemal, da seine Figuren wieder einmal auf unvergleichliche Weise am Abgrund des Wahnsinns, der Bösartigkeit und des Schlechten in der Welt entlang spazieren wie an einer Strandpromenade des Hades...

[ hs/24.07.2007 ]
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