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Bacher, Christina (Hrsg.) Jazz in Crime, Taschenkalender 2008Was Bill Moody, Raymond Chandler, Miles Davis und John Coltrane gemeinsam haben, ist der Ausdruck ihrer Abgründe in der Kunst. Was für den einen die Literatur ist, ist für den anderen die Musik. Für manche, wie dem Schlagzeuger und Autor Bill Moody, ist beides untrennbar miteinander verbunden. "Um authentisch über Jazz schreiben zu können, muss der Schriftsteller sich völlig in diese Welt versetzen oder ihr immerhin so nahe sein, dass er fast ein Teil von ihr ist." Während Moodys Romane in verrauchten Bars und Jazzkneipen spielen, benötigt Raymond Chandler diese Kulisse nicht. Er hat den "Flow" in der Feder und den Swing in der Sprache - Jazz zum Lesen?
Unsere Meinung:"Wer Musik macht, hat eine Idee von der Ewigkeit."
(Wayne Shorter) "Musik spült gegen die Gedankenküste." (Karl Kraus) Als ich den neuen "Kalender für Kriminalliteratur" in die Hände bekam, machte ich zunächst folgende erstaunliche Feststellung: Die 366 Tage des nahenden Schaltjahres 2008 auf den 154 Seiten des Kalenders waren in kaum mehr als zwei Stunden durchgelesen. Dabei ist er gegenüber seinem Vorgänger 2007, "Art in Crime", nur um wenige Seiten schmaler geworden. Aber vielleicht zeigen u.a. gerade die fehlenden sechs Seiten und die Gewichtung der Beiträge, wie schwer es war, zum Thema "Jazz in Crime" geeignete Texte zusammenzutragen. Folgerichtig fragt im Anfangsteil des kleinen Büchleins einer der Herausgeber, Harald Justin, in seinem kleinen Essay "Schwarzer Stoff, weiße Buchstaben": "Was ist ein Jazz-Krimi? Reicht es, wenn statt Diamanten oder Raubvogel-Plastiken Saxofone und Trompeten zu Objekten der Begierde krimineller Energie erklärt werden?" (S. 38) Nun ist es nicht selten ein schlechtes Zeichen, wenn ein Text zur Selbstrechtfertigung ansetzt. Und der dünne Kalender stellt leider auch bis zum Ende keinesfalls unter Beweis, dass er diese Frage in den Griff bekommen hat, also sein zunächst oberflächliches Motiv wirklich zu durchdringen und die vorgeblich enge Verwandtschaft zwischen dem Musikgenre Jazz und dem Literatur- und Filmgenre Krimi unter Beweis zu stellen. Natürlich denkt der aufgeschlossene Leser bei der Verbindung Jazz und Krimi oft gleich an Filme wie "Fahrstuhl zum Schafott" (Frankreich 1957; Regie: Louis Malle) mit der Musik von Miles Davis oder auch an amerikanische Filmklassiker wie "Anatomie eines Mordes" (USA 1959; Regie: Otto Preminger, Musik: Duke Ellington), in denen Jazz den Ton angab. Die Verbindung von Film und Soundtrack erscheint dabei zwangsläufig auch viel näher als die Verbindung "Kriminalroman und Begleitmusik". So gerät man bei dem Motiv Jazz in der Literatur im allgemeinen und Jazz in der Kriminalliteratur im besonderen normalerweise unweigerlich ins Stutzen. Natürlich sind die Kriminalromane des Jazz-Musikers Bill Moody da hervorzuheben und tatsächlich auch der besonderen Erwähnung wert. Aber wie viele kennen Bill Moody, dessen sehr lesenswerten Romane allerdings teilweise und in bitterer Folgerichtigkeit leider nicht mehr alle lieferbar sind? Als Leitbild für ein Subgenre taugt er deshalb nicht - bis er nicht von einem größeren Publikum gelesen wird . . . Ein weiterer Zeitzeuge der künstlerischen Genre-Verschmelzung stellt für die Herausgeber Klaus Doldinger dar, der hinsichtlich des Krimi-Genres mit seiner Tatort-Titelmelodie ein unvergessliches, immer wieder Gänsehaut erzeugendes musikalisches Motiv erschaffen hat. Doch bei all solchen Annäherungsversuchen gewinnt man nicht das Gefühl, dass die Textauswahl auch nur annähernd erschöpfend die selbst gesetzte Vorgabe einlöst, dass es da doch irgendwie mehr als eine Ahnung, also eine zwingende Verbindung zwischen beiden Genres geben müsse. Irgendwie fehlt es also an dem Hauptzeugen zur Untermauerung der eigenen Behauptungen. - Für ein ganzes Jahr 2008 soll man sich also einer vagen Hoffnung oder Ahnung hingeben? So kennzeichnet die Beiträge zwar die interpretatorische Entschiedenheit, jene spezielle Musik und jene besondere Literatur gedanklich zusammenzuführen, doch überzeugend wirkt das leider nicht. Vor allem nicht als thematische Begleitung durch das Kalenderjahr. Denn dazu fehlt es dem kleinen Kalendarium einfach an Informationsfülle und spielerischer Lust, die Kalendertage motivisch weiter anzureichern und nur zum Beispiel mit treffenden Zitaten oder denkwürdigen Daten anzufüllen. Gestaltet ist der Kalender übrigens nicht nur durch Texte, sondern auch durch die Grafiken und Vignetten des Künstlers Robert Nippoldt, die wiederum sehr Geschmackssache sind. Unter den Texten ragen meiner Meinung nach der Beitrag von Ralf Koss über "Bill Moody - Autor und Schlagzeuger" heraus und dazu Harald Justins kleine Hommage an den österreichischen Krimischaffenden "Ostbahn-Kurti" Günther Brödl, der leider sehr früh am 10.10.2000 das Zeitliche gesegnet hat. Auch die kalendarisch zweigeteilte Erzählung "Beneath the Underdog" von Charles Mingus verdient hier Erwähnung. Vielleicht wurde das Kalendarium letztlich auch mit zu heißer Nadel gestrickt: Neben auffällig vielen Tippfehlern vermisste ich in der Literaturliste so z.B. auch die Unterscheidung zwischen momentan vergriffenen (mithin also nur noch antiquarischen) und aktuell lieferbaren Büchern. Außerdem hätte die Bibliographie durchaus noch ausführlicher sein können: Toni Morrisons "Jazz", Roddy Doyles "Jazz Time", Katja Henkels "Lavons Lied", Jean Echenoz "Cherokee", Harold Nebenzals "Café Berlin", Dan Turélls "Mord in der Dämmerung", dazu weitere Romane von Janwillem van de Wetering und, und und, mögen einem neben anderen Romanen noch auf Anhieb zur Ergänzung einfallen. (Dementsprechend war auch dabei die Auswahlbibliographie im "Art in Crime"-Kalender 2007 übrigens weitaus gründlicher und erschöpfender.) Und wem in einer Musikzusammenstellung nur weniger als 20 Hinweise oder Empfehlungen einfallen, der sollte sich in Zukunft vielleicht mit Konzeptkalendern besser zurückhalten. Besserwisserei? - Das Gesagte ist schlicht Ausdruck tiefer Unzufriedenheit! (Denn ich hätte einen solchen Kalender in brauchbarer Form durchaus gerne in der Tasche!) Zum objektiven Nutzwert des Kalenders: Hier gilt für den interessierten Kalendernutzer im Grunde das gleiche wie im letzten Jahr. - Wer seinen Taschenkalender gleichzeitig als "Tagebuch" in Kurzschrift nutzt oder wirklich viel in seinen Kalender hineinzuschreiben hat, dem muß man wohl von dem wieder recht dünnen 154seitigen Kleinkalender im verkleinerten Postkartenformat (16 x 10 cm) abraten. Wer aber nur grundsätzliche Orientierung in seinem Terminwirrwarr sucht, dem bietet jeder Kalenderseite (eine Kalenderseite = 1 Woche) wohl genügend Platz, um sich eine gewisse Vorstellung von der eigenen Zukunft zu machen. Fazit: Wer den vorangegangenen Krimikalender "Art in Crime" 2007 (vgl. Rezension vom 17.01.2007) schätzen gelernt hat, wird auch hier für sich einen recht brauchbaren kleinen Notizkalender und im besten Fall eine Agenda nach dem eigenen Geschmack vorfinden. Ich persönlich hoffe allerdings auf wieder bessere Kalenderzeiten und -seiten 2009. [ hs/24.10.2007 ]
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Krimi-Specials
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