Titel: Mensch ohne Hund

Nesser, Hakan Mensch ohne Hund

Originaltitel: "Människa utan hund" (Albert Bonniers: Stockholm 2006)
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt.

Trautes Heim, Glück allein? Es ist Dezember in Kymlinge, einem kleinen verschneiten Dorf in Schweden. Familie Hermansson ist zusammengekommen, um zwei Geburtstage zu feiern: den fünfundsechzigsten von Vater Karl-Erik – Lehrer von Beruf, Bildungsbürger par excellence und gerade erst pensioniert – sowie den vierzigsten der ältesten Tochter Ebba, erfolgreiche Ärztin, Mutter zweier halbwüchsiger Söhne und ihrer Ansicht nach weit unter Stand mit einem Supermarktleiter verheiratet. Zu den Feierlichkeiten erwartet werden zudem die jüngste Tochter Kristina, die beim Fernsehen arbeitet, und ihr Ehemann, ein karrierebewusster TV-Produzent, mit dem sie einen kleinen, leicht autistischen Sohn von zwei Jahren hat. Und schließlich gibt es da noch das schwarze Schaf der Familie, Sohn Walter, der den Jubilaren schon im vorhinein einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, indem er das geplante rauschende Fest mit zahlreichen Gästen in eine traute Feier im kleinen Rahmen verwandelt hat – zu peinlich erschien Familienoberhaupt Karl-Erik Sohn Walters unrühmliches Verhalten im schwedischen Fernsehen, wo er bei einer Art Dschungelcamp in Übersee mitgemacht hat: Dummerweise wurde er publikumswirksam beim Onanieren erwischt und geistert nun als "Wichs-Walter" durch alle Gazetten …

Inspektor Barbarotti Bd.1.

Autor: Nesser, Hakan
Titel: Mensch ohne Hund
Jahr: 2007-08
Seiten: 544 | Hardcover
Verlag: btb
ISBN: 978-3-442-75148-8
Preis: 19.95 EUR

Status: Vergriffen

Preis: 19.95 EUR

Unsere Meinung:

"Ein Rätsel also: Wir haben zwei Personen, einen Onkel und einen Neffen. Gemeinsam mit einigen weiteren Verwandten kommen diese ein paar Tage vor Weihnachten zusammen, um ein Familienfest zu feiern. In der ersten Nacht löst sich der Onkel spurlos in Rauch auf. In der nächsten Nacht löst sich der Neffe spurlos in Rauch auf. Warum?"
(Hakan Nesser, Mensch ohne Hund, S. 325)

Ja, warum? Soviel sei zunächst verraten: Der über fünfhundertseitige und dabei keineswegs langatmige Kriminalroman stellt ein sehr ungewöhnliches und tragisches Familien- und Psychodrama dar, das einen bleibenden Eindruck hinterläßt. Will sagen: Man legt das Buch nach vollendeter Lektüre ganz bestimmt nicht einfach so beiseite. Denn mit "Mensch ohne Hund" legt Hakan Nesser weit mehr als ein konventionelles Krimirätsel im Stile klassischer Whodunnits vor.

Der Roman, den man auch mit "ein kleinbürgerliches Trauerspiel" untertiteln könnte, ist die Geschichte einer Familie, die an sich selbst leidet, und sie beginnt mit den morgendlichen Bettgedanken der Mater familias Rosemarie Wunderlich Hermansson, die mit dem Lehrer und Schulleiter Karl-Erik Hermansson verheiratet ist und drei Kinder - Ebba, Walter und Kristina - in die Welt gesetzt hat Die Kinder wiederum sind inzwischen allesamt erwachsen, selbst verheiratet und haben zum Teil eigene ausgewachsene Kinder. Rosemaries morgendlicher Gedankengang gestaltet sich insgesamt sehr morbide und gleichzeitig nimmt er die kommenden Ereignisse in gewisser Weise wie in einer düsteren Prophezeiung vorweg.

Es ist Vorweihnachtszeit. Doch das bedeutet für die Familie Hermansson immer auch das Familientreffen anlässlich der Geburtstage am 21.12. sowohl von Vater Karl-Erik, als auch von seiner ältesten Tochter Ebba.
Doch in der Zeit vor dem nun neuerlich anstehenden Familientreffen ist einiges vorgefallen, was die Familie bis ins Mark erschüttert hat. Ihr Sohn Walter, ein verhinderter Schriftsteller und Bohémien, hat sich auf eine exotische Fernseh- und Inselshow à la "Big Brother" eingelassen und dort vor laufenden Kameras onaniert. Das kann die Familie ihm, der in der schwedischen Boulevardpresse seither als "Wichs-Walter" tituliert wird, nicht verzeihen, und das konnten die Eltern Karl-Erik und Rosemarie bis dahin nicht verwinden. Karl-Erik ließ sich pensionieren und hat für sich - im einsamen Entschluß gegen seine Frau - beschlossen, das "gemeinsame" Altenteil im südlichen Spanien zu verbringen. Rosemarie verzeiht ihrem Mann diese eigenwillige Entscheidung nicht und hegt seither düstere Gedanken. Auch die anderen Familienmitglieder reisen aus jeweils anderen Gründen kaum froher gelaunt zum Familienfest an.

Aus dieser Konstellation heraus entfaltet sich ein überaus komplexes Familiendrama, daß sich mit dem kurz aufeinander folgenden Verschwinden Walters und Ebbas Sohn Henrik zum Kriminalfall entwickelt.
Und an dieser Stelle - im Buch ist es bemerkenswerter Weise erst die Seite 193 - taucht Hakan Nessers neuer kommissarischer Held auf: Inspektor Gunnar Barbarotti. Er und seine Kollegen in der (fiktiven) schwedischen Kleinstadt Kymlinge stehen gleich vor zwei ungelösten Rätseln: In der einen Nacht verschwindet der Onkel, in der darauffolgenden Nacht sein Neffe spurlos. Buchstäblich spurlos, denn es wird fast ein ganzes Jahr dauern, bis Barbarotti den Hintergründen durch einen Zufall auf die Spur kommen wird . . .

Hakan Nesser hat mich mit diesem zunächst tragi-komischen, dann bitterbösen Buch wirklich überrascht. Nach mehreren eher schwer verdaulichen Romanen, angefangen von der verquasten Dreiecksgeschichte in "Barins Dreieck" bis hin zu dem - na ja - philosophischen "Die Fliege und die Ewigkeit", überzeugt der schwedische Autor plötzlich wieder durch einen psychologisch ausgefeilten Kriminalroman, der nicht nur viel Spannung erzeugt, sondern beim Leser auch so etwas ernsthafte Zweifel über die Mechanismen unseres alltäglichen Zusammenlebens streut.
So hat praktisch jeder in der Familie Hermansson ein Geheimnis. In der ersten Generation die Großmutter Rosemarie ihren Lebensfrust und Großvater Karl-Erik seine Todesahnung. In der zweiten Generation die als Chirurgin arbeitende Ebba zwar zwei prächtig heranwachsende Söhne, aber auch die latente Unzufriedenheit und das gekränkte Statusempfinden angesichts ihres Mannes Leif Grundt, einem eher einfältigen, aber geradlinigen Supermarktleiter. Dazu kommt ihre Schwester Kristina, die darüber nachdenkt, sich trotz eines gemeinsamen kleinen Sohnes von ihrem despotischen und zur Gewalt neigenden Ehemann, dem Fernsehproduzenten Jakob Willnius, zu trennen. Schließlich noch Bruder Walter, der unsägliche Tropf, der die Familie in aller Öffentlichkeit durch seine sexuellen Eskapaden unwiderruflich blamiert hat.
Nicht zu vergessen die dritte Generation, vor allem die Söhne Ebbas, nämlich der vierzehnjährige Kristoffer und der knapp zwanzigjährige Hendrik. Und so wie alle in der Familie ein Geheimnis mit sich herumtragen, wird es auch Kristoffer lange Zeit für sich behalten, dass sein Bruder Hendrik zuletzt homoerotische Tendenzen zeigte und sich dennoch kurz vor seinem Verschwinden offenbar mit einer Frau verabredet hatte. Er wiederum kennt Hendriks Geheimnis nicht, nämlich dass diese Frau die gemeinsame (attraktive) Tante Kristina ist . . .

So sind es letztlich die fragwürdige Sexualmoral bzw. der leichtfertige Umgang mit Sexualität, welche die Familie Hermanssohn ins Unglück stürzen. Dabei entfaltet Hakan Nesser ein beeindruckendes Sitten- und Gesellschaftsgemälde, das eben nicht zuletzt die weithin hoffnungslos ausverkaufte Beziehungs- und Sexualmoral unserer Gegenwart offen legt.
Vor diesem Hintergrund fataler Beziehungsgeflechte erschafft der schwedische Autor fast nebenbei einen neuen Krimihelden, und das offenbar mit solcher Lust und Erzählfreude, dass man dies gerne und gespannt nachvollzieht.
"Mensch ohne Hund" ist deshalb fraglos eine Empfehlung wert, wenngleich der Roman wieder einmal so typisch skandinavisch wirkt, dass man Krimifreunden mit anderen Vorlieben von diesem Buch beinahe abraten muß. Dennoch mag der Roman auch für quasi skandinophobe Leser/innen eine Empfehlung wert sein, schon weil Nesser weitgehend wertfrei versucht, die Realitäten seiner Figuren abzubilden, ohne daraus ein moralinsaures Konzentrat oder eine Stimmung des Weltschmerzes herzustellen, wie es z.B. Henning Mankell zuletzt oft vorzuwerfen war.

[ hs/27.08.2007 ]
-

Krimi-Specials

Ansehen

Warenkorb:

  • Lieferzeiten
    • Wochentags:
      Bis 18:00 Uhr bestellte Bücher sind am folgenden Morgen versandfertig und verlassen dann die Buchhandlung.
      Wochenende:
      Bücher die zwischen Freitag (nach 18:00 Uhr) und Sonntag bestellt werden, sind erst Dienstagmorgen versandfertig und verlassen die Buchhandlung. Ausnahme: Die Bücher sind im Hammett vorhanden.
  • Angekündigte Bücher
    • Diese Titel können Sie jetzt schon normal über unsere Warenkorbfunktion bestellen. Sobald das Buch erhältlich ist, erhalten Sie von uns nochmal eine E-Mail, daß Ihre Ware versandfertig ist.
  • Versandkosten
    • -
      Der Versand von neuen Büchern innerhalb Deutschlands ist für Sie bei uns versandkostenfrei.