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DeMarinis, RickKaputt in El PasoOriginaltitel: "Sky Full of Sand" (Dennis McMillan, Tucson 2003)
Unsere Meinung:"Sie müssen Ihre PIN eingeben", erklärte mein Begleiter und zeigte auf eine Tastatur oberhalb der Fahrstuhlknöpfe.
"Keine PIN, keine Weiterfahrt." "Pin?", fragte ich. "Wenn Sie keine persönliche Identifizierungsnummer haben, müssen Sie hier aussteigen, im siebenundzwanzigsten Stock ist Endstation. Das Penthouse ist für die Allgemeinheit nicht zugänglich." Er tippte seine PIN ein und hielt die Türen für mich offen. "Die Tollwut soll euch holen", sagte ich und winkte, als die Türen sich schlossen und sein ungerührtes Fuchs-Starren ausblendeten. Ich ging einen mit Teppichboden ausgelegten Flur entlang, vorbei an Bürotüren, sowohl zur Rechten als auch zur Linken. Mehrere Türen führten in Konferenzzimmer. Ovale Tische mit Stühlen. Podeste. Leinwände. Ein Konferenzzimmer war belegt. Ich öffnete die Tür einen Spalt und linste hinein. Anzüge unterhielten sich mit Anzügen. Anzüge machten sich Notizen, Anzüge öffneten Aktenkoffer. Anzüge stocherten in ihren Nasen. Anzüge veränderten ihre Sitzposition und ihre Mimik, um Überdruss und Überlegenheit anderen Anzügen gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Am Ende des Ganges, hinter den Konferenzräumen, befand sich eine Tür mit dem Schild "Notausgang", dahinter eine schmale Treppe. Ich stieg die schmale Stahltreppe zum Penthouse hoch. Ein "Zutritt verboten"-Schild markierte die Feuerschutztür. Natürlich ignorierte ich dieses Schild und drückte die Klinke. Die Tür war nicht verschlossen. (Rick DeMarinis "Kaputt in El Paso", S. 188-189) Wer nach deutschen Übersetzungen des hierzulande eher unbekannten und in den USA umso einflussreicheren Krimiautoren Rick DeMarinis sucht, wird Pech haben oder eben auf sein vor Jahren bei Piper erschienenes Buch "Das Jahr des Zinkpennys" stoßen. Der kleinen Berliner Krimischmiede Pulp Master ist es nun zu verdanken, den amerikanischen Autoren, der den Vergleich mit Autoren wie James Lee Burke, James Crumley oder Charles Willeford nicht scheuen muß, mit einem herben Stück Kriminalliteratur in Deutschland neu einzuführen. Uriah Walkinghorse, ein abgetakelter Bodybuilder, der einst als Mister West Texas auf der Höhe seiner Muskelmasse war, fristet seine nun illusionslose Existenz als Hausmeister in einem heruntergekommenen Apartmentkomplex in El Paso. Seit einiger Zeit macht er sich aber tieferschürfende Gedanken über sein bisheriges Leben und merkt, daß er mitten in einer Midlife-Crisis steckt. Auch ödet ihn sein Umfeld an. "Trivialwissen klebt an meinem Hirn wie statisch aufgeladener Staub." (Rick DeMarinis, Kaputt in El Paso, S. 25) Daß das Leben zwar kein Scherz ist, aber dennoch ziemlich viel schwarzen Humor für einen bereit hält, geht Uriah auf, als er über eine fast surreale Barbekanntschaft für einen überaus gutdotierten, aber reichlich seltsamen Job in einem Dominastudio als "Henker" angeheuert wird. Der Sex-Job geht schon beim ersten Mal schief. Denn das Herz eines angesehenen Bankers und Bürgers El Pasos hört bei den Sexspielchen auf zu schlagen. "Reiche schlafen, wo sie wollen, wie Katzen." (Rick DeMarinis, Kaputt in El Paso, S. 52) Durch diesen für alle überraschenden Exitus völlig ins Schlamassel gerät Uriah selbst allerdings erst, als er sich gegenüber seiner Chefin voller schlechtem Gewissen bereit erklärt, die Leiche zu beseitigen und für einen standesgemäßen Totenschein zu sorgen. Da er nicht ahnt, was der Banker mit der tödlichen Nummer im wirklichen Leben für eine Nummer war, erwischt es ihn zwangsläufig kalt, daß er es bald mit der regionalen Drogenmafia der Narcoficantes zu tun bekommt . . . Im Überblick auf die allgemeine Krimiproduktion des Jahres 2007 darf Rick DeMarinis fraglos als Geheimtipp gelten. Ein Muß ist der Autor sicher für alle, die den Verlag Pulp Master über die Kriminalromane von Garry Disher oder Charles Willeford entdeckt haben. "Kaputt in El Paso" entpuppt sich als eine amerikanische schwarze Komödie, deren Wortwitz zwar nicht immer zünden mag und deren Lebensweisheiten und Sinnsprüche vielleicht ein wenig zu sehr im lakonischen Weltschmerz des Helden aufgehen. Doch wo sich mancher vielleicht stellenweise an eine genauso anarchische wie harmlose Krimisatire wie "The Big Lebowski" erinnert fühlen mag, so ist DeMarinis keinesfalls zimperlich, wenn es darum geht, um einiges härter an die amerikanischen Realitäten heranzugehen und darüber u. a. die unbarmherzigen Grenzziehungen zwischen Arm und Reich im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet aufzuzeigen. Hart an der Grenze bewegen sich auch seine Figuren, Typen, denen man in einer texanischen oder mexikanischen Bar definitiv aus dem Weg gehen sollte. Fazit: Für Hard-boiled-Fans wohl bald kein Geheimtipp mehr. P.S.: Als Nächstes hat sich der Rezensent übrigens vorgenommen, die Herbstneuheit 2007 von Gabriel Trujillo Muñoz "Erinnerung an die Toten" (Unionsverlag) zu lesen. Der Klappentext und ein erster Einblick in den Inhalt verspricht, diese oder eine ähnliche Geschichte von der anderen - der mexikanischen - Seite zu erzählen ... [ hs/12.09.2007 ]
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Krimi-Specials
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