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Cayre, Hannelore Der LumpenadvokatOriginaltitel: Commis d' office
Status: Vergriffen Preis: 12.90 EUR Unsere Meinung:„Advokaten, die Bratenwender der Gesetze, die so lange die Gesetze wenden und anwenden, bis ein Braten für sie abfällt.“ (Heinrich Heine)
„Juristen sind Leute, die die Gerechtigkeit mit dem Recht betrügen.“ (Harold Pinter) Christophe Leibowitz ist ein genauso abgetakelter wie ausgebuffter Pariser Winkeladvokat, den sein Leben mindestens genauso ankotzt wie sein Berufsstand. Als Pflichtverteidiger hat er es mit dem so genannten Abschaum der französischen Gesellschaft zu tun. Als armer Jurist unter vielen gutbetuchten Juristen mit reichen und prominenten Klienten weiß er aber, dass es noch viel größeren Abschaum gibt. Eines Tages wird Leibowitz die große Chance gegeben, selbst groß abzusahnen. In einem genauso gewagten wie gut geplanten „Prison Break“ soll er als Pflichtverteidiger eines üblen Schurken diesen während eines Gefängnisbesuchs mittels Rollentausch aus dem Knast holen. Im Zuge dieses Gefängniseinbruchs muß er zwar damit rechnen, selbst für längere Zeit eine Strafe absitzen zu dürfen und seinen hassgeliebten Beruf an den Nagel hängen zu müssen. Doch dieses Risiko wird ihm mit ziemlich viel Geld versüßt. Daß er sich mit diesem Coup aber zunächst mitten hinein in die Scheiße manövriert und schon bald nur knapp dem Tod entgeht, ist nur eine Folge seiner genauso fatalistischen wie ausgefuchsten Lebensmentalität … „Der Lumpenadvokat“ ist der erste Kriminalroman, der von Hannelore Cayre in Deutschland erscheint. Nun ist der Roman weniger viel versprechend als noch-mehr-versprechend. Die schmutzige Innenansicht, die die Autorin hier von dem französischen Justizsystem (oder eher Justizgebaren?) liefert, lässt sich unterdessen genretypisch schwer zuordnen. Die ganze Haltung der 154seitigen „Story“ ist zwar sarkastisch und „noir“. Dennoch weht ein Hauch der Gesellschaftsreportage durch die Romanseiten. Überdies fehlt dem Plot seltsamerweise auch die weibliche Protagonistin (und Perspektive), die für die Konstruktion des Noir-Romans sonst so wichtig ist. Und schließlich lässt mich bei diesem genauso kurzen wie deftigen Roman ein Gefühl nicht los: Das kann es ja irgendwie nicht gewesen sein. Die Story macht nur als Aufhänger zu einer ganzen Serie Sinn. Zurecht kündigt der Unionsverlag deshalb gleich noch weitere Geschichten um den „Lumpenadvokaten“ Leibowitz an. Denn Hannelore Cayre, Französin österreichisch-französischer Abstammung (daraus erklärt sich der landesuntypische Vorname), die wie ihr Protagonist Leibowitz in Paris selbst als Strafverteidigerin arbeitet, hat bereits mehre Romane um ihren Helden geschrieben und geplant. Der Antrieb und die Motivation zu ihren Romanen klingt in folgendem Zitat durch, das einem (zu) kurzen Interview am Ende von „Der Lumpenadvokat“ entnommen ist: FRAGE INTERVIEWER: Sie sind selbst Anwältin. Was ist abwegiger: Die Fiktion in Ihrem Roman oder die Realität in Ihrem Job? ANTWORT HANNELORE CAYRE: Die Realität. Bei Weitem! Im Roman wollte ich, dass alles plausibel ist. In der Wirklichkeit erlebt man aber unglaubliche Fälle. Bei den rund achtzig Personen jeden Tag, die vor Gericht erscheinen, kommen verblüffende Geschichten vor. Vor kurzem habe ich eine Tunesierin verteidigt, die eine Geschlechtsumwandlung wollte, weil sie genug davon hatte, wie im Islam die Frauen behandelt werden. Erstaunlicherweise ist sie, während sie sich in einen Mann umgewandelt hat, zum Islamisten geworden. Um die Operation bezahlen zu können, hat sie Betrügereien begangen. Bis man sie gefasst hat. Wohin nun mit ihr? Im Gefängnis bei den Männern lief sie Gefahr, vergewaltigt zu werden. Bei den Frauen wollte sie auch keiner, denn sie trug einen Bart und war Islamist. Man hat sie schließlich auf freien Fuß gesetzt. Wenn ich das in einem Roman erzähle, würde jeder sagen, ich übertreibe. (Zitiert aus: „In diesem Beruf braucht man eine große Klappe“. Interview mit Hannelore Cayre, in: Hannelore Cayre, Der Lumpenadvokat, S. 153.) Vor diesem Hintergrund ist „Der Lumpenadvokat“ insgesamt ein recht ungewöhnlicher, scharfsinniger und deshalb empfehlenswerter Kriminalroman, der hierzulande eigentlich nur in Verlagen wie dem Unionsverlag veröffentlicht wird bzw. werden kann. In seiner ganzen Art nimmt sich der Roman in der Stromlinienform der deutschen Krimilandschaft dann auch aus wie der Vergleich einer kantigen 2CV („Ente“) mit einem deutschen Auto der oberen Mittelklasse … Empfehlen würden wir das Buch deshalb in erster Linie nur Juristen (als Kopfkissenbuch) … … Nur ein Scherz! – Nicht jeder möchte sich allerdings mit seiner Lektüre im Schmutz der Gedankenwelt von üblen Kriminellen oder fragwürdigen Juristen wälzen, sich über die Redlichkeit und Unredlichkeit eines vorgeblich demokratischen Justizsystems in moralische Verwirrung stürzen lassen oder sich einfach nur über üble Schicksale und mithin ihre üblen Handlungen einen Kopf machen. Als schlichte Unterhaltungslektüre ist „Der Lumpenadvokat“ also kaum geeignet, obwohl das Buch recht witzig, sarkastisch und realitätsnah geschrieben ist. Doch vor allem für einen großen Kreis von Noir-Fans mag das „schmutzige“ Büchlein der Beginn einer großartigen Freundschaft mit einer hoffnungsvollen Autorin werden. [ hs/30.08.2007 ]
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Krimi-Specials
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