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Trujillo Munoz, GabrielErinnerung an die TotenOriginaltitel von "Erinnerung an die Toten": "La memoria de los muertos" (Ediciones Vandalay: Sonora / Mexiko 2006).
Unsere Meinung:Ich kann mir nicht helfen: Immer wenn ich einen Kriminalroman in die Hand nehme, der im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet angesiedelt ist (und davon gab es zuletzt eine überraschende Anzahl), gerät mir die furiose Anfangssequenz von Orson Welles Noir-Film "Im Zeichen des Bösen" (USA 1958) vor Augen: Ein frisch verheiratetes und verliebtes Ehepaar (Charlton Heston und Janet Leigh) macht sich zu Fuß auf einen romantischen Abendspaziergang über die Grenze. Gleichzeitig verfolgt der Zuschauer den Weg einer großen Limousine beim Grenzübertritt. Auch darin ein verliebtes Paar, dass sich in dieser Nacht amüsieren will, doch als Zuschauer weiß man, dass in ihrem Auto eine Bombe deponiert ist, die ihrem Leben bald ein Ende setzen wird . . .
Gabriel Trujillo Muñoz Romansequenz "Erinnerung an die Toten" erscheint mir fast wie die Fortsetzung dieses tödlichen abendlichen Grenzszenerie und setzt - nach dem unruhigen Schlaf der Nacht - mit dem Beginn eines neuen Tages ein: "Der Tag erwachte in Mexicali, so als ob die Welt verwundet wäre: eine rötliche Staubwolke bedeckte den Himmel. Kein Vogel am Himmel. Das Leben erwachte mit einem aufsteigenden Flugzeug, das seine erste Ladung Insektizide über die sich zu beiden Seiten der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten erstreckenden Rüben- und Zwiebelfelder versprühte." (Anfangssätze von Gabriel Trujillo Muñoz: Erinnerung an die Toten, S. 7) Die klassische Situation des chandleresken Detektivromans: Rechtsanwalt Miguel Ángel Morgado wird von einer Frau beauftragt, tief in der Vergangenheit ihrer Familiengeschichte zu wühlen und die wahren Hintergründe des Todes Ihres Vaters Emilio Esquer Laguna, dem einstigen legendären Ex-Gouverneur des mexikanischen Bundesstaates Baja California, zu ermitteln, der 1963 kurz vor dem Attentat an John F. Kennedy unter fraglichen Umständen im Bett einer Prostituierten einem Herzinfarkt erlag. Die Tochter will nun nach Jahrzehnten, dass die wahren Umstände des Todes ihres Vaters aufgeklärt werden. Denn sie zweifelt an den offiziellen Versionen. Der Fall ist überaus heikel, weil Morgados Auftraggeberin gleichzeitig die Schwester von John Salivie ist, dem Senator des benachbarten Kalifornien, der nicht unberechtigte Ambitionen hegt, der nächste Präsident der USA zu werden. Der Fall gestaltet sich aber bald noch um so pikanter, als sich die skandalösen Vorfälle von einst immer widersprüchlicher darstellen. - Morgado wird langsam bewußt, dass er in eine ganz und gar schmutzige und tödliche Geschichte geraten ist, in der Wahrheit und Gerechtigkeit wohl kaum zu ihrem Recht verholfen werden kann . . . "So war sie, die Welt von heute: ein Hinterhalt. Das Gesetz des Stärkeren im öffentlichen wie im privaten Leben. Es gab keine Landeshoheit mehr und keine unverletzlichen Grenzen. Handschuhe waren überflüssig. Die Schläge kamen direkt. Ohne Schiedsrichter." (Gabriel Trujillo Muñoz: Erinnerung an die Toten, S. 176) Der Grenzgänger Muñoz weist mit seinem lakonischem Kurzroman "Erinnerung an die Toten" eindrucksvoll auf die genauso mächtigen wie gewalttätigen Interessengeflechte und -konflikte hin, die zwischen reichen und armen Ländern herrschen. Die mexikanisch-amerikanische Grenze stellt in dieser Hinsicht zweifellos schon seit langem als exemplarischer Brennpunkt der Globalisierung mit all ihren wirtschaftlich-sozialen Konflikten dar. Verbrechen und Korruption sind an solchen Nahtstellen nicht selten die bestimmende ökonomische Kraft. Solche Zusammenhänge kleidet Muñoz in eine spannende Erzählung und in die Frage, wie diese Geschichte begonnen hat und welche Zusammenhänge sich hinter den herrschenden Zuständen verbergen. Überdies stellt der mexikanische Autor Gabriel Trujillo Muñoz hier einen ganz bemerkenswerten Sinn für die Poesie und kritische Kraft des klassischen Detektivromans unter Beweis, und das zweifellos im Sinne von Dashiell Hammett und Raymond Chandler. Seine schriftstellerischen Absichten muß man deshalb nicht unbedingt aus dem dieser Buchausgabe angefügten kurzen Manifest "Miguel Ángel Morgado: Die Wurzeln des Grenzdetektivs" herauslesen. Seine Texte sprechen im Grunde für sich selbst. Fazit: Große Absichten in dichter, kleiner Erzählform. Die Botschaft des Autors wird dennoch unmissverständlich deutlich. Und schließlich besinnt sich sein Detektivroman hier in wohltuender Weise auf seine ernsten modernen Wurzeln und widersteht der Versuchung inzwischen genretypischer humoristischer und spannungstechnischer Mätzchen. Dennoch: Das Gefühl von wahrer erzählerischer Größe stellt sich bei diesem Kurzroman und der beigefügten Erzählung allerdings (noch) nicht ein. [ hs/22.03.2008 ]
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