Titel: Unten sind ein paar Typen

Dal Masetto, Antonio Unten sind ein paar Typen

Originaltitel: Hay unos tipos abajo
Aus dem Spanischen von Susanna Mende

Buenos Aires 1978: Vorabend des WM-Finalspiels zwischen Holland und Argentinien. Pablo, ein Journalist, wird von seiner Freundin darauf aufmerksam gemacht, dass vor dem Mietshaus, in dem er wohnt, ein paar Typen seien. Diese Typen, die stundenlang in einem Auto sitzen und irgendetwas observieren, sind im Argentinien der Militärdiktatur eine Bedrohung der besonderen Art. Doch Pablo bringt das zunächst nicht mit seiner Person in Verbindung.
Erst allmählich kommt Alarmstimmung in ihm auf. Er registriert bei seinen Gängen durch die Stadt, was nicht ins alltägliche Bild passt. Satz für Satz verwandelt sich Buenos Aires in einen Ort der Bedrohung. Wir sehen, was die wachsende Angst in ihm anrichtet – und in seiner Umgebung, wie seine Freunde auf Distanz gehen … Parallel zu seiner Angst und seiner Einsamkeit wächst die Begeisterung der Fußballfans. Argentinien wird Weltmeister. Der Höhepunkt von Pablos Horror fällt zusammen mit dem Höhepunkt der Siegeseuphorie, welche die ganze Stadt erfasst.

Autor: Dal Masetto, Antonio
Titel: Unten sind ein paar Typen
Jahr: 2007-09
Seiten: 146 | Hardcover
Verlag: Rotpunktverlag
ISBN: 978-3-85869-352-5
Preis: 16.00 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Durch sein eigenes Spiegelbild im Fenster hindurch blickte er in die vorbeifliegende Nacht. Der Zug und er gruben einen Tunnel in die Dunkelheit, der sich hinter ihnen wieder schloss. Er hätte gerne geschlafen, um sich der Situation vollkommen hinzugeben und durch die kommenden Stunden zu gleiten, ohne sich um etwas zu kümmern zu müssen. Noch war es zu früh, um nachzudenken. Er wollte nicht nachdenken.
Bis irgendwann ein körperliches Unbehagen seine Aufmerksamkeit verlangte. Er spürte Kälte und Müdigkeit. Der Rücken tat ihm weh, und er hatte Hunger. Er hatte schon lange nichts mehr gegessen. Vielleicht konnte er im Zug einen Sandwich kaufen. Die unvermeidliche Frage tauchte ebenfalls auf: Was tue ich hier? Und dann sah er sich selbst: ein Mann auf der Flucht, erniedrigt von der Angst, verloren irgendwo."
(Antonio Dal Masetto: Unten sind ein paar Typen, S. 139 f.)

Hatten Sie in Ihrem Leben jemals schon das Gefühl gehabt, beobachtet oder gar verfolgt zu werden? - Der argentinische Journalist Pablo hat es. Und das macht ihm zunehmend Angst. Doch hat er Grund dazu?
Es ist ein Wochenende in Buenos Aires im Juni 1978, was in Argentinien zunächst bedeutet: Es ist recht kalt und es ist Winter. Das Wochenende stellt allerdings ein ganz besonderes dar, denn ganz Argentinien fiebert am 24./25. Juni 1978 dem Fußball-WM-Finale Argentinien - Holland entgegen. [Auch der Rezensent tat das damals übrigens im bzw. aus dem eher kalten deutschen Sommer; Anm. von hs.]
Für Pablo gestaltet sich dieses Wochenende aus ganz persönlichen Gründen außergewöhnlich: Denn ihm fällt zuerst beiläufig und dann spätestens beim Blick aus dem Fenster genauer auf, dass sich unten an der Straßenecke zwei zwielichtige Gestalten aufhalten. Sie scheinen das Mietshaus, in dem er wohnt, zu observieren. Sie scheinen ihn zu observieren. Ihre dauerhafte Anwesenheit nährt zumindest seine Zweifel daran, dann einen tieferreichenden Verdacht und schließlich paranoide Ängste. Doch hat er einen Grund dazu?
Die Mehrzahl der Argentinier zeigt sich nach der schleichenden Machtergreifung der Militärjunta seit 1976 längst mit den neuen Machthabern abgefunden zu haben. Man hört zwar von seltsamen und abenteuerlichen Geschichten, immer wieder verschwinden spurlos Menschen, aber kaum einer hegt zunächst den Verdacht, dass hier ein großes Verbrechen vorbereitet wird oder gar schon stattfindet. Die Argentinier befinden sich im Rausch ihres großen Sportfests, aber im Grunde weiß doch jeder (oder kann es sich ausrechnen), was im Lande gleichzeitig noch alles im Gange ist.

Auch Pablo sieht hingegen keinerlei Grund dafür, von der Staatsmacht observiert zu werden. Denn er ist ein kleines, unbedeutendes Licht, der völlig unpolitische, praktisch bedeutungslose Zeitungsartikel produziert und davon ganz ordentlich leben kann. Auch politisch ist er nicht aktiv, so dass es eigentlich keinen Grund g...
Und genau das macht ihm Angst. Er sucht Rat und Hilfe bei Freunden. Doch die gehen dezent und überraschend schnell auf Distanz, als sie von seiner Geschichte erfahren. Zu allem Überfluss zerstreitet er sich Pablo dann auch noch mit Ana, zu der er eigentlich ein sehr enges Verhältnis hat. Und während das ganze argentinische Volk dem großen Finale entgegensieht, überkommt Pablo der Horror. Er irrt durch die Straßen von Buenos Aires und versucht so seine (mutmaßlichen) Verfolger abzuschütteln. Und während die argentinischen Fußballer Mario Kempes und Daniel Bertoni in einer dramatischen Verlängerung in der 105. und 115. Minute das 3:1 gegen die Niederländer schießen, weiß Pablo nach 48 Stunden, in denen er sich ob seiner Situation das Gehirn zermartert hat, nicht mehr ein noch aus. So fasst er einen weitreichenden Entschluss ...

Antonio Dal Masettos Buch "Unten sind ein paar Typen" als Kriminalroman zu bezeichnen, das scheint mir ein wenig gewagt. Und dennoch: Der Roman baut ganz und gar auf Spannung und auf die Erwartung, dass etwas Schlimmes – ein Mord, ein Verbrechen – passiert. So wirkt das ganze Geschehen um den "Helden" Pablo zunehmend paranoid und gehetzt. Doch "im Grunde" hat Pablo ja allen Grund Angst zu haben. Er weiß es, seine Freunde wissen es, alle wissen es. Nur spricht es niemand offen aus. So funktioniert Terror, und mit all diesen Mitteln der körperlosen Gewalt arbeitet eine verbrecherische Diktatur, die ihre Gesellschaft entweder noch nicht vollkommen im Griff oder zum Mittun angestiftet hat oder die es sich nach außen hin nicht leisten kann, dass ihre Verbrechen "öffentlich" werden.

Dal Masettos großes Können zeigt sich in diesem Roman genau in diesem Spannungsverhältnis. Er zeigt Gewalt ohne sie konkret darzustellen. Sein Sätze wirken wie Bilder, die nichts von ihrem Schrecken wirklich zeigen, sondern durch pure Andeutungen nur noch gewalttätiger darstellen. Und dass sein Pablo stellenweise wirkt wie Josef K. in Franz Kafkas "Prozeß", scheint mir dabei übrigens nicht nur ein kurioser Randaspekt dieses ganz und gar bemerkenswerten Romans.
Der argentinische Autor überraschte uns bereits mit seinem schnellen und brutalen Roman "Noch eine Nacht". Wie intelligent und perfekt er die Spannungsklaviatur zwischen lauten und leiseren Tönen, zwischen schrillen und stillen Szenerien beherrscht, das zeigt er nun nicht zuletzt mit "Unten sind ein paar Typen".
Das Titelmotiv war in Argentinien übrigens ein geflügeltes Wort (habe ich mir sagen lassen). Es bedeutet(e) im Grunde: Du bist in Gefahr. Sie sind hinter Dir her. Mach schnell, dass Du fort- und am besten außer Lande kommst. Man mag sich wünschen, dass weder ein/e Argentinier/in noch ein/e Deutsche/r jemals wieder in eine solche Situation kommen mag. Man mag dies keinem Menschen wünschen.

Fazit: Um den wahren Schrecken, der in diesem Buch steckt, ermessen zu können, muss man wohl eine Diktatur selbst und inklusive konkreter Innenansicht miterlebt haben. Deshalb hat mich als solch "Erfahrungsloser" die knappe Form des Romans, der paranoide Charakter von Pablos Innen- und Außenansichten und die seltsame Ereignislosigkeit seiner etwas absurd wirkenden Geschichte auch nicht ganz überzeugt. Die Wendung "Unten sind ein paar Typen" wirkt (mit ihrem gut gemeinten Rat) ebenso unkonkret wie z.B. Begrifflichkeiten, die hierzulande das Leben zunehmend verpesten, nehmen Sie nur Formulierungen wie "freiwillige Ausreise" oder "Humankapital".
Sollte Deutschland also je einmal wieder mit einer Regierungsform wie die der Diktatur "gesegnet" werden, dann würde das geflügelte Wort "Ich bin dann mal weg" wohl einen ganz neuen Klang annehmen. In allen Fällen ist und wäre das dann aber sicher ein Sprachcode dafür, dass da Menschen am Werke sind, die es ganz und gar nicht gut mit einem meinen und die wohl auch jederzeit zu Schlimmerem fähig wären (wenn sie nur dürften).

[ hs/26.11.2010 ]
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