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Ditfurth, Christian von Schatten des WahnsStachelmanns dritter Fall: Die Dinge sind anders, als sie scheinen. Ganz anders. Diesmal wird Stachelmann zurückgeworfen auf die eigene Geschichte und auf einen Mord in einer Thingstätte, die dereinst Joseph Goebbels eingeweiht hatte. Nach Mitternacht klingelt die Oberkommissarin Carmen Hebel an der Haustür. Sie bringt dem Hamburger Historiker Josef Maria Stachelmann eine schreckliche Nachricht: Ossi ist tot. Oskar Winter war ihr Kollege und Stachelmanns Freund.
Unsere Meinung:Diese Rezension wurde erstmals am 08.09.2006 zur gebundenen Ausgabe veröffentlicht.
"Andere Flugblätter oder Studentenzeitungen jubelten über Aktionen, als stünden die einzig wahren Revolutionäre kurz davor, die Macht im Staat zu erobern. Der Klassenfeind jedenfalls war schon schwer angeschlagen. Es war Stachelmann peinlich, diese großmäuligen Phrasen zu lesen. Während die Studentenbewegung ihrem Ende entgegeneilte, posaunten die letzten Sekten ihre endgültigen Wahrheiten umso lauter heraus. Aber es half nichts, er war dabei gewesen. Und Ossi auch, er hatte den Lautsprecher gegeben. Das war Jahrzehnte her und doch so nah." (Christian v. Ditfurth, Schatten des Wahns, S. 155) Christian v. Ditfurth erweist sich mit seinen "historischen" Kriminalromanen zunehmend als Spezialist zum Thema Lebenslügen. Und dabei erinnert der Autor, der wie sein Serienheld Josef Maria Stachelmann Geschichtswissenschaftler ist, ganz nebenbei daran, wie viele Leichen noch in deutschen Kellern liegen mögen. Waren es im ersten Stachelmann-Roman "Mann ohne Makel" die Nazi-Zeit und in "Von Blindheit geschlagen" die "Stasi-Zeit", so knöpft sich Ditfurth nun die Sünden und Verirrungen der deutschen Studentenbewegung der 60er und 70er Jahre vor. Doch anders als in seinen vorangegangenen Romanen scheint ihm bei diesem Thema die Ironie, die erzählerische Lust und mitunter die nüchterne zeitgeschichtliche Distanz zum Gegenstand seines Romans verlorengegangen zu sein. Das mag auch daran liegen, daß der Autor, selbst Jahrgang 1953, in diesem Fall seinem Roman offenbar stark autobiographische Züge verliehen hat, also vermutlich in seiner eigenen Biographie den einen oder anderen Makel und dunklen Fleck verspüren mag, den er hier romantechnisch verarbeitete. Doch das ist reine Spekulation. Wie sehr den Autoren nun aber sein Thema wirklich bewegt, merkt man übrigens schon an der Intensität, mit der die ersten 200 Seiten des Romans erzählt werden: Stachelmann glaubt nicht an den Selbstmord seines alten Freundes, dem Hamburger Kriminalbeamten "Ossi" Oskar Winter. Alte Akten und Zeitungsausschnitte auf Ossis Schreibtisch deuten darauf hin, daß dieser einem unaufgeklärten Studentenmord in den gemeinsamen Studententagen in Heidelberg auf der Spur war. Stachelmann, der eigentlich schon längst seine Habilitationsschrift hätte abliefern sollen, zögert ein wenig, den Geschehnissen in den Jahren 1978/79 nachzugehen. Dennoch reist er bald kurzentschlossen nach Heidelberg und beginnt mit intensiven Nachforschungen. Die erweisen sich als ziemlich mühselig und auch schmerzhaft, nicht nur wegen seiner chronischen Arthritis, sondern eben auch deshalb, weil Stachelmann seine eigene, verdrängte Vergangenheit heraufbeschwört. Nach langem hin und her gelingt es ihm dann aber tatsächlich, Licht in das Dunkel jener alten Geschichten zu bringen - allerdings in einem anderen Sinne als erwartet. Und auch die letzte Wahrheit um Ossis Tod erweist sich dann als ziemlich überraschend. Anders als in seinen vorangegangenen Stachelmann-Romanen gerät Christian von Ditfurth in "Schatten des Wahns" im Verlauf seiner Geschichte unmerklich aus dem Rhythmus. So wie irgendwann Stachelmanns Ermittlungen in Heidelberg ins Stocken geraten, scheint auch dem Autoren der Schwung seiner Erzählung verloren zu gehen. Wegzeichen dafür ist im Text spätestens die Passage, in der sich Stachelmann unmotiviert auf einen zwar fallkundigen, aber geradezu widerlichen pensionierten Polizeibeamten mit rechtsradikalen Anwandlungen einlässt, der ihm - gegen Bezahlung! - bei seinen Ermittlungen helfen soll. Etwa ab diesen Punkt verliert das Buch an Stimmung und Stimmigkeit, abgesehen davon, daß der Plot sich in der Folge zunehmend in den vielen einzelnen 70er Jahre-Biographien seiner Figuren verliert. - So als ob dem Autoren nichts mehr Neues zu seiner Geschichte und seinem Helden einfallen würde. Die allzu bekannte Erzählweise Ditfurths tut dementsprechend ihr Übriges dazu, denn z.B. steigt Stachelmann wie schon zuvor jedem weiblichen Rock nach, der auch nur irgendwie ansehnlich ist (was ihn natürlich, wie könnte es auch anders sein, wieder in Schwierigkeiten bringt). Ditfurth arbeitet leider so penetrant mit seinen gewohnten Erzählmustern, daß man seinen Anti-Helden Stachelmann fast schon wieder leid wird. Und so wie er in "Schatten des Wahns" das Fühlen und Denken einer Studentengeneration einerseits recht gut beschreibt, anderseits durch Verallgemeinerungen geradezu anprangert, zielt er doch ein wenig über das Ziel hinaus. Denn ob man die Einzelbiographien früherer Studenten, Protestler und Sektierer als moralisch fragwürdig oder gar peinlich empfindet, bleibt jedem selbst überlassen. Und eine symbolische Schuldfrage, wie sie in seinen vorangegangenen Roman mit NS- und Stasi-Verbrechen in den Hintergrund projiziert war, liegt ebenfalls nicht vor. Also, was solls: Oder soll die Spannung allein darin liegen, was aus jedem Einzelnen geworden ist? Sozusagen als generatives Klassentreffen? Oder als moralisches Panoptikum? Man tut sich irgendwie schwer mit diesem Buch. Zwar hat Christian von Ditfurth hier erneut versucht, einen zeitgeschichtlichen Nerv zu treffen, doch ist ihm das dieses Mal weit weniger gelungen als zuvor. Und er versäumt es hier zudem, seinen Kriminalroman als Ganzes zu einem stimmigen Ende zu führen. Denn das, was sich uns am Ende von "Schatten des Wahns" als Auflösung präsentiert, das ist zwar wieder so spannend und lesenswert wie der Anfang des Buches, aber wirkt vor dem Hintergrund von Ditfurths genauso vielgestaltigem wie abschweifendem Plot leider zu aufgesetzt. [ hs/29.09.2007 ]
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Krimi-Specials
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