Titel: Kälter als der Kalte Krieg

Thomas, Ross Kälter als der Kalte Krieg

Ein McCorkle-und-Padillo-Fall

Originaltitel: "The Cold War Swap" (1966)
Aus dem Amerikanischen von Wilm W. Elwenspoek, durchgesehen und überarbeitet von Gisbert Haefs und Anja Franzen

Frühere Ausgaben: Deutsche Erstausgabe u.d.T. "Der Einweg-Mensch" bei Ullstein (Bd. 1277, Frankfurt a.M. / Berlin 1970; Neuausgabe unter dem gleichen Titel mit Bd. 10152, 1982)

Es ist ein geruhsames Leben, das der Amerikaner Mac McCorkle als Barbesitzer in Bonn führt bis eines Tages ein Mann namens Maas auftaucht, dessen Gesprächspartner in Macs Place niedergeschossen wird. Mit den Schüssen beginnt für Mac und seinen Partner Mike Padillo, der gelegentlich zu "kleinen Agentenjobs" abkommandiert wird, eine Geheimmission. McCorkle beteiligt sich an der »blinden« Reise seines Freundes und muß bald nach Berlin, um dort Kopf und Kragen bei einer überaus undurchsichtigen Rettungs- und Tauschaktion zu riskieren.

Laut Verlag erscheint im zweiten Halbjahr 2011 eine neue Auflage.
CK. am 02.11.2010

Autor: Thomas, Ross
Titel: Kälter als der Kalte Krieg
Jahr: 2007-10
Seiten: 320 | Taschenbuch
Verlag: Alexander
ISBN: 978-3-89581-179-1
Preis: 12.90 EUR

Status: Vergriffen

Preis: 12.90 EUR

Unsere Meinung:

`EINE ART UNGLAUBWÜRDIGER ROMAN´

"John Le Carré bezeichnet sich als kleinen Fisch (oder wie er auf Deutsch sagt, als `Wurm´), der von 1959 bis 1964 in Bad Godesberg und Hamburg für den britischen Geheimdienst wirkte. Wenn man seine Geschichten über das alte Bonn und die noch älteren Nazis Globke, Achenbach und Oberländer hört, über den Ritterkreuzträger Mende und den Eifer, über das, was alle hätten wissen können, über das, was beschwiegen wurde, dann war dieses Deutschland eine Art unglaubwürdiger Roman: ein von Spionen durchsetztes Land, Dunkelmänner, Schieber, Nachkriegsgewinnler, Wirtschaftswundergauner - alle auf der Grundlage des grad weggeschobenen Nationalsozialismus."
(Zitiert aus: Willi Winkler: Der Aufstand des Anständigen. Ein Portrait zu John Le Carré, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 214 vom 16./17.9.2006, S. III)

Ähnlich wie John Le Carré als Botschaftsattaché war Ross Thomas Ende der 50er Jahre als Journalist in Bonn tätig. Beide wissen also, wovon sie reden. Und das merkt man ihren Romanen auch deutlich an, selbst in den ironischen Untertönen. Und an diesen mangelt es bestimmt nicht in Ross Thomas’ einst preisgekröntem Romandebüt "The Cold War Swap" von 1966, das jetzt nach 1970 und 1982 erneut in einer deutschen Neuausgabe und unter dem Titel "Kälter als der Kalte Krieg" im Berliner Alexander Verlag erschienen ist.

Ross Thomas’ Spionage-Thriller ist zynisch, hart und brutal. Und es wird viel getrunken in diesem Roman. Vorzugsweise Wodka, da die Geschichte überwiegend in Ost-Berlin spielt, zu einer Zeit, etwa Mitte der 60er Jahre, als der Kalte Krieg die Frontstadt zu einem einzigen Eiswürfel machte.
Getrunken wird aber auch Whisky, weil die Protagonisten des Romans - der Amerikaner Mac McCorkle und sein Kompagnon Mike Padillo - in Bonn-Bad Godesberg eine gut gehende Bar namens "Mac’s Place" führen. Nun rechnet zumindest Mac nicht im geringsten damit, dass in diese kleine Welt bald der Kampf der Geheimdienste einkehrt und seine tödlichen Spuren hinterlässt.
Es beginnt also mit einem Toten in seiner Bar, einem geheimnisvollen Fremden, der eines Abends dort erschossen wird. Als Nächstes wird Mac eröffnet, dass sein Partner in der geteilten Mauerstadt Berlin in ziemliche Schwierigkeiten geraten ist. Mac zögert keinen Augenblick, um seinem Kumpel zu helfen, und wird dabei in einen kleinen mörderischen Grenzverkehr verwickelt, der ihm - ohne die entsprechenden Alkoholrationen - durchaus das Blut in den Adern gefrieren lassen könnte . . .

"Kälter als der Kalte Krieg" ist sicher nicht der stärkste Roman von Ross Thomas. Außerdem bewegt sich das Buch inzwischen zweifellos "out of time", denn dieser trockenen Farce auf europäische Agenten- und Spionageromane ist deutlich ihr Anachronismus anzumerken: So sehr sich das Buch in seinem ganzen Ton und Habitus von den Absurditäten des Kalten Kriegs und des "Eisernen Vorhangs" distanziert und sich beinahe darüber lustig macht, so sehr wabern einem hier doch auch die schwefligen Nebelschwaden einer waffenstarrend geteilten Welt entgegen.
So sollte das Eingangszitat aus einem Portrait-Interview Willi Winklers mit John Le Carré deutlich machen, wie unwirklich diese deutsche Nachkriegswelt zu großen Teilen war. Beinahe surreal. Eben: `Eine Art unglaubwürdiger Roman´, was für viele heute nicht mehr unbedingt nachvollziehbar sein mag - zumal, wenn solche kritischen Gesellschaftsporträts in einen so "munteren" Spionagethriller wie "The Cold War Swap" eingebunden ist.

Nun haben wir die sehr reale Neuauflage dieses Buches nach 25 Jahren dem verlegerischen Eifer von Alexander Wewerka zu verdanken, der in Berlin-Charlottenburg seit Jahren einen kleinen, rührigen Verlag führt und offenbar wider aller vorgeblichen Markt- und Marketinggebote genau die Bücher herausbringt, die er und seine Mitstreiter/innen auch wirklich und aus reinem Herzen machen wollen. Seiner verlegerischen Verve haben wir so u. a. Neuausgaben von Charles Willeford, Jörg Fauser und nicht zuletzt Ross Thomas zu verdanken.
Wäre die Neuausgabe dieses Buch äußerlich nicht so relativ modern, bestechend einfach und cool gestylt (in blaß-grauem Hintergrund mit Dollar-Motiv und altmodischem Schrift-und-Piktogramm-Design auf dem Titelbild), so hätte ich es unweigerlich zugeklappt, um erst einmal den Staub von seinem Deckel zu pusten. - Zwar gibt es also gegenwärtig meiner Meinung nach sicher weit modernere und spannendere Spionagethriller zu lesen (u. a. von Joseph Kanon, Robert Littell oder Robert Wilson), - doch wer sich genauso kompromisslos wie illusionslos in die Sixties und Seventies zurückversetzen will, der liegt hier so richtig wie in einem der gigantischen Wasserbetten jener Zeit . . .

Cheerio!

[ hs/12.12.2007 ]
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