Titel: Ein dickes Fell

Steinfest, Heinrich Ein dickes Fell

Ein Kartäuser-Mönch soll im achtzehnten Jahrhundert die Rezeptur für ein geheimnisvolles Wunderwasser erfunden haben 4711 Echt Kölnisch Wasser. Als in Wien ein kleines Rollfläschchen mit dem Destillat auftaucht, beginnt eine weltweite Jagd nach dem Flakon: Seinem Inhalt werden übersinnliche Kräfte nachgesagt, wer es trinkt, erreicht ewiges Leben. Ausgerechnet der norwegische Botschafter muß als erster sterben, und Cheng, der einarmige Detektiv, kehrt zurück nach Wien. Sein Hund Lauscher trägt mittlerweile Höschen, hat sich aber trotz Altersinkontinenz ein dickes Fell bewahrt.

Markus Cheng-Reihe Bd.3.

Autor: Steinfest, Heinrich
Titel: Ein dickes Fell
Jahr: 2007-11
Seiten: 608 | Taschenbuch
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-25070-2
Preis: 9.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Die Rezension bezieht sich ursprünglich auf eine frühere Ausgabe.

"Was nun sicherlich am meisten erstaunt, ist das Überleben des Markus Cheng. Denn dies war keineswegs der Plan gewesen. Cheng hätte sterben sollen. Ja, man könnte sagen, dass diese ganze verrückte Geschichte in erster Linie darum entstanden war, um schlussendlich den Tod des nach Wien heimgekehrten Detektivs herbeiführen und solcherart einen Kreis sauber und endgültig zu schließen."

Hier gesteht ein Krimiautor sein Versagen ein. Er hat es nicht geschafft, seinen Helden, den Privatdetektiv Cheng "umzubringen", sterben zu lassen und ihn damit endgültig aus der (literarischen) Welt zu schaffen.
Schon diese seltsame Art der indirekten Leseransprache deutet an, dass man es bei Heinrich Steinfests Kriminalroman "Ein dickes Fell" mit einem wahrhaft seltsamen Buch zu tun bekommt. Und diese Begegnung ist solcherart, das sie sicherlich nicht nach jedermanns Geschmack sein wird.
Der Roman ist nämlich übervölkert von Wahnsinnigen, von genauso aberwitzigen wie skurrilen Figuren. Da ist nicht nur die Profkillerin Anna Gemini, die mit ihren Jobs sich und ihren vierzehnjährigen, geistig behinderten Sohn über die Runden bringt (und ihn z. B. auch immer "zur Arbeit" mitnimmt); oder ihr ominöser Wiener Mittelsmann Smolek (ein Name, der nicht nur zufällig an den Stasi-Agenten Gromek aus Hitchcocks Politthriller "Der zerrissene Vorhang" von 1966 erinnert), der sie nicht nur für eine "höhere Sache" morden lässt, sondern die Mordaufträge auch noch so arrangiert, dass die Opfer nicht nur ihr Leben lassen, sondern sie auch noch ihre Killerin finanziell vergüten lassen; und da ist im Gewimmel von seltsamen Figuren und Konstellationen natürlich auch noch der einarmige Detektiv Cheng und sein altersschwacher Hund Lauscher, die von Kopenhagen aus, wo sich Cheng inzwischen niedergelassen hat, ins Geschehen eintreten.
Und auch in Steinfests drittem Cheng-Roman betritt sein Detektiv wie zuletzt überhaupt erst sehr spät die Szenerie. Um genau zu sein: Auf Seite 134. Na, wird sich der Autor da gedacht haben, der liebe Cheng hat ja schließlich auch noch fast 500 Seiten Zeit, den Anschlagsversuchen seines Autors zu entgehen und dem Tod gleich mehrfach von der Schippe zu springen.
Auch wenn Cheng diesen Roman letztlich überlebt, Tote gibt es in dieser grandiosen 600-Seiten-Schwarte dennoch genug. Denn immerhin hat ja jede vernünftige Geschichte eine ordentliche Vorgeschichte. Und eine solche will und muß ja schließlich auch erzählt werden. So bleibt Cheng nicht lange in Kopenhagen, sondern kehrt im Auftrag eines norwegischen Regierungsbeamten in seine alte Heimat Wien zurück, um dort den Mord an dem norwegischen Botschafter in Dänemark (tja, schräg eben!) aufzuklären. Der arme, unglückliche Diplomat wurde - völlig undiplomatisch - Opfer eines Gemini-Smolek`schen Attentats, und das auch noch im Auftrag seiner Gemahlin. Unterdessen kommt Cheng der gar nicht unsympathischen Frau Gemini schon bald auf die Spur, kann ihr aber nichts nachweisen. Bei seinen weiteren Recherchen trifft er dann in Wien noch auf eine ganz erkleckliche Anzahl von Spinnern, unter denen z. B. die einen an die weltverschwörerische und lebensspendende Kraft des Duftwässerchens 4711 in seiner Urform glauben, und die anderen in alten Villen nach Zeitlöchern fahnden und zu diesem Zweck die eigene Ehefrau in die Klappsmühle einliefern lassen ... - Das klingt Ihnen alles ein wenig zu überdreht und abseitig? - Ja, so ist er halt, unser lieber Steinfest.
Alles in allem hat sich Heinrich Steinfest mit dem dritten Cheng-Roman tatsächlich selbst übertroffen. Das Buch strotzt nur so vor schrulligem Sprachwitz und genialen Randbemerkungen zum Leben an sich, zur Liebe, zum Tod, zu Wien und zum ganz normalen Wahnsinn, der diesem menschlichen Weltengetriebe innewohnt. Auch viele der bekannten Figuren aus den früheren Steinfest-Romanen tauchen wieder auf, so der schwule Philosoph Ludwig Wittgenstein oder der Wiener Kommissar Lukastik (aus "Nervöse Fische"). So könnte ich seitenweise aus dem Buch zitieren (mein Leseexemplar war nach der Lektüre ein einziges Eselsohr), lasse das hier aber lieber und hinterlasse Ihnen besser nur noch mein abschließendes Urteil:
Unbedingt empfehlenswert!

Dennoch möchte ich zu bedenken geben, was der amerikanische Schriftsteller Joe R. Lansdale einmal in einem Interview zum Ausdruck gebracht hat: "Beinahe alles hat auch eine komische Seite, obwohl nicht alle Leute über die selben Dinge lachen können." - Das genau, liebe Leser und Leserinnen sollten Sie vielleicht bedenken, bevor Sie sich "Ein dickes Fell" zulegen.

[ hs/11.11.2007 ]
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