Titel: Der Teufel von Mailand

Suter, Martin

Der Teufel von Mailand

Sonias Sinne spielen verrückt: Sie sieht auf einmal Geräusche, schmeckt Formen oder fühlt Farben. Ein Aufenthalt in den Bergen soll ihr Gemüt beruhigen, doch das Gegenteil tritt ein: Im Spannungsfeld von archaischer Bergwelt und urbaner Wellness, bedrohlichem Jahrhundertregen und moderner Telekommunikation beginnt ihre überreizte Wahrnehmung erst recht zu blühen oder gerät die Wirklichkeit aus den Fugen?

Autor: Suter, Martin
Titel: Der Teufel von Mailand
Jahr: 2007-11
Seiten: 296 |
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-23653-8
Preis: 9.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Diese Rezension wurde erstmals am 06.07.2006 zur gebundenen Ausgabe veröffentlicht.

"Das Böse ist eine Konvention wie das Gute. Man einigt sich darauf. Menschen opfern war gut. Menschen fressen war gut. Menschen rädern war gut. Menschen bombardieren ist gut. Menschen in die Luft sprengen ist gut. Je nachdem."
(Martin Suter, Der Teufel von Mailand, S. 270)

Sonia Frey steckt in einer tiefen Sinn- und Lebenskrise. Ihre Ehe mit dem Banker Frédéric Forster, Sohn aus gutem Hause, endet in einer Katastrophe, was der aber nicht wahrhaben und anerkennen will. Nach tätlichen Übergriffen Frédérics und einer Messerattacke zeigt Sonia ihren Mann an und lässt sich von ihm scheiden, woraufhin Familie Forster Schadensbegrenzung betreibt, um die bürgerliche Fassade zu wahren. Während der cholerische Stalker Frédéric sich also in einer psychiatrischen Klinik einer "Behandlung" unterziehen lassen muß, taucht Sonia buchstäblich unter.
Doch im Großstadtleben kann Sonia keinen Seelenfrieden finden. Dann verändert sich eines Nachts durch eine unfreiwillige Drogenerfahrung in einer Diskothek buchstäblich ihr ganzes Leben: Der LSD-Trip, der ihr untergejubelt wurde, macht sie zur Synästhetikerin, und sie kann plötzlich Geräusche sehen, Farben fühlen, Formen schmecken.
Daraufhin beschließt Sonia, ihren alten Beruf als Physiotherapeutin wieder aufzunehmen und heuert in einem neu eröffneten Wellness-Hotel in den Bergen des Unterengadins an. Doch selbst in der Einsamkeit und Zurückgezogenheit der Bergwelt kommt sie nicht zur Ruhe, denn einerseits wird sie mit ihrer jungdynamischen und attraktiven Chefin Barbara Peters nicht warm, andererseits sind ihr die Menschen vor Ort nicht ganz geheuer. (Einen größeren Kontrast als das moderne Hotel und die ländliche Rückständigkeit eines vom Tourismus noch kaum erschlossenen Bergdorfes könnte es mithin auch nicht geben.) In dieser kühlen und beinahe giftigen Atmosphäre geschehen bald mysteriöse Dinge. Und als Sonia dann mehr oder weniger durch einen Zufall auf die alte Engadiner Sage "Der Teufel von Mailand" stößt, ahnt sie, daß hier irgendjemand ein böses Spiel treibt ...

Die Romane Martin Suters sind sehr charakteristisch und auf den ersten Blick zu erkennen. Und auch in seinem neuen Buch "Der Teufel von Mailand" erzählt er uns in bewährter Manier eine weitere (Kriminal)Geschichte vom Zustand unserer bürgerlichen Moral. Neu ist daran zweierlei: Hatte Suter zuletzt in "Lila, Lila" oder "Die dunkle Seite des Mondes" vor allem aus männlichem Blickwinkel erzählt, so ist seine Protagonistin dieses Mal eine junge Frau auf der Sinn- und Lebenssuche.
Bemerkenswert ist überdies Suters Erzählweise, die hier an die klassische Art seines Landsmanns, dem schweizerischen Erzähler Jeremias Gotthelf (1797-1854), erinnert und mich mehrmals an die Sagenerzählung "Die schwarze Spinne" (Schullektüre!) zurückdenken ließ.
Suters Romane zeichnen sich (vielleicht sogar in ebensolcher Tradition) insgesamt nicht nur durch einen schnörkellosen und präzisen Erzählstil aus, sondern enthalten im Grunde auch eine massive Zeitkritik aus eher konservativem Blickwinkel. Daß dieses kritische Potenzial Suters so unaufdringlich daherkommt, liegt in seiner Kunst der Darstellung innerer Situationen und ihres symbolischen Ausdrucks begründet. In Suters Erzählwelten werden so meist das Schicksal Getriebener und Suchender wiedergespiegelt, die in einer Welt der bürgerlichen Habgier, Verlogenheit und inneren Leere keinen Platz für sich finden können:

"Sonia ging schnell und war schon bald außer Atem. Zu ihrem neuen Leben gehörte auch, dass sie ihre verlorene Kondition zurückgewinnen wollte. Als sie noch als Physiotherapeutin arbeitete, hatte es zum Beruf gehört, in Form zu sein. Und später, als Frédéric sie überredet hatte, den Beruf aufzugeben, da war sie fit aus Langeweile. Sie trainierte regelmäßig in einem Club, nur, weil sie nichts mit ihrer Zeit anzufangen wusste. Und als ihr auch das zu langweilig wurde, begann sie mit Yoga. Dabei hatte sie auch Peter kennengelernt, ihren ersten Seitensprung. Als sie mit ihm Schluß machte, war es auch vorbei gewesen mit dem Yoga. Von da an war ihr Leben immer weniger langweilig geworden. Und immer weniger gesund."
(Martin Suter, Der Teufel von Mailand, S. 59)

Suters Zeit- und Wertekritik kommt nicht platt und lärmend daher. Sein Erzählstil erweist sich dabei auch nicht unbedingt als stilistisch brillant, aber doch als prägnant. Vieles bei Suter ist nämlich einfach schön beobachtet, ob er nun hinter die Fassade eines Anzugträgers schaut oder den Rotz an der Nase des Dorfdeppen beschreibt.
Was nun seine Protagonisten betrifft, so geht Suter sehr mitfühlend mit ihnen um: Im Guten wie im Bösen. Seine Figuren sind buchstäblich zu vielem fähig, wenn nicht gar zu "allem". (Und nicht selten haben sie im übertragenen Sinne fast "übersinnliche" Fähigkeiten, was hier die Synästhetikerin Sonia unter Beweis stellt.) Daß sich hier in "Der Teufel von Mailand" urplötzlich der nur allzu realistische Rahmen von zivilisationsmüden Wohlstandsbürgern und die düstere Dämonie einer mittelalterlichen Dorfsage gegenüberstehen, das macht die Sache letzten Endes und bis zum überraschenden Ende nur noch spannender.
Fazit: Vielleicht nicht Suter bestes, aber dennoch ein sehr unterhaltsames und in mehrerlei Hinsicht lesenswertes Buch!

[ hs/06.07.2006 ]
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