Neuausgaben, Vergriffenes wieder aufgelegt - Januar 2012
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Clark, Mary HigginsDas Haus am PotomacOriginaltitel: Still Watch
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Edwardson, AkeZimmer Nr. 10Originaltitel: Rum Mummer
Unsere Meinung:Diese Rezension wurde erstmals am 01.11.2006 zur gebundenen Ausgabe veröffentlicht.
"Er wusste, dass es mehr Fragen als Antworten gab, auf hundert Fragen kam eine Antwort. Das würde sich ändern, es würde mehr Antworten geben, aber Fragen konnten es weit über hundert, ja tausend sein, und selbst wenn die Zahl der Antworten die der Fragen überstieg, war es nicht sicher, dass sie der Lösung des Rätsels näher gekommen waren. Lösung. Auflösung. Bezeichnungen für etwas, das fast immer unklar blieb, unfertig." (Ake Edwardson, Zimmer Nr. 10, S. 39-40) Zuerst fühlte ich mich bei dem Titel von Ake Edwardsons neuem Kriminalroman vordergründig an Cechovs grandiose Novelle "Krankenzimmer Nr. 6" erinnert. Nun haben beide Bücher in Wirklichkeit kaum etwas miteinander zu tun, außer vielleicht daß in beiden jeweils ein Raum mit einer Zimmernummer ein vielschichtiges Geheimnis verbirgt und daß beide Bücher in gewisser Weise verschiedene Ausprägungen des Verfolgungswahns beschreiben. "Zimmer Nr. 10" ist dabei jedoch in jeglicher Hinsicht weit entfernt vom "Klassiker". Von Anfang an ist der Roman beherrscht von dem hinlänglich bekannten düsteren und melancholischen Grundton skandinavischer Kriminalromane. Ärgerlicher als dieser Manierismus wirken allerdings Edwardsons bemühten Versuche, seinen Figuren und seiner Geschichte durch Fragen nach Sein und Zeit mehr Tiefgründigkeit zu verleihen. Dabei ist diese Geschichte im Grunde schnell erzählt. In seinem siebten Fall gerät der Göteborger Kommissar Erik Winter in eine Midlife-Crisis: In einem Hotel wird eine junge Frau erhängt aufgefunden. Zunächst spricht vieles für Selbstmord. Als nach genaueren Ermittlungen jedoch immer mehr Indizien auf einen Mord hindeuten, entsinnt sich Winter plötzlich an einen alten Fall, der achtzehn Jahre zurückliegt und sich in dem gleichen Hotel und in dem gleichen Hotelzimmer, dem "Zimmer Nr. 10", zugetragen hatte. Damals war dort eine Frau spurlos verschwunden. Zumindest hatten sich ihre Spuren in ebenjenem Hotelzimmer verloren. In der Folge gehen vor allem Winter und sein alter Kollege Halder auch diesem vagen Indiz nach und suchen mühselig nach den eigenen Erinnerungen und den möglichen Verbindungen zwischen beiden Fällen. Doch während der schwierigen und langwierigen Ermittlungen wird Winter immer nachdenklicher und stellt dabei auch sein eigenes Leben in Frage. "Räumst du in deinem Kopf auf?" "Die Erinnerungen, ich räume die Erinnerungen auf." "Gut", sagte Ringmar. "Weißt du schon, was wir das Ehepaar Ney fragen wollen?" "Was meinst du, wirken die beiden wie ein Paar?" "Das ist die Frage", sagte Winter. "Und was ist die Antwort?" (Ake Edwardson, Zimmer Nr. 10, S. 164) So ließe sich "Zimmer Nr. 10" sehr wohl und ironisch mit "Winters Raunen" untertiteln. Edwardsons Geschichte wirkt sehr düster. Schicksalshaft. Geheimnisvoll. Und (natürlich) nicht zuletzt bedrohlich. Doch ehrlich gesagt langweilte mich dieses Mal der sich wiederholende Grundton und die immer gleichen Motive aus Edwardsons Kriminalromanen, so daß ich nach 200 Seiten Lektüre kaum noch bereit war, den langwierigen Hin und Her der Gedankengänge Winters und der anderen Protagonisten zu folgen. Das Problem des Romans liegt für mich dabei vor allem darin, daß Edwardson die beiden Fälle, die fast zwanzig Jahre auseinander liegen, erzähltechnisch zu sehr ineinander verschränkt. In wechselnden Zeit- und Erzählperspektiven, die weder datiert noch deutlich gekennzeichnet werden, spielt er mit der Aufmerksamkeit, der Konzentration und nicht zuletzt der Geduld der Leser. Dieses stilistische Prinzip hatte der Autor schon weit glücklicher in einem der vorangegangenen Romane, nämlich in "Die Schattenfrau", erprobt, doch in seiner neuerlichen Anwendung wirkt dieser Erzähltrick nur noch schwerfällig. Kommissar Winter tritt genauso wie die Geschichte um das mysteriöse Zimmer Nr. 10 lange Zeit einfach nur auf der Stelle. Edwardson scheint hier buchstäblich nichts mehr zu seiner Geschichte einzufallen. Erst auf den letzten hundert Seiten klären sich endlich die Nebelschwaden um das geheimnisvolle Familiendrama, das hier erzählt wird. Erst jetzt wird es wirklich spannend. Die Vergangenheit ist wieder ausschließlich Vergangenheit und nicht länger quälende Erinnerung, gleichzeitig befreit sich Kommissar Winter ein wenig von seiner Melancholie und kommt so mit klareren Gedanken dem Täter immer näher ... Fazit: So deutlich wie schon lange nicht mehr bemerkte der Rezensent bei diesem Roman, wie sehr die eigene Lektüre unterschiedlicher Leselust und Stimmungsschwankungen unterworfen sein kann. Doch abgesehen von diesem (vor allem für Kritiker) bedenklichen Phänomen, bietet der Roman tatsächlich lange Zeit nur schwer verdauliche Krimikost. "Zimmer Nr. 10" ist ein Buch, das man überdies nur schwerlich in Etappen lesen kann. Und die Grundidee des Romans, die mit ihrer Symbolik (und nicht zuletzt jenem geheimnisvollen Zimmer Nr. 10) dem Horrorgenre entlehnt ist, kann ihre Wirkung leider nicht voll entfalten. Überdies ist zu beobachten, wie Edwardsons Winter-Serie inzwischen offenbar in ihren eigenen Manierismen erstarrt. - Schade. [ hs/01.11.2006 ]
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